In dieser Ausgabe:
>> Jürgen Bock zu "Drawing a Tension" / Pressespiegel Freisteller
>> Liz Christensen über "Feeling the Heat" / Angelika Stepken über "Freisteller"

>> Zum Archiv

 
"Die Sammlung Deutsche Bank war für mich ein Mythos"
Interview mit Kurator Jürgen Bock zu seiner Ausstellung "Drawing a Tension"

"Aufsehen erregend" fand Jürgen Bock die Kunst der Deutschen Bank schon als Student in den 80er Jahren. Jetzt wurde er als externer Kurator mit dem Auftritt der Sammlung Deutsche Bank in der Lissabonner Fundação Calouste Gulbenkian betraut. Seit fast zwanzig Jahren lebt Bock in Portugal und kennt sich in der dortigen Kunstszene bestens aus. Im Interview mit Filipa Oliveira vom portugiesischen Kunstmagazin L + artes spricht der Kritiker und Direktor der privaten Kunstschule Escola de Artes Visuais Maumaus, über das spannende Aufeinandertreffen von älteren und jüngeren Künstlern und sein Verständnis von Kunst als "Text".



Teresa Gouveira von der Fundação Calouste Gulbenkian,
Hermann-Josef Lamberti, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und
Kurator Jürgen Bock bei der Eröffnung von "Drawing a Tension"


Filipa Oliveira: Wie haben Sie sich als externer Kurator der Sammlung Deutsche Bank genähert?

Jürgen Bock: Von Beginn an hat mir die Deutsche Bank den Zugang zum Sammlungsarchiv ermöglicht. Zunächst habe ich die Geschichte der Sammlung anhand aller Publikationen, die die Deutsche Bank Art seit den 1990er Jahren veröffentlicht hat, recherchiert. Davor war mir die Sammlung nur als eine Art "Mythos" aus meiner Studentenzeit in den 1980er Jahren bekannt. Damals sorgte die Gründung der Sammlung für Aufsehen, als die Bank für ihren Hauptsitz in Frankfurt am Main zwei noch im Bau befindliche Wolkenkratzer erwarb und entschied, jedes Stockwerk einem einzigen Künstler zu widmen. In den Aufzügen der Gebäude war jede Etage mit dem Namen eines Künstlers versehen. Das alles wurde damals mit sehr viel Aufmerksamkeit verfolgt. Ganz besonders deshalb, weil es sich um die Initiative einer Bank handelte, und weil man die Kunst den eigenen Mitarbeitern, aber auch den Kunden näher bringen wollte. Die Werke waren ja von Anfang an für die Büros und Filialen der Bank bestimmt. Selbst für heutige Verhältnisse ist das Konzept ja sehr innovativ.



Gerhard Richter, Besetztes Haus, 1990,
Sammlung Deutsche Bank


Orientiert sich die Ausstellung an einem Thema? Welchen Blick richten Sie auf die Sammlung?

Ich finde es schwierig, mit Themen zu arbeiten, also von einem Wort oder Satz auszugehen und bereits bestehende Kunstwerke einem davon abgeleiteten Konzept oder gar den Techniken, in denen die Arbeiten ausgeführt wurden, unterzuordnen. Dabei riskiert man häufig, Interpretationen vorweg zu nehmen. Dies gilt sowohl für die vielen Lesarten der in der Sammlung vertretenen Künstler, als auch für die Rezeption der Schau durch das Publikum. Bei meiner Recherche fiel mir auf, dass die Sammlung einen sehr interessanten Blick auf die europäische Kunst eröffnet. Dadurch lassen sich etwa unterschiedliche Schwerpunkte auf wichtige Positionen setzen, zumal viele Künstler mit sehr verschiedenen Techniken vertreten sind. Für Drawing a Tension auf Malerei, Siebdruck oder Fotografie ein und desselben Künstlers zurückgreifen zu können, bot mir die Möglichkeit, seine Vielseitigkeit anhand der verschiedenen Techniken, mit denen er arbeitet, zu präsentieren. Es ist zum Beispiel merkwürdig zu sehen, dass die Druckgrafiken und Fotoarbeiten von Gerhard Richter und Sigmar Polke aus der Sammlung Deutsche Bank ein ganz anderes Bild ihrer politischen Haltung vermitteln, als ihre Gemälde. Die Gelegenheit zu haben, ein und dieselbe künstlerischen Haltung in unterschiedlichen technischen Ausprägungen zeigen zu können, erlaubt es, dem Publikum die künstlerischen Diskurse, die sich hinter einigen Positionen verbergen, anschaulicher zu machen. Das versuche ich, indem ich wichtige Momente der Kunstgeschichte mit aktuellen Positionen verbinde.




Francis Alys, Study for la Bataille du Bien & du Mal, 2001,
Sammlung Deutsche Bank


Wie ist die Ausstellung konzipiert?

Die Auswahl berücksichtigt Arbeiten von 1922 bis heute und auch jüngste Neuankäufe, die eigens für diese Ausstellung in portugiesischen Galerien erworben wurden. Der Besucher reist durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Man kann sagen, dass Schlüsselfiguren der Moderne gezeigt werden, deren Arbeiten von utopischen Vorstellungen wie etwa die des aufgeklärten Menschen motiviert wurden. Ebenso sind jüngere Positionen vertreten, die diese kritischen Utopien in eine Kritik der Utopie umwandeln. Dazu gesellen sich Künstler, die ihre Selbstbetrachtung in Bezug setzen zur eigentlichen künstlerischen Praxis, zum Zeitgeist der Moderne und zu den Umbrüchen im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts.




Albers, Josef, Study for Homage to the Square, o.J.,
Sammlung Deutsche Bank


Der Rundgang zeigt verschiedene Gruppen von Künstlern und bietet die Möglichkeit, Korrespondenzen und Spannungen zwischen den Werken und Positionen nachzuvollziehen, nicht nur innerhalb der Gruppen, sondern auch im Vergleich der Gruppen miteinander. Die erste Gruppe zeigt Arbeiten der 1960er Jahre bis heute, die von poetischen Konzepten geprägt sind, darunter Werke von Francis Alÿs, Heimo Zobernig, Marcel Broodthaers, Blinky Palermo und James Lee Byars. Diese Werke sind eher leicht zugänglich, sehr humorvoll und auf ihre Weise minimalistisch. In der zweiten Gruppe sind die wichtigsten Positionen der deutschen Nachkriegszeit vereint, die in der Sammlung äußerst stark vertreten sind: Gerhard Richter, Sigmar Polke, Hanne Darboven, aber auch Martin Kippenberger. Diese Werke sind unter anderem von Ironie und der Auseinandersetzung mit der politischen Situation geprägt – eine Reaktion auf die Widersprüche im geteilten Nachkriegs-Deutschland. Die letzte Gruppe besteht aus Künstlern, die die Geschichte eher in ihrer Kontinuität, als in ihren Brüchen rezipieren. Vielleicht fordert gerade diese Gruppe das Publikum besonders heraus, da es aufgerufen ist, die etablierten und bekannteren Künstler im Zusammenhang mit jüngeren Positionen neu zu sehen.


Marcel Broodthaers, Huit projet's, 1971,
Sammlung Deutsche Bank

Die drei Gruppen scheinen zudem in der Ausstellung von vier eigenständigen Konstellationen ergänzt zu werden, die sich mit einzelnen Künstlern beschäftigen.

Das stimmt. Den Arbeiten von Günther Förg ist zum Beispiel ein eigener Bereich gewidmet. Förgs Fotografien modernistischer Architekturen können auch als Abstraktionen von Bauten gelesen werden, die maßgeblich zum Mythos der modernen Utopien beigetragen haben. Zu diesem Bereich gehören auch die Arbeiten Markus Lüpertz, dieser extremen Künstlerpersönlichkeit, die sich bereits in den 1960er Jahren wirkungsvoll mit dem Genie-Kult in der Kunst auseinandersetzte. Seine Arbeiten aus der Zeit feiern die Erfindung des Neuen.



Günther Förg, Ohne Titel, 2006,
Sammlung Deutsche Bank

Einen weiteren Bereich markiert das Objekt von Thomas Hirschhorn, Musée Précaire Albinet (Lighter). Für mich steht diese Arbeit für den Versuch, die großen europäischen Utopien zu retten, die den schier endlosen Relativierungstheorien der Postmoderne zum Opfer fielen. Sie dient als Leitmotiv der Ausstellung. Der dritte Bereich ist Joseph Beuys gewidmet. Seine einzigartige Position im Nachkriegs-Deutschland schließt Drawing a Tension quasi ab. Beuys gelang es, sein Interesse am "sozialen Projekt" der Moderne mit dem Genie-Mythos in Einklang zu bringen und sich dabei zugleich politisches Gehör zu verschaffen…



Günther Förg, IG-Farben-Haus XII, 1996,
Sammlung Deutsche Bank

… während Karin Sanders Arbeit, die den vierten eigenständigen Bereich in der Schau bildet, ja ziemlich eindeutig auf die auf die Ausstellungsarchitektur von Marcos Corrales antwortet.

Corrales’ Einbauten sind sehr wichtig für die Ausstellung, weil sie die große Bandbreite an Techniken und die unterschiedlichen Rahmungen und Formate der Werke zusammen halten. Die Ausstellungsarchitektur mit ihren ausgewogenen Proportionen und den Wänden aus MDF-Platten gelingt es, den sehr dominanten und offenen Räumen des Gulbenkian Museums etwas Ebenbürtiges einzuschreiben. Auf den ersten Blick scheint es, als würden sich beide Architekturen ergänzen. Ein genauer Blick aber offenbart, dass Corrales ganz im Sinne der Moderne die vorhandene Architektur in Frage stellt. Das gelingt ihm besonders durch die Wahl des Materials, seinen Umgang damit und dadurch, dass er die Wände asymmetrisch gegen die Strenge des Raumes stellt.



Drawing a Tension im Gulbenkian Museum, Ausstellungsansicht

Sanders eigens für Drawing a Tension geschaffene Wandarbeit bezieht sich zwar auf die Proportion der Ausstellungsarchitektur. In ihrer Klarheit scheint sie sich ihr aber zugleich zu widersetzen: Die auf Hochglanz polierte Fläche steht in einem Spannungsverhältnis zur sie umgebenden Architektur und zu den in der Nähe platzierten Kunstwerken, die sich im Werk der Künstlerin spiegeln.

Können Sie noch etwas zu ihrem Konzept sagen, ältere Positionen mit jüngeren zu vermischen?

Die ganze Ausstellung fordert eigentlich dazu auf, die ausgestellten Werke in einen weiteren Kontext zu stellen. Die Spannungen zwischen älteren und jüngeren Werken sollen helfen, sich über die klassische kunsthistorische Betrachtungsweise hinwegzusetzen, und dadurch zu neuen Lesarten führen. Unter diesem Aspekt – sei es nun ein Werk, ein Stück, eine Arbeit – sind sehr unterschiedliche Künstler zusammengefasst: Hans Arp, Rosemarie Trockel, João Penalva, Pedro Barateiro, Joseph Albers, Olav Christopher Jenssen, Otto Freundlich, Eva Hesse,Max Ernst, Zoe Leonard, Maria Lassnig und Louise Bourgeois.



Maria Lassnig, Ohne Titel, 2005,
Sammlung Deutsche Bank

Ich hoffe, dass das Publikum ähnlich wie bei Roland Barthes’ Unterscheidung zwischen "Text" und "Werk", auch in den Arbeiten der genannten Künstler Facetten von "Text" entdecken wird – also neue Interpretationsmöglichkeiten findet, die über die gängige Rezeption als abgeschlossene Werke der Kunstgeschichte hinausweisen. Ich schlage dem Publikum eine Lesart vor, in der der Künstler aus seinem Werk heraustritt und dem Betrachter somit eine zeitgemäße Wahrnehmung erlaubt, in der er selbst, mit seinem eigenen Erfahrungsschatz, zum Co-Autor des betreffenden Werks wird. Am Ende ist das für ihn eine Erleichterung, um die heutige Bedeutung der Arbeiten zu hinterfragen.


Pedro Barateiro, Escultura de Casa, 2008
© Pedro Barateiro
Sammlung Deutsche Bank

Das Gespräch führte Filipa Oliveira erstmalig für L+arte.

[1] [2]