In dieser Ausgabe:
>> Re-Reading the 80s
>> Tim Rollins & K.O.S.
>> Barbara Kruger
>> Interview Rainer Fetting

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Wie Barbara Krueger gehören auch Jenny Holzer oder Cindy Sherman zur ersten Generation der TV-Kinder, die Mitte der Vierziger bis Mitte der Fünfziger geboren wurde und während der boomenden Eisenhower-Ära aufwuchs. In dieser Epoche hielt das Fernsehen seinen endgültigen Einzug in fast alle US-Haushalte und prägte mit einem medialen Overload aus Familienserien, Cartoons, Soaps und Werbung so massiv wie noch nie zuvor die Ideale des "American Way of Life". Und so koppeln sich die Fragen nach Machtstrukturen, Kontrollmechanismen und Geschlechterrollen, die diese Künstlerinnen stellen, unmittelbar an die Macht dieser medialen Bilder und Botschaften.



Barbara Kruger, Untitled (Repeat after me) 1985/94
© Barbara Kruger
Courtesy: Monika Sprüth Philomene Magers, Köln, München, London


Allesamt arbeiten sie in den frühen Achtzigern mit den Mitteln der Appropriation. Holzer nutzt Werbemittel wie Schriftbänder, Buttons, Poster, T-Shirts und Plakate, um mit ihren Textarbeiten den öffentlichen Raum zu infiltrieren. Kruger platziert ihre Kunst auf Tüten, T-Shirts, Streichholzschachteln, den Covern von Newsweek oder Esquire, auf Plakatwänden, Bussen, auf U-Bahnen. Zwischen 1977 und 1980 schafft Cindy Sherman ihre berühmte Serie Untitled Film Stills – 69 Schwarz-Weiß-Fotografien, in denen sie verschiedene Frauenstereotypen personifiziert: Sekretärin, Verführerin, Mordopfer, Hausfrau. Sherman orientiert sich an Motiven aus Magazinen, Filmen und Fernsehen. Ihre Figuren sind durchweg Objekte männlichen Begehrens, gefangen in ihrer Rolle, definiert durch Posen, Make-Up, Kleidung. Mit der Aneignung von massenmedialen Vorbildern und Interventionen im öffentlichen Raum stellen die Künstlerinnen auch den Begriff des "originären" Kunstwerks in Frage.




Barbara Kruger, Untitled (Don't be a jerk), 1994
© Barbara Kruger
Courtesy: Monika Sprüth Philomene Magers, Köln, München, London

Dass Barbara Kruger in dieser Zeit zugleich als Film- und Fernsehkritikerin für das Kunstmagazin Artforum schreibt, ist konsequent. Denn während die Theorien des Postfeminismus Geschlecht und Sexualität zunehmend als Konstruktionen begreifen, die durch mediale und gesellschaftliche Repräsentation produziert werden, gilt Krugers Kritik der Maschinerie, die die Massen unermüdlich mit diesen stereotypen Images indoktriniert: der Werbe- und Unterhaltungsindustrie. "So lange Bilder zu den machtvollen und lebendigen Konventionen innerhalb der Kultur gehören, werde ich sie weiter benutzen und umpolen" sagt sie in einem Interview.



Barbara Kruger, Untitled (Seeing through you), 2004
© Barbara Kruger
Courtesy: Monika Sprüth Philomene Magers, Köln, München, London

Die New-Wave-Bewegung adaptiert Anfang der Achtziger den Look der Fünfziger in einer Mischung aus Coolness und ironischer Brechung. Kruger nutzt Images aus Illustrierten und B-Filmen, um eine bleierne Horrorversion dieses Fifties-Flairs zu erzeugen. "Keiner von uns bewegt sich außerhalb der Stereotype", sagt sie, "Jedes kleinste Bisschen von dem, wie wir uns im Alltag, in der Öffentlichkeit präsentieren, verrät auch etwas über gewisse Stereotypen von Haltung, Aussehen, Ausdruck."


Barbara Kruger, Untitled (I shop therefore I am II), 1987
© Barbara Kruger

Dem Celluloid-Alptraum der "Nuclear Family", der Weißbrotidylle amerikanischer Vorgärten, nähender, kochender Hausfrauen auf Psychopharmaka, verdrängten Mittelstandsbegierden stellt Kruger polemische Slogans wie "ICH KAUFE ALSO BIN ICH" oder "DU BIST NICHT DU SELBST" entgegen, in denen immer wieder die Personalpronomen "Ich", "Du" oder "Wir" auftauchen. Hierbei muss der Betrachter selbst entscheiden, welche Position er einnimmt, in welche Beziehung er sich zur Aussage setzt. Kruger geht es nicht allein um das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, sondern vielmehr um die Interaktion zwischen "aktiven" und "passiven" Rollen.



Barbara Kruger, Untitled (Your Body is a Battleground), 1989
© Barbara Kruger

"Your Body is a Battleground" – Dein Körper ist ein Schlachtfeld, das könnte das Motto für eine ganze Ära sein, in der "Body-Politics" eine zentrale Rolle spielen. Ursprünglich für einen Pro-Choice-Marsch in Washington konzipiert, bei dem 1989 zehntausende Demonstrantinnen für das Recht auf Abtreibung auf die Straße gehen, trifft Barbara Krugers Slogan den Nerv der Zeit. Amerika spielt in den hedonistischen Achtzigern die Voreiterrolle für einen gnadenlosen Schönheitskult. Doch während die Werbeindustrie suggeriert, dass der Körper durch Aerobic und Schönheitsoperationen zum grenzenlos formbaren Material wird, versucht die US-Regierung unter dem Schlagwort "Family Values" ultrakonservative christliche Moralvorstellungen und eine repressive Familien- und Gesundheitspolitik durchzusetzen.

Wenn Kruger für ihr Plakatmotiv ein stereotypes Modellgesicht vertikal in eine "postive" und "negative" Seite spaltet, verdeutlicht das die gesellschaftliche Schizophrenie. Denn auch Aids spaltet die Nation. Angesichts katastrophaler medizinischer Versorgung und Diskriminierung wächst die Wut. Als in den späten Achtzigern Gruppen wie Act-Up oder OutRage! mit kontroversen Kampagnen und Slogans wie "Silence = Death" an die Öffentlichkeit treten, bedienen sie sich einer ähnlichen Ästhetik wie Krugers frühere Arbeiten. Die präzise Direktheit und ausgesprochene Dringlichkeit, die Krugers Kunst vermittelt, hat bis heute nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Das liegt vielleicht auch daran, dass sich die Gewalt- und Machtmechanismen, die sie mit ihrer Arbeit hinterfragt, kaum geändert haben. Auch wenn feministische Künstlerinnen wie Holzer, Kruger und Sherman Weltruhm erlangt haben, gerät Women in the City nicht zur Retro-Feier. Die Diskurse, die in den Achtzigern begonnen wurden, sind noch nicht zu Ende geführt. Darauf weist auch eine Arbeit von Jenny Holzer hin, die auf einer Leuchttafel vor dem Roosevelt-Hotel installiert ist. Unter dem Neon-Schriftzug "Cinegrill" prangt in kleinen Lettern eines ihrer Truisms: "Sex Differences are here to stay."



Jenny Holzer, Truisms, 1977-79/2008, Installationsansicht,
Hollywood Boulevard, Los Angeles, Projekt für Women in the City
Foto: Fredrik Nilsen, courtesy West of Rome

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