In dieser Ausgabe:
>> Joseph Beuys und seine Schüler
>> Vik Muniz - Kunst in den Favelas
>> Ayse Erkmens Interventionen
>> Deutsche Pop Art: Thomas Bayrle

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Joseph Beuys, University of Minneapolis, Fragment 3, 1974, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008,
Sammlung Deutsche Bank



Das belegen auch seine Minneapolis Fragmente. Die Serie entstand 1974 anlässlich eines Vortrags an der dortigen Universität. Die flüchtigen Zeichnungen, Wörter und Diagramme veranschaulichen Beuys Lehrtätigkeit ganz unmittelbar – als fließender Prozess, der Diskussionen und Denkprozesse in Gang setzte: "Jeder soll auf seinen Intentionen aufbauen und die Fragen stellen, damit sich etwas klärt." Selten gab der Professor seinen Studenten konkrete Aufgaben. Stattdessen galt es eigene Inhalte, Ziele und Lösungswege zu finden. Erst wenn sie ihm ihre Ergebnisse präsentierten, schaltete er sich ein.




Walter Dahn, Goldzeichnungen, 1976,
Sammlung Deutsche Bank


Beuys Korrekturbesprechungen waren legendär – und gefürchtet. "Beuys war sehr streng und sehr definitiv", berichtet Walter Dahn. "Wie kein anderer gab er klare, definitive Urteile ab zu dem, was ihm vorgelegt wurde. Und die saßen." Seine Interventionen konnten sogar bis zur Zerstörung von Arbeiten gehen. Er zerriss Zeichnungen oder zerhackte Plastiken seiner Schüler mit einer Axt, was er als "skulpturalen Akt" deklarierte. Für Jörg Immendorff waren Beuys Urteile absolut bindend. "Das war wie ein Gütesiegel." Und was seinem Professor nicht gefiel, wurde wieder übermalt.




Jörg Immendorff, Freitag, 16.7., 1976, ©Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner, Köln/New York,
Sammlung Deutsche Bank


Obwohl Beuys Immendorffs vom Maoismus geprägter Bilderwelt und dem Medium Malerei skeptisch gegenüberstand, regte er ihn zu neuen Sichtweisen an. Die Erkenntnis, "dass Malerei etwas Prozesshaftes hat" wirkte für den Künstler "wie ein Türöffner". Aber auch Beuys' Aktionen beeinflussten seine Arbeit. Auch Immendorffs LIDL-Aktionen Ende der sechzige Jahre zielten auf gesellschaftliche Veränderungen. Und unter Slogans wie "Dem Volke dienen", entstand eine Kunst, die die Revolte der 68er unterstützen sollte. Die Biennale-Serie (1976) in Ahlen atmet noch den Geist dieser Zeit: tagebuchartig hält Immendorff die Ereignisse einer Woche fest. Protestmarsch am Donnerstag, Plakataktion zur Biennale und ein konspiratives Treffen am Freitag: Agitprop im Wandzeitungsstil.



Katharina Sieverding, ID/IV, 1992, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008,
Sammlung Deutsche Bank

Immendorffs provokante Aktionen führten 1969 schließlich zum Verweis von der Akademie. Und auch Beuys geriet in Konflikte mit den Hochschulbehörden. Da Studienbeschränkungen seinen Vorstellungen zuwider liefen, nahm er 1971 alle 142 von der Hochschule abgewiesenen Studenten in seine Klasse auf, was das Wissenschaftsministerium ablehnte. Aus Protest besetzte Beuys mit Studenten das Sekretariat der Akademie. In einem Gespräch mit dem Minister Johannes Rau erreichte er, dass die Kunstakademie die Bewerber aufnahm. Als Beuys mit abgewiesenen Studenten 1972 erneut das Sekretariat besetzte, entließ ihn der Minister fristlos.



Anselm Kiefer, Grab des unbekannten Malers, 1982, © Anselm Kiefer,
Sammlung Deutsche Bank


"To be a teacher is my greatest work of art" erklärte Beuys 1969 in einem Interview mit dem amerikanischen Kunstmagazin Artforum. In seiner Zeit als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf unterrichtete er über 300 Studenten und prägte so eine ganze Künstlergeneration. Der Einfluss des charismatischen Professors auf seine Schüler war immens, zu Epigonen wurden sie aber nicht. Doch lassen sich immer wieder Spuren von Beuys' Arbeiten im Werk seiner Schüler entdecken: sei es in der Sensibilität für "arme" Materialien bei Ulrich Meister oder Felix Droese, der sich wie Beuys früh mit dem Thema Ökologie beschäftigte. Auch Anselm Kiefers Auseinandersetzung mit der kosmischen Mythologie ist deutlich von seinem Lehrer beeinflusst, Katharina Sieverding führt in ihren Serien wie Kontinentalkern Beuys' Kritik am materialistischen Wissenschaftsbegriff weiter. Für die Fotokünstlerin verkörperte Beuys ein Ideal, weil er für seine Studenten "immer da war, sie herausforderte und Leistung erwartete. Ein besseres Beispiel eines Lehrers konnte man nicht erfahren".



Joseph Beuys, Iphigenie/Titus, 1985, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008,
Sammlung Deutsche Bank

Die Zitate stammen aus Petra Richters Buch Mit, neben, gegen – Die Schüler von Joseph Beuys, Richter Verlag, Düsseldorf, 2000.

"To be a teacher is my greatest work of art"
Joseph Beuys und seine Schüler.
Werke aus der Sammlung Deutsche Bank
Kunstmuseum Ahlen
bis 30. November 2008

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