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Der menschliche Makel
Villa Romana-Preisträgerin Asli Sungu



Wenn kleine Fehler die Welt bedeuten: Asli Sungu lässt sich von Profis erklären, wie man richtig die Zähne putzt oder Gemüse schneidet – und erinnert daran, wie der Mensch selbst im Alltag universellen Rollenansprüchen gerecht werden muss. Die türkische Künstlerin und aktuelle Villa Romana-Preisträgerin hat Brigitte Werneburg mit ihren Arbeiten in "Freisteller" im Deutsche Guggenheim davon überzeugt, dass es große Kunst sein kann, sich seiner eigenen Unzulänglichkeit zu stellen.



Asli Sungu, Faulty, (Videostill), 2007,
© Asli Sungu

"Ein Rad, das sich nicht dreht, ist kein Teil der Maschine", sagt Ludwig Wittgenstein. Angesichts des Werks der türkischen Künstlerin Asli Sungu möchte man allerdings behaupten, das Rad, das sich nicht dreht, ist gerade deshalb ein Teil der Maschine. Denn die Verführung, ihr Werk als eine Maschine zu interpretieren, die nur dann Kunst produziert, wenn ein Rad sperrt, wenn sich Knöpfe nicht schließen lassen oder Regale die in ihnen abstellten Dinge nicht tragen, ist groß. Asli Sungu, entsteht der Eindruck beim Betrachten vor allem ihre kurzen Videos, zeigt sich vom Fehler fasziniert.



Asli Sungu, Faulty, (Videostill), 2007,
© Asli Sungu

Alles, was wir tun, ist mit Fehlern behaftet. Selbst die einfachsten Dinge. Zähneputzen zum Beispiel. Man glaubt, diesen Vorgang so sicher zu beherrschen, dass man gar nicht auf die Idee käme, das in Frage zu stellen. Asli Sungu ist da viel misstrauischer, wie ihr Beitrag zur Ausstellung der diesjährigen Villa-Romana-Preisträger im Deutsche Guggenheim, der vierteilige Film Faulty (2008), beweist. Für die Versuchsanordnung von Faulty lud sie etwa eine Zahnarzthelferin zu sich nach Hause ein. Sie sollte die Künstlerin beobachten, während sie ihre Zähne putzte und sie dabei, wenn nötig, korrigieren. Schnell stellte sich heraus, wie notwenig das war, denn es folgte die schockierende Erkenntnis, dass Asli Sungu vom Zähneputzen rein gar nichts versteht. Nun muss zum Beispiel nicht jeder Kochen können. Das verlangt, wie wir wissen, einige Kenntnisse. Aber Zähneputzen? Das ist doch kinderleicht? Das kann doch jeder!



Asli Sungu im Garten der
Villa Romana in Florenz 2008
Foto Gregor Hohenberg
© G. Hohenberg

Doch gerade dabei wird schnell deutlich, dass die Frage nach dem Fehler eine höchst komplizierte Angelegenheit ist. Zum Beispiel muss man ihn überhaupt erst einmal finden, vielleicht sogar erfinden, denn er ist nicht einfach da. Bis die Zahnarzthelferin auftauchte, hatte sich das Rad jedenfalls gedreht und war Teil der Maschine: "Zähneputzen ist doch keine Kunst!", wie man so schön sagt. Jetzt blockiert das Rad, und plötzlich ist Zähneputzen Kunst. Kunst heißt eben, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, auf die so schnell keiner kommt, die im Alltag untergehen; die aber, kaum sind sie erst einmal in der Welt, auch schon eine ganze Kaskade weiterer wichtiger Fragen nach sich ziehen. Was zum Beispiel begründet die Autorität, darüber zu entscheiden, was falsch und was richtig ist?



Asli Sungu, Faulty, (Videostill), 2007,
© Asli Sungu


Nicht ohne guten Grund sprach Asli Sungu sogenannte Profis an, die sie bei ihren Alltagsgeschäften beobachten und ihr Vorgehen beim Bügeln, beim Fensterputzen oder Gemüseschneiden kommentieren sollten. Also mit Fachleuten, die im Gegensatz zu ihr, dem Amateur, ihre Tätigkeit als Küchenchef, als Wäschefachmann oder Fensterputzer zur Sicherung ihres Lebensunterhalts ausüben. Als Profis genügen sie in ihrer beruflichen Qualifikation wie ihrem persönlichen Auftreten einer Rollenerwartung, die vor allem in einer ausgeprägten, fachlich autorisierten – und daher professionell genannten – Distanz zutage tritt. Eltern zum Beispiel können deshalb niemals Profis sein, was die Erziehung oder auch nur die Kommunikation mit ihren Kindern betrifft. Komischerweise betrachten sie sich trotzdem als Autorität.



Asli Sungu, Ganz die Mutter (Videostill), 2006,
© Asli Sungu


Asli Sungu, Ganz der Vater (Videostill), 2006,
© Asli Sungu

Eltern zum Beispiel wissen, in welchen Kleidern ihre Kinder am vorteilhaftesten aussehen. Wer kennt sie nicht, die kritischen Nachfragen, ob einem nicht diese Hose oder jenes Kleid viel besser stünde, als das, was man gerade trägt? Und wer kennt ihn nicht, den Ärger, der einen dabei überkommt? Man kann sich also lebhaft vorstellen, wie Asli Sungu auf die Idee zu ihrem Video Ganz die Mutter/Ganz der Vater (2006) kam. Denn Künstler ist, wer in den Eltern das Rad sieht, das sperrt, und damit die Maschine in Gang setzt. Also sehen wir Asli Sungu in ihrem Elternhaus in Istanbul, wie sie sich einmal ganz den Vorstellungen der Mutter und einmal ganz denen des Vaters entsprechend anzieht. Die Unterschiede sind eklatant. Während die Mutter ein eher mädchenhaftes Kleid auswählt und Sungu am Ende wie eine brave Schülerin aussieht, entscheidet sich der Vater für das klassische Outfit der Geschäftsfrau. Die Mutter sucht offensichtlich das Kind in ihrer Tochter und geht entsprechend unbefangen im Umkleidespiel auf. Der Vater sieht die Tochter zwar als erwachsene Frau, dafür verhält er sich im Umgang mit ihr eher distanziert oder auch befangen. Doch so verschieden das Idealbild der Tochter von Vater und Mutter ist, einig sind sie sich im modernen Frauenbild, das die europäische Garderobe repräsentiert.


Asli Sungu, Mein Zimmer, 2000,
© Asli Sungu

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