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Idylle als Lockvogel
Sharon Lockharts hintergründige Filme und Fotoarbeiten


Es ist leicht, Sharon Lockharts Kunst einfach nur schön zu finden. Die Amerikanerin zeigt idyllische Szenen wie winterliche Kiefernwälder oder japanische Bauern bei der Feldarbeit. Die neue Kunstausstattung im IBC-C der Deutschen Bank und eine große Retrospektive im Hamburger Kunstverein bietet allerdings Gelegenheit, die Künstlerin besser kennen zu lernen. Hinter den Werken steckt oft jahrelange Recherche, bei der Lockhart ihren ganz eigenen Zweck verfolgt, wie Cheryl Kaplan feststellen konnte.



Sharon Lockhart, Untitled (Boy with Guitar), 2005,
Deutsche Bank Collection

Sharon Lockharts Wille zur Einfachheit macht die Dinge manchmal ganz schön kompliziert: Die schöne Oberfläche und eindringliche Präsenz ihrer großformatigen Fotografien und Filme täuschen leicht über die Tatsache hinweg, dass ihnen lange intensive Recherchen vorangegangen sind. Die Künstlerin verbringt manchmal Jahre damit, sich ihren Themen und Motive anzunähern. Später verwirft sie den Großteil ihrer Recherchen – nur um den übrig gebliebenen Rest umso stärker in ihrer Kunst zu verdichten. Lockharts reduzierende Arbeitsweise erfordert es, das Thema zunächst enorm auszuweiten, um es dann allmählich zu konzentrieren. Durch diesen Prozess erlangen die Arbeiten ihre visuelle Eindringlichkeit.


Sharon Lockhart, Audition One, Simone and Max, 1994
Sander Collection

"Meine Projekte basieren oft auf einem Bild, das ich sehe oder auf Büchern und Filmen. Die Recherche ist immer ein wichtiger Teil der Vorbereitungen meiner Filme und Fotos. Ich liebe diesen Aspekt der Arbeit, und ich verbringe eine Menge Zeit damit, die Menschen kennen zu lernen, die in meinen Filmen mitspielen, und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Ich erforsche Bilder genauso wie die Themen und Ideen, die meinen Filmen zu Grunde liegen. Das alles teile ich dann mit den Menschen vor meiner Kamera. Ich lege sogar Themenordner an mit den Bildern, die ich gesammelt habe."


Sharon Lockhart,
Lunch Break Installation, Duane Hanson: Sculptures of Life,
Scottish National Gallery of Modern Art, 2003, Courtesy neugerriemschneider, Berlin
Gladstone Gallery, New York Blum & Poe, Los Angeles

Während des letzten Jahres war sie in Maine und New England unterwegs, um an einer Fotoserie und einem Film mit dem Titel Lunch Break zu arbeiten. Lunch Break ist von Skulpturen des amerikanischen Künstlers Duane Hanson inspiriert: einer Gruppe hyperrealistischer Fiberglasfiguren, die Bauarbeiter bei der Mittagspause zeigt. Für die Lunch-Break-Fotoserie hat Lockhart Handwerker der National Gallery of Scotland abgelichtet, die Hansons Skulptur im cleanen White Cube aufbauen. Die Dreharbeiten zum Film, der momentan noch in der Postproduktionsphase ist, führten die Künstlerin in die staubige Wirklichkeit. Von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte, von Mittagspause zu Mittagspause. "Ich wollte eine Arbeit über die sozialen Realitäten von Erwachsenen machen. Ich bin sehr viel in Maine herumgereist, um den Charakter der Industrie im Staat und die Arbeitsbedingungen kennen zu lernen", erklärt Lockhart. "Natürlich haben sich viele meine Annahmen als falsch herausgestellt. Ich habe eine Menge gelernt über New England, wo ich ja immerhin aufgewachsen bin." Geboren wurde Lockhart 1964 in Norwood, Massachusetts, in der Nähe von Boston. Später studierte sie Kunst am San Francisco Art Institute und am Art Center College of Design in Los Angeles. Im Moment ist eine große Retrospektive der Künstlerin im Hamburger Kunstverein zu sehen. Die Ausstellung, die noch bis zum 15. Juni läuft, präsentiert ihre Filme Pine Flat und No sowie die Fotoserien Audition, Pine Flat Studio und eine ältere Variante der Lunch Break-Fotografien.


Sharon Lockhart Pine Flat (Filmstill), 2005
© Sharon Lockhart 2005
Courtesy Gladstone Gallery, New York,
Blum & Poe Gallery, LA, and
neugerriemschneider Gallery, Berlin


Lockhard’s Lunch Break verweist nicht nur auf die Kunstgeschichte sondern auch auf die Fotografie als Medium der sozialen Dokumentation. Die Künstlerin scheint an berühmte Vorgänger wie Walker Evans anzuknüpfen, der für die amerikanische Farm Security Administration arbeitete und die Landarbeiter während der Großen Depression in den 1930ern porträtierte. Andere Arbeiten Lockharts lassen eher einen formellen, seriellen Zugang zur Dokumentarfotografie erkennen, der an August Sander erinnert. Sander realisierte in den 1920ern typologische Studien von Arbeitern, indem er ihre Porträts nach der Art der dargestellten Berufe gruppierte.



Sharon Lockhart, Untitled, 2005,
Sammlung Deutsche Bank


In ihrem Werk Pine Flat Studio hat Lockhart so etwas wie eine Typologie pubertierender Kleinstadtjugendlicher geschaffen. Nachdem sie ihr Studio in einer alten Scheune im Zentrum von Pine Flat, einem Ort in den Bergen der Sierra Nevada, eingerichtet hatte, lud sie die Kinder aus der Umgebung zu Fotosessions ein. Mit dieser gesellschaftlich involvierten Kunst erinnerte sie auch an die Tradition des Porträtstudios des amerikanischen Fotografen Mike Disfarmer (1884-1959): "Pine Flat Studio wurde praktisch das Zentrum der Stadt. Wenn Disfarmer hinter der Kamera stand, wurde er selbst unsichtbar und überließ es seinen Besuchern, das Bild so zu erschaffen, wie sie es wollten. Ich hatte die Absicht, dass die Fotos so wirken, als seinen sie auf einer Theaterbühne entstanden. Einem neutralen Raum, in dem sich die Kinder selbst darstellen. Pine Flat Studio war ein toller Ort für uns, um Filme zu schauen oder Fotos zu machen." Eines der Bilder, das im Pine Flat Studio aufgenommen wurde, ist Untitled (Boy with Guitar) aus der Sammlung Deutsche Bank. Das 2005 entstandene Foto hebt sich von den restlichen, formal sehr viel strengeren Porträts ab. Der Junge sitzt mit seinem Instrument in einem improvisierten Aufnahmestudio. Vor dem burgunderfarbenen Hintergrund sieht er aus wie ein Möchtegern-Rockstar. Er übt sich eindeutig daran, er selbst zu sein. Dieses intime Porträt eines Teenagers unterscheidet sich grundlegend von anderen Werken Lockharts, die im selben Jahr entstanden sind. Untitled, ein Foto, das ebenfalls zur Sammlung Deutsche Bank gehört, zeigt die gleiche Grundkonstellation: einen Mensch mit einem Instrument, aber diesmal verdeckt das umgedrehte Cello das Gesicht seines Besitzers. Die Atmosphäre dieses Fotos ist wesentlich filmischer, narrativer.



Sharon Lockhart Teato Amazonas (Filmstill), 1999
© Sharon Lockhart 2005
Courtesy Gladstone Gallery, New York,
Blum & Poe, Los Angeles, and
neugerriemschneider, Berlin


Lockharts Arbeit beginnt bei fast jedem Projekt damit, dass sie sich an den Ort ihrer Aufnahmen zurückzieht, sei es nun der Amazonas oder das Gebirge der Sierra Nevada in Kalifornien. Sie betreibt anthropologische "Feldforschung", um Informationen aus erster Hand über ihr Thema zu gewinnen. Dann aber verschleiert die Künstlerin ihr Hintergrundwissen, das sie sich während der Recherchephase mühsam angeeignet hat. Genau diese Dialektik aus Annäherung und Distanzierung wird zum bestimmenden Prinzip ihrer Kunst.

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