In dieser Ausgabe:
>> Joseph Beuys und seine Schüler
>> Vik Muniz - Kunst in den Favelas
>> Ayse Erkmens Interventionen
>> Deutsche Pop Art: Thomas Bayrle

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Ayse Erkmen, Netz, 2006
Installationsansicht Galerie Barbara Weiss, Berlin, 2007
Foto: Jens Ziehe
Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin


Anstatt transportable und damit auch handelbare Objekte zu schaffen, realisiert die Künstlerin oft ortspezifische Interventionen, die nur eine kleine Weile bestand haben. Häufig manipuliert sie die Dinge, die sie in den Ausstellungsräumen vorfindet und unterstreicht sie, indem sie einige wenige Elemente abwandelt oder hinzufügt: So montierte sie 2004 Lampen auf den Reinigungsmechanismus des Daches der Wiener Sezession und verwandelte die Glasdecke in ein Spielfeld ständig wechselnder Lichtquadrate. Das Hauptaugenmerk solcher Werke liegt auf dem Sichtbarmachen der Ausstellungssituation und damit letztlich auf der Beziehung der Kunst zum Menschen. Die Arbeiten offenbaren ihre humanistische Komponente jedoch selten auf den ersten Blick. Sie sind vor allem Angebote an den Betrachter: "Ich versuche absichtlich den Kern der Arbeit zu verschleiern, so dass die Menschen etwas mehr arbeiten müssen, um dahin vorzudringen."

Erkmens konzeptueller Ansatz macht sich auch bei ihrer Lehrtätigkeit bemerkbar. Sie hat an der Kunsthochschule Kassel und zwischen 1999 und 2004 an der Frankfurter Städelschule unterrichtet. Ihre Frankfurter Klasse hat so unterschiedliche Künstlertypen wie Dani Gal, Michaela Meise und Dirk Fleischmann hervorgebracht. Ein Zeichen, dass im Unterricht weniger ein festgelegtes Handwerksrepertoire als vielmehr ein besondere Art zu Denken vermittelt wurde: "Anstatt den Studenten Ideen vorzugeben, habe ich mich bemüht, ihre eigenen Gedanken nachzuvollziehen – selbst wenn sie mir am Anfang uninteressant erschienen. Ich habe versucht zu verstehen, worauf sie hinauswollen. Ich finde, wenn man junge Künstler unterrichtet, muss man sich auf sie einlassen. So ist es mir gelungen, in ihr Werk einzutauchen und darin einen Sinn für mich zu finden. Ich denke, dass ist auch gut für den Lehrer. Ich habe viel von meinen Studenten gelernt."



Ein solches Arbeiten erfordert selbstverständlich eine Menge Diskussionen. "Ich führe mit meinen Studenten zunächst viele Gespräche über ihr Konzept", sagt Erkmen. "Und im zweiten Schritt geht es dann um technische Dinge. Wie sie ihre Idee am präzisesten und effektivsten ausdrücken können." Erkmens konzeptorientierter Arbeitsansatz überträgt sich hier auf ihre Lehrtätigkeit und selbstverständlich ist sie keine Künstlerin, die handwerkliches Wissen vermittelt, wie sich gefällige Kunst am besten für zahlungskräftige Abnehmer designen lässt: "Ich habe meinen Stundenten immer gesagt, dass sie sich nicht um den Markt kümmern sollen", erzählt die Künstlerin. "Vielleicht ist das auch ein schlechter Rat." Sie selber allerdings konnte gar nicht an den Kunstmarkt denken. In der Türkei gab es lange Zeit keine Sammler zeitgenössischer Kunst. Das hat sie davor bewahrt, solide, marktorientierte Kunstware zu produzieren.


Die Kuratoren ihrer Retrospektive muss dieses Insistieren auf dem Ephemeren allerdings an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Wie soll man eine solche Ausstellung organisieren, wenn von den maßgeblichen Arbeiten der Künstlerin nicht viel mehr als das Konzept und ein paar Dokumentationsfotos übrig geblieben sind. "Ich habe zuerst eine Liste gemacht, um festzustellen, welches Konzept am besten durch welches Kunstwerk ausgedrückt wird", sagt Erkmen. "Und dann habe ich mich zusammen mit dem Kurator dazu entschlossen, die Werke noch einmal für den Hamburger Bahnhof zu schaffen. Bis auf wenige Ausnahmen sind keine Arbeiten angeliefert worden. Sie sind neu für die Räume entworfen worden."





Ayse Erkmen,Under the Roof, 2005
Ikon Gallery Birmingham
Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin



Das Resultat wird also weniger eine Retrospektive sein, als vielmehr ein umfassender Remix. Fans können nach ihrem Erkmen-Favoriten in neuer Orchestrierung Ausschau halten. Nicht immer sind die Referenzen so eindeutig, wie bei den grünen Linien im Hamburger Bahnhof, die den Konturen eines Behindertenlifts folgen und damit auf das Projekt Imitating Lines verweisen, mit dem die Kunststudentin 1977 die Ecken und Nischen ihrer Akademie nachzeichnete. "Die Ausstellung wird für viele eine ganz neue Erfahrung sein", sagt Erkmen. Eine flüchtige Erfahrung zudem, die sich nach der Ausstellungsdauer wieder im Immateriellen auflösen wird: Vielleicht war es so. Vielleicht auch nicht.



Ayse Erkmen: Weggefährten
Hamburger Bahnhof, Berlin
13. September 2008 - 11. Januar 2009

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