In dieser Ausgabe:
>> "True North" im Deutsche Guggenheim / Hans Hartung
>> Junge chinesische Kunst in der 60 Wall Street Gallery / Miwa Yanagi in Huston

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Dare to Struggle, Dare to Win
Junge chinesische Kunst in der 60 Wall Street Gallery



Eine neue Generation chinesischer Künstler stellt sich in der 60 Wall Street Gallery der Deutschen Bank New York vor. Ihre Arbeiten brechen radikal mit Klischees, die man üblicherweise mit chinesischer Kunst verbindet. Achim Drucks über die Schau Dare to Struggle, Dare to Win.



Annysa Ng, Tea, Silk and Porcelain IV, 2007,
Courtesy of the Artist and Vanina Holasek gallery


Die weibliche Figur mit der opulenten Halskrause wirkt, als sei sie einem holländischen Barockgemälde entstiegen. Doch der Eindruck trügt. Gewand und Fächer sind von der Mode Chinas inspiriert. Die eleganten Damen auf Annysa Ngs an Scherenschnitte erinnernden Zeichnungen sind hybride Konstruktionen, in denen Elemente westlicher und östlicher Kulturen verschmelzen. In ihren Papierarbeiten und Skulpturen setzt sich die in Hong Kong geborene Künstlerin mit den Einflüssen des Kolonialismus und den Frauenbildern männerdominierter Gesellschaften auseinander.


Annysa Ng, Tea, Silk and Porcelain II, 2007,
Courtesy of the Artist and Vanina Holasek gallery


Schon seit Längerem erlebt junge chinesische Kunst einen Boom. Die rekordverdächtigen Auktionsergebnisse der vergangenen Jahre belegen, dass zeitgenössische Kunst aus der Volksrepublik weltweit zu den am schnellsten wachsenden Feldern des Kunstmarkts zählt. Das New Yorker Guggenheim widmet Cai Guo-Qiang als erstem chinesischen Künstler überhaupt eine grandiose Soloschau. Und auch im Lande selbst tut sich eine Menge: Zu Beginn der 1990er Jahre existierten in Peking gerade einmal fünf Galerien, inzwischen sind es über hundert, die einheimischen Künstlern ein Forum bieten.Und noch etwas tut sich in der jungen chinesischen Szene: Mit Protagonisten wie Annysa Ng formiert sich eine neue Generation, die sich in ihren Arbeiten nicht mehr auf stereotyp "chinesische" Motive und Themen beschränken, oder die übliche Mischung aus Pop-Art und kommunistischem Agitprop produzieren.

Dare to Struggle, Dare to Win lautet dann auch der programmatische Titel der Schau in der 60 Wall Street Gallery der Deutschen Bank New York, die ein divergentes Bild der Szene zeichnet. Kurator der Ausstellung ist Eric C. Shiner der bereits Making a Home: Japanese Contemporary Artists in New York in der Japan Society organisierte und als Redakteur des Magazins ArtAsiaPacific arbeitet. Chinesische Kunst ist für ihn nicht mehr alleinig auf einheimische Themen fokussiert: "Diese neue Generation arbeitet in internationalen Zusammenhängen und verschmilzt dabei Stile und Philosophien einer globalisierten Welt." Tatsächlich unterscheiden sich die Exponate, die jetzt in der Deutschen Bank New York zu sehen sind, diametral von vielen Arbeiten, die man gemeinhin mit Kunst aus China assoziiert – wie den grimassierenden Glatzköpfen, denen Fang Lijun seinen internationalen Erfolg verdankt. Von diesem "Zynischen Realismus", der mittlerweile fast zum Klischee geworden ist, haben sich die Künstler der Schau verabschiedet.







O Zhang, aus der Serie Horizon , 2004,
Courtesy CRG Gallery, NY


Fast alle sind sie jünger als 40 und leben in New York. So auch der Fotograf O Zhang, der mit seinen Porträts vertreten ist. Sie stammen aus seiner umfangreichen Serie Horizon, die in Zentralchina entstand. Dort fotografierte er die jungen Mädchen eines entlegenen Dorfs. Die überlebensgroßen Abzüge ordnet er in drei Reihen: Die Mädchen in der obersten Reihe blicken auf den Betrachter herab, die der Mittleren befinden sich auf seiner Augenhöhe, die in der unteren blicken zu ihm hinauf. Die strenge, an die Becher-Typologien oder die Gitterstrukturen des Minimalismus erinnernde Präsentation der Arbeiten nimmt den Bildern der bunt gekleideten Kinder jede Süßlichkeit. Und die Einzelporträts formieren sich zu einem Kollektiv, in dem sich auch die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft spiegeln.



Ride me like a cowboy (the new China) #1 & #2, 2007
Courtesy of the Artist



Mit kindlicher Unschuld haben Samson Youngs Kiddie Rides nichts zu tun. Für seine Arbeit Ride me like a Cowboy hat der Künstler und Komponist zwei dieser elektrifizierten Reitautomaten für Kinder, die man aus Einkaufszentren kennt, mit einem kleinen Videomonitor versehen. Wirft der Besucher ein 25-Cent-Stück ein, setzt sich das knallbunte Kinderspielzeug Made in China zum Klang einer beschwingten Melodie in Bewegung. Auf dem Monitor laufen währenddessen Aufnahmen der Studentenproteste auf dem Pekinger Tiananmen Platz, die von der Staatsmacht blutig niedergeschlagen wurden. Der Untertitel der Arbeit, The New China, deutet an, dass sie als Kommentar zur gegenwärtigen Lage der Volksrepublik zu verstehen ist. Hinter dem nach außen propagierten Bild eines Landes, das kommunistische Ideologie und kapitalistische Wirtschaft erfolgreich miteinander verbindet, verbirgt sich eine ganz andere Realität.


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