In dieser Ausgabe:
>> True North / Jeff Wall - Exposure / Hans Hartung
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Monumente des Alltäglichen
Neue Arbeiten von Jeff Wall im Deutsche Guggenheim


Mit seinen filmisch anmutenden Szenarien avancierte er zu einem der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Für das Deutsche Guggenheim hat der Kanadier jetzt vier großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien realisiert, die in der Ausstellung "Exposure" von ausgewählten früheren Arbeiten ergänzt werden. Achim Drucks über Jeff Walls inszenierten Realismus.



Jeff Wall, Cold Storage, Vancouver, 2007
© Jeff Wall

Eine Kühlkammer als Sakralraum: Cold Storage, Vancouver (2007) zeigt eine imposante Industriearchitektur. Betonpfeiler tragen eine vereiste Decke, die Feuchtigkeit ist daran zu weißen Formen gefroren, die an die opulenten Gewölbe spätgotischer Kirchen erinnern. Die große bühnenhafte Halle ist verlassen. Hier lagern keine Waren und auch kein Arbeiter ist mehr zu sehen. Nur eine Metallstange lehnt verloren an einem der Pfeiler, auf dessen Oberfläche jeder Kratzer zu erkennen ist. Jeff Walls Fotografie entstand als Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim. Insgesamt vier Werke hat der Kanadier für die Ausstellungshalle geschaffen – monumentale Schwarz-Weiß-Fotografien, die Wall für Berlin mit früheren Arbeiten ergänzt hat. Mit insgesamt neun gezeigten Werken ist Exposure eine konzentrierte Schau, in der jedes einzelne Bild eine starke Präsenz entwickelt. Man spürt, wie intensiv der Künstler an den großformatigen Tableaus arbeitet, bis sie seinen Vorstellungen entsprechen. Eine Abbildung im Katalog lässt die Kraft dieser Kompositionen kaum erahnen. Ihre beeindruckende Wirkung erzielen sie nur dann, wenn man ihnen gegenübersteht.



Jeff Wall, Conctrete Ball, 2002
© Jeff Wall

Obwohl Walls Fotografien stets als singuläre Werke konzipiert sind, ergeben sich doch Parallelen zwischen den jüngsten Silbergelatine Prints. Cold Storage, Vancouver ist dabei das einzige der neuen Werke, auf dem keine Personen zu sehen sind. Die anderen Auftragsarbeiten zeigen Szenen aus dem Alltagsleben von Menschen am Rande der Gesellschaft. Betrachtet man die Innenraumstudie im Zusammenhang mit den anderen Motiven, lässt sich das leere Kühlhaus nicht nur als erhabene Industriekathedrale lesen, sondern auch als Symbol für wirtschaftlichen Niedergang oder soziale Kälte.


Jeff Wall, Men Waiting, 2006
© Jeff Wall

Diese Thematik findet in Men waiting (2006) ihren deutlichsten Ausdruck. Arbeitslose stehen an einer Straße: Vereinzelt, die Hände in die Taschen ihrer Jacken vergraben, warten die modernen Tagelöhner auf einen Gelegenheitsjob. Jeff Wall hat dieses Panorama mit Laiendarstellern inszeniert – mit Männern, die sich tatsächlich in einer ähnlichen Lebenssituation befinden wie die "fiktiven" Figuren auf seiner Fotografie. Eine Methode, der sich auch die Regisseure des neorealistischen Films bedient haben, um ein möglichst authentisches Bild der Wirklichkeit einzufangen. Wie die Erneuerer des italienischen Kinos richtet auch Wall seinen Blick auf das Leben in den Straßen, auf das Alltägliche und soziale Phänomene wie Armut oder Ausgrenzung. Für seine, wie er es nennt, "kinematografischen" Aufnahmen bedient sich der Künstler vor allem der Totale, der filmischen Einstellung, die auch das Umfeld der Personen zeigt. Walls Arbeitslose warten an der gesichtslosen Straße eines Gewerbegebietes, wie man sie überall in Nordamerika am Rand der Städte findet.



Jeff Wall,Tenants, 2007
© Jeff Wall

Dieses Setting spielt auch bei den beiden anderen Bildern Walls für das Deutsche Guggenheim eine zentrale Rolle. In Tenants (2007) sind es heruntergekommene Reihenhäuser, vor denen ihre Bewohner zwischen Kartons und ausrangiertem Hausrat herumsitzen, in War game (2007) die Baulücke in einer Vorortsiedlung, wo sich Kinder aus Sperrmüll ein Fort gebaut haben. Auch die anderen Werke in Exposure rücken die Peripherie, Alltägliches und Weggeworfenenes ins Zentrum.


Jeff Wall, Rainfilled Suitcase, 2001
© Jeff Wall

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