In dieser Ausgabe:
>> Pipilotti Rist in Japan
>> Presseschau Jeff Wall

>> Zum Archiv

 
"Der gefrorene Moment"
Pressestimmen zur Jeff-Wall-Schau Belichtung im Deutsche Guggenheim



Mit seinen aufwendig inszenierten Tableaus spielte Jeff Wall eine Schlüsselrolle bei der Etablierung der Fotografie in der zeitgenössischen Kunst. Für das Deutsche Guggenheim hat der Kanadier vier neue großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien realisiert, die in "Belichtung" von ausgewählten früheren Arbeiten ergänzt werden. Mit der Schau feierte die Berliner Ausstellungshalle nicht nur einen der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, sondern auch das 10-jährige Jubiläum des weltweit einmaligen Joint Ventures zwischen Deutscher Bank und Solomon R. Guggenheim Foundation.

Von einem "Ausstellungscoup" spricht Gabriela Walde in der Berliner Morgenpost angesichts der aktuellen Jeff-Wall-Ausstellung im Deutsche Guggenheim. Für sie hat sich "das kleine Haus mit seinen 350 Quadratmetern" in den zehn Jahren seines Bestehens zu einer der "schubkräftigsten Kunstinstitutionen der Stadt" entwickelt. Auch Elke Linda Buchholz von der Stuttgarter Zeitung konstatiert, dass Größe nicht alles ist: "Das Deutsche Guggenheim weiß sein beschränktes Raumangebot auch diesmal in eine besonders konzentrierte Wirkung umzumünzen." Und in der taz schreibt Brigitte Werneburg: "Einmal mehr bewahrheitet sich in dem Bankhaus Unter den Linden also der Grundsatz der Moderne des 20. Jahrhunderts: Less is more." Mit "gerade einmal neun Großformaten" vermittle Exposure einen "luziden Einblick" in das Werk von Jeff Wall. Seine Bilder erzählen für sie von den Lebensbedingungen in der westlichen Industriegesellschaft, "in der man tagtäglich seine Arbeitskraft aufs Neue verkauft." Dabei setzt Wall allerdings auf "ästhetische statt agitatorische Mittel." Trotzdem komme in den "wohlerwogenen Kompositionen" Walls "Empathie mit den Menschen (…) durchaus zum Ausdruck; die Wut, der Schmerz, aber auch die Bewunderung, die er empfindet und in eine formal anspruchsvolle Bildsprache überführt."

Auch Thomas Wulffen vom Tagesspiegel bewundert die "prekären Bildnisse" des kanadischen Fotokünstlers, deren Kraft für ihn aus ihrer spezifischen Verbindung von Realität und Fiktion resultiert: "Jeff Wall bildet spezifische Lebensverhältnisse ganz konkret ab und wahrt dabei doch die Würde der abgebildeten Personen (…). Das mag an der 'Konstruktion' der Arbeiten liegen. (…) Der Betrachter gelangt scheinbar nur über die Fiktion zu einer Realität." Das sieht Anja Lösel von stern.de ganz ähnlich: "Es kommt ihm nicht darauf an, dass alles echt ist, sondern nur, dass das Bild Wahrheit vermittelt. Manche nehmen ihm das übel, halten ihn für einen Fälscher. Aber vielleicht ist er näher an der Wahrheit dran, als viele Dokumentarfotografen." Peter Körte von der FAS dagegen sieht Wall als "Regisseur", dem es nicht "um direkte soziale Statements" geht, sondern um Fragen der Komposition. "Je länger man diese Fotografien anschaut, desto mehr treten ihr Aufbau, ihre Konstruktion, ihre Linienführung in den Vordergrund."

"Walls aufwendige Bilderwelten, die stets wie zu Einzelbildern zusammengeschrumpfte Kinofilme wirken" (Ralf Hanselle/ Zitty) passen für Elke Buhr von der Frankfurter Rundschau mit ihrer "fast erhabenen Perfektion ideal in die distinguierten, immer bis ins Detail sauber bespielten Räume des Deutsche Guggenheim." In seinen aufwendigen Inszenierungen sei das Soziale allerdings "immer ein wenig entfernt – die sorgfältige Ästhetisierung schützt vor der Primitivität des dokumentarischen Wühlens im Dreck, aber sie schützt auch ein wenig vor dem Dreck selbst."

Wall, dem "Virituosen des Ungewissen" (Peter Geimer/ FAZ), widmet die Berliner Zeitung ein doppelseitiges Porträt. Für Ingeborg Ruthe liegt die Qualität seiner Arbeiten gerade in ihrer einzigartigen Mischung aus Inszenierung und Dokumentation, mit der es ihm gelingt "neue, allgemeingültige Maßstäbe in der Fotografie zu setzen." Im "traumscharfen Alltagshorror" seiner Bilder "scheint der kalte Schmerz der Entfremdung eingefroren. Es sind Diagramme von Beziehungen, die keine sind oder zerstört wurden." Auch Ute Thon von der art haben Walls Szenarien, in denen er "Alltagsszenen im neorealistischen Stil" zu "bedrückenden Bühnenbildern" gefrieren lässt, restlos überzeugt. "Seine Arbeit Cold Storage, Vancouver öffnet den Blick in einen kathedralenhaften, menschenleeren Kühlkeller (…) – ein mysteriöser Anblick zwischen frostiger Tristesse und sakraler Vision. Der eingefrorene Moment, den jede Fotografie ja darstellt, ist hier das bestimmende Bildmotiv. So kalt und doch so klar kann gute Kunst sein."