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Dani Gal: Gesampelte Geschichte


In der Ausstellung "Freisteller" im Deutsche Guggenheim werden die Besucher selbst zu DJs, wenn sie sich Dani Gals Plattenspielern nähern. Der israelische Multimediakünstler ist einer der diesjährigen Stipendiaten der Villa Romana. Seine furiose Performance, die er im Februar im Florentiner Künstlerhaus und nun im Deutsche Guggenheim zeigte, scheint emblematisch für die neue programmatische Ausrichtung der Villa Romana, meint Tim Ackermann.


Dani Gal, Architecture regarding the future of conversation, Ausstellungsansicht, Freisteller, Deutsche Guggenheim,
Foto Mathias Schormann


Deutsche Guggenheim, Mai 2008: Der schwarze Pioneer-Plattenspieler steht auf einem Podest in der Mitte des Ausstellungsraums. Er wirkt dort so fremdartig wie ein Relikt aus den HiFi-besessenen Achtzigern und so erhaben wie ein Ready-Made von Marcel Duchamp. Die Vinylscheibe auf dem Plattenteller dreht sich, der Tonarm wandert die Rille hinab, gelangt an ihr Ende. Dann schwenkt er zurück und verharrt einen kurzen Moment, bevor sich der Plattenspieler wie von Geisterhand gesteuert wieder in Bewegung setzt. Über Lautsprecher lassen sich undeutlich Gesprächsfetzen vernehmen. Der Besucher muss schon näher an die Kunst heran, dann kann er die Stimme eines Mannes identifizieren, der Englisch spricht: "Architektur ist wie eine Sprache … wenn Du richtig gut darin bisst, kannst Du zum Dichter werden." Noch einen Schritt näher und auf der Schallplatte lässt sich ein Name entziffern: Mies van der Rohe. Im selben Moment verändert sich jedoch die Abspielgeschwindigkeit des Plattenspielers, die Stimme des Architekten sackt ein paar Oktaven nach unten und beginnt entsetzlich zu leiern. Wieder sind nur Satzfetzen auszumachen: "…Ehrlichkeit des Materials…", "… nichts hält für immer…".


Dani Gal, Villa Romana 2008
Foto © Gregor Hohenberg

Den modifizierten Plattenspieler hat der israelische Künstler Dani Gal für die Ausstellung Freisteller geschaffen. Die Schau im Deutsche Guggenheim präsentiert noch bis Ende Juni neue Bilder, Installationen und Videos der aktuellen Stipendiaten der Villa Romana in Florenz. Seit 1905 wird der Villa Romana-Preis an herausragende junge Künstler verliehen. Zu den Preisträgern in diesem Jahr gehören neben Gal noch Julia Schmidt, Asli Sungu und Clemens von Wedemeyer.

Gal hat seine Schallplattenspieler-Sound-Skulptur bezeichnenderweise Architecture regarding the future of conversations genannt. Der 1975 in Israel geborene und heute in Berlin lebende Künstler spielt damit auf eine Platte mit dem Titel Conversations regarding the future of architecture an, die Interviews mit berühmten Architekten der Moderne wie Mies van der Rohe, Eero Saarinen oder Walter Gropius enthält. Eben jene LP lässt der Künstler auf zwei Plattenspielern in der Ausstellung rotieren. Und Mies van der Rohe, Saarinen, Gropius & Co. schildern ihre Utopien einer zukunftsweisenden Architektur. Dass sich dieser Diskurs der architektonischen Moderne dem Zuhörer immer wieder durch Unverständlichkeit entzieht, liegt ganz im Sinne des Künstlers. Denn schließlich hat er ja schon im Titel angedeutet, dass es ihm vor allem um die "Zukunft der Konversation" geht.


Dani Gal und Achim Lengerer bei ihrer Performance The Ballot or the Bullet! - voiceoverhead im Atrium des Deutsche Bank Gebäuders Unter den Linden,
Foto Mathias Schormann


So funktioniert seine Arbeit für das Deutsche Guggenheim interaktiv: Durch Sensoren in den Sockeln wird jede Bewegung im Umkreis registriert und in elektrische Impulse umgewandelt, die wiederum die Geschwindigkeit und die Lautstärke der Plattenspieler regeln. "Die Ausstellungsbesucher werden sich ihrer Bewegungen im Raum und ihrer Beziehungen zueinander bewusst, wenn sie zusammen die Platte manipulieren, auf der die größten Vordenker der modernen Architektur zu Wort kommen", erklärt Gal. Sie haben es also buchstäblich selbst in der Hand, wie viel sie von den aufgezeichneten Architektengesprächen verstehen; gemeinsam übernehmen sie Verantwortung für die Autorenschaft. Plötzlich bekommt man ein Gespür dafür, was der israelische Künstler mit dem "performativen Akt des Sprechens" meint.


Dani Gal, Grand Wizzard, 2008,
Fotocollage © Dani Gal

Dani Gal ist ein manischer Sammler historisch bedeutsamer Tonaufnahmen, ein Soundschnipsel-Junkie. Sein "Historical Record Archive" umfasst mittlerweile über 300 Schallplatten mit Dokumentationen unterschiedlichster Ereignisse, die die Welt von der Erfindung des Phonographen bis zum Fall der Mauer prägten. Originaltöne von der Siegesfeier auf dem Schlachtschiff U.S.S. Missouri nach dem Ende des zweiten Weltkriegs gehören ebenso zur Sammlung wie die Rücktrittsrede von US-Präsident Richard Nixon im Jahre 1974 oder Aufnahmen von der Krönung Queen Elizabeths II. Gal besitzt auch Schallplatten mit Ansprachen von Martin Luther King 1963 in Washington und Helmut Kohl 1989 in Dresden. Die meisten dieser Schallplatten entstanden zu Propagandazwecken.


Dani Gal, The talking mountain of Israel,
Video/Audio Installation, 2007
© Dani Gal

Bei länger zurückliegenden Beispielen mischt sich das Knistern und Rauschen des Vinyls unter die Stimme des Redners. Das sorgt für entsprechendes Authentizitätsgefühl und – bei sehr emotionalen Passagen – auch für ein leichtes Kribbeln, das den Rücken herunter läuft. "Man spürt den Raum", sagt Gal, "die Situation, in der die Aufnahme stattfand, die Zeit und die Qualität der Aufnahmegeräte. Das macht für mich das Anhören von Vinylschallplatten interessanter als das Lesen von Reden. Ich finde es spannend, mir die dokumentarische Situation anzuhören." Das Audiomaterial sei immer eine Aufzeichnung von etwas, das geschehen ist und berücksichtige daher den bereits erwähnten "performativen Aspekt des Sprechens". Man kann aber den vielleicht wichtigsten Leitgedanken des Künstlers auch in einem anderen Sinne verstehen: das Sprechen, das selbst zur Performance wird, wenn Gal sein historisches Tonmaterial mit dem zeitgenössischen Prinzip des Samplings kurzschließt.

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