In dieser Ausgabe:
>> True North / Jeff Wall - Exposure / Hans Hartung
>> Double Visions / Bob Dylan

>> Zum Archiv

 
Double Visions
Künstlerische Synergieeffekte in der New Yorker Lobby Gallery



Gemeinsam geht es besser. In ihrer neuen Ausstellung Double Vision präsentiert die Lobby Gallery der Deutschen Bank New York Arbeiten internationaler Künstlerpaare und –gruppen. Mit dabei sind Duos wie Fischli & Weiss, Geschwister wie Claudia und Julia Mueller, aber auch die neuen Stars der Szene, das Künstlerkollektiv assume vivid astro focus.



Fischli und Weiss, Funghi 11, 1998
Sammlung Deutsche Bank



Seit den späten Siebzigern konfrontieren sie das Publikum mit bizarren Wurststillleben, gefilmten Kettenreaktion oder skurrilen Skulpturen. Mit ihren Arbeiten bewegen sich Fischli & Weiss ganz bewusst im Spannungsfeld zwischen absurdem Witz und Tiefgründigkeit. Immer wieder stellt das schweizerische Künstlerduo dabei sowohl die Rolle des Betrachters wie auch die des Künstlers subversiv in Frage. Auf ihrer Fotoserie Funghi aus der Sammlung Deutsche Bank zeigen sie Nahaufnahmen von aus dem Waldboden sprießenden Pilze. Die Arbeit entstand auf eine sehr eigenwillige Weise: Zuerst hat einer der beiden Künstler die jeweiligen Pilze fotografiert. Dann übernahm der andere die Kamera und drückte vor dem gleichen Motiv noch einmal ab. So entstanden psychedelisch anmutende Doppelbelichtungen, die nicht nur auf die halluzinogenen Substanzen, die in manchen Pilzen stecken, verweisen. Die Fotoarbeiten lassen auch Raum für Zufälle und stellen so die Rolle des Künstlers als alleinigem Autor eines Kunstwerks zur Disposition.




Fischli und Weiss, Funghi 29, 1998
Sammlung Deutsche Bank


Fischli & Weiss' ironische Funghi-Idylle ist jetzt in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York zu sehen – in einer Schau, in der es genau darum geht, einen Gegenentwurf zum romantisierenden Bild vom Künstler als einsamem, "heroischen" Schöpfer-Genie zu präsentieren. Mit Double Vision zeigt Kuratorin Liz Christensen elf internationale Positionen, bei denen Teamwork und Synergien die künstlerische Arbeit bestimmen. Ob die Künstler als Geschwister, Lebenspartner oder Freunde gemeinsam an ihren Projekten arbeiten – immer entstehen die Werke in Kooperationen.



Mixed Media Installation des Künstlerkollektivs assume vivid astro focus
im Empfangsbereich des Deutsche Bank Gebäudes in der Wall Street


Als Einstimmung leuchtet einem bereits im Eingangsbereich des Gebäudes in der Wall Street die gigantische Multimedia-Leinwand des brasilianisch-amerikanischen Künstlerkollektivs assume vivid astro focus entgegen: ein psychedelisch anmutendes Patchwork aus Ornamenten, Farben und Flächen, vor dem Neonkreise blinken. assume vivid astro focus sampeln in ihren Werken beinahe alles: Tapetenmuster, Graffitis, tibetanische Mandalas, Soft-Porno Motive, Pink Floyd, Francis Picabia. Seit ihrer Gründung 2003 hat die Gruppe mit ihren neo-psychedelischen Installationen einen kometenhaften Aufstieg erlebt und ist auf Biennalen und in Museen rund um den Globus vertreten. Grund für diesen Erfolg ist auch sicher die Fähigkeit Netzwerke zu bilden und ganz unterschiedliche Einflüsse aufzunehmen.



Aziz + Cucher, Oda 1, 2003
Courtesy Kathleen Cullen Fine Art, NY and the Artists

Als Erfindung eines "dritten Bewusstseins" bezeichnete einst Keith Haring die Zusammenarbeit an einem Kunstwerk: "Zwei Seelen verbinden sich dabei zu einer dritten, einzigartigen Form von Erkenntnis." Wie auch für Haring der in den Achtzigern mit Künstlern wie Jenny Holzer, Yoko Ono oder Andy Warhol kollaborierte, steht für viele der Teilnehmer von Double Vision nicht nur um die Entwicklung neuer künstlerischer Strategien im Vordergrund. Es geht auch um das Hinterfragen gesellschaftlicher und moralischer Normen.


Aziz + Cucher, Nocturn 3, 2004
Courtesy Kathleen Cullen Fine Art, NY and the Artists

Als Pioniere der digital manipulierten Fotografie leben und arbeiten Anthony Aziz und Sammy Cucher seit 1991 zusammen. Bekannt wurden die New Yorker mit ihrer Fotoserie Dystopia (1994), in der sie menschliche Gesichter zeigten, die mit makelloser, digitaler Haut überwuchert waren. Auf ihren anonymen Portraits ließ das Künstlerpaar Mund, Nasenlöcher und Augen verschwinden und löschte damit nicht nur jeden persönlichen Ausdruck aus, sondern jene Sinnesorgane, über die der Mensch Kontakt zu seiner Umwelt aufnimmt. Die digitale Fotografie nimmt hier die genetische Manipulation des menschlichen Körpers vorweg. Zugleich lieferten Aziz und Cucher mit ihren der Abject Art verwandten Arbeiten ein Statement zur Mitte der Neunziger grassierenden Aids-Krise in den USA und kommentierten verdrängte Ängste, Sprachlosigkeit und soziale Isolation. In ihrem aktuellen Projekt Synaptic Bliss, aus dem auch die in Double Vision gezeigten Werke stammen, dringen sie weiter in den Mikro- und Makrokosmos vor. Auf ihren Metall- Drucken erscheinen Zellen oder kristalline Strukturen wie impressionistische, toxische Landschaften und lösen die Grenzen zwischen Äußerem und Innerem, Organischem und Künstlichem auf.


Lovett / Codagnone, I am/not you, 2004
Courtesy Emi Fontana, Milan, West of Rome, LA and the artists


Wie bei Aziz & Chucher geht es bei Lovett/Codagnone oder Elmgreen & Dragset ebenfalls um homosexuelle Identität und Gegenentwürfe zu traditionellen Rollenbildern. In ihren Videoarbeiten, Performances und Fotoprojekten setzen sich Lovett/Codagnone mit sexuellen und gesellschaftlichen Machtstrukturen auseinander. In spannungsvollen Inszenierungen kombinieren sie Elemente der schwulen SM-Subkultur mit literarischen, filmischen und politischen Fragmenten und loten dabei körperliche und psychische Ausnahmesituationen aus. So beruht ihre Zeichnungsserie For You auf einer Performance, in der beide Künstler ein Messer mit zwei Klingen in ihren Mündern halten, während sie über Stunden bewegungslos in der Position von Tango-Tänzern verharren. Bei Lovett/Codagnones jüngsten Arbeiten geht es um Propaganda und subversive Gegenpropaganda, um die Schnittstellen zwischen öffentlich reglementierter und autonomer Kultur. Obliquities heißt ihre Textcollage aus Schriften von Antonin Artaut und Peter Handke, die zugleich als Grundlage ihrer neuesten Videoarbeit dient, die zur Zeit in der Einzelausstellung Interruption of a Course of Action im New Yorker P.S.1 zu sehen ist.

[1] [2] [3] [4]