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"Wir wollten nie einen normalen Job machen"
Elmgreen & Dragset



Sie spielen Katz und Maus mit den Institutionen. Ob Elmgreen & Dragset mitten in der texanischen Wüste eine Prada Boutique installieren oder einen mechanischen Spatz in der Tate Modern zucken lassen - seit mehr als zehn Jahren unterwandern sie mit respektlosem Humor den Kunstbetrieb. Gerade hat die Deutsche Bank eine ihrer Arbeiten angekauft. Kito Nedo stellt das dynamische Duo vor.



Elmgreen & Dragset,
Portrait of the artist as a young (homosexual) man, 2004
Sammlung Deutsche Bank


Probelauf für ein Denkmal: An einem diesig-kalten Novembertag stehen die Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset sowie ein halbes Dutzend Vertreter diverser Baufirmen um eine überdimensionale Holzkiste am Rande des Berliner Tiergartens herum. Eine erste "Abnahme" findet statt, bauliche und gärtnerische Details werden diskutiert.

Hinter dem Holz verbirgt sich eine massive, achtunddreißig Tonnen schwere Betonstele, das noch uneingeweihte Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Vor kurzem wurde das gut verpackte Monument vom Herstellungsort München nach Berlin gebracht und mit einem Spezialkran an seinen vorgesehenen Standpunkt gehievt. Jetzt wirkt die überdimensionale Transportkiste etwas surreal in der preußischen Parklandschaft. Doch im Moment ihrer Ankunft, sagt Michael Elmgreen, hätte eine "feierliche Atmosphäre" geherrscht.



Elmgreen & Dragset, Entwurf für das Denkmal für die im
Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, 2005

Nur an einer Stelle ist die Holzverkleidung bereits geöffnet und gibt den Blick frei auf dunkel präparierten Beton und ein zurückgesetztes Fenster, welches wiederum die Betrachtung einer Video-Projektion im Inneren des massiven Quaders ermöglicht. Hier sieht man eine Szene, die sich im eineinhalb Minuten-Loop wiederholt: Zwei junge Männer stehen im Park, in eine zärtliche Unterhaltung vertieft, die immer wieder in Knutschereien übergeht. Zwei Jahre soll das Video zu sehen sein, dann wird es mit einer von anderen Künstlern realisierten Videoarbeit ausgetauscht. Der Grund für den ursprünglich nicht vorgesehenen Wechsel war massive Kritik am Denkmal im Vorfeld seiner Realisierung. Lesben, so lautete der Vorwurf, würden durch diese Bilder nicht ausreichend berücksichtigt. "Wir waren nie daran interessiert, die letztgültige Antwort auf die Repräsentation von Homosexualität geben." sagt Elmgreen und fügt hinzu, dass die Künstler mit dem Videotausch im Zweijahres-Turnus mehr als glücklich seien. Die Praxis der permanenten Erneuerung kommt Elmgreens & Dragsets Idee einer lebendigen Gedenkstätte sowieso entgegen.



Elmgreen & Dragset (mit Text von Tim Etchells)
Drama Queens, 2007,
Skulpturen Projekte Münster 2007
Courtesy the Artists
Foto Elmar Vestner (@gmx.de)

Schon über zehn Jahre kooperieren Michael Elmgreen und Ingar Dragset als Künstlerduo. Seit 1997 leben und arbeiten sie in Berlin. Erstmals getroffen haben sich der gebürtige Däne Elmgreen und der aus dem norwegischen Trondheim stammende Dragset in Kopenhagen.



Elmgreen & Dragset, Fashion Fags Go Home, 2005
Courtesy the artists

1994 war das und es soll sich in "einer der schmutzigsten Schwulendiscos der Stadt" zugetragen haben – so jedenfalls erzählten sie es einmal freimütig der englischen Times. Elmgreen versuchte sich Anfang der Neunziger noch als multimedial operierender Dichter, Dragset arbeitete mit einer kleinen, experimentellen Theatergruppe zusammen. Bald darauf tat man die ersten gemeinsamen Schritte als Performance-Duo. An einer Kunsthochschule hatte keiner von beiden je studiert. "Künstler sind wir eher zufällig geworden" sagt Elmgreen.



Elmgreen & Dragset, Short Cut, 2003
Installation in der Galleria Vittorio Emanuele, Mailand
Courtesy Massimo de Carlo
Foto Jens Ziehe

"Wir hatten nur ein gemeinsames Ziel: Wir wollten nie einen normalen Job machen." Ungezügelte Begeisterung allerdings lösten die ersten absurden Happenings und Performances in der Tradition der Fluxuskunst von Allan Kaprow oder Carolee Schneeman in der kleinen Szene der dänischen Hauptstadt nicht aus. "Zwei schwule Performancekünstler in einer sehr kleinen, sehr klassisch orientierten Kunstszene, leicht Macho-domiert von dänischen 'Junge Wilde'-Versionen – das war, wie man sich vielleicht vorstellen kann, nicht gerade Erfolg versprechend," erinnern sie sich über die Anfänge in Kopenhagen.

Schnell fiel der Entschluss, nach Berlin umzuziehen, die Stadt, die Mitte der Neunziger genauso heftig nach einer neuen Identität suchte wie die beiden Skandinavier nach einer eigenen künstlerischen Sprache. "Wären wir in Kopenhagen geblieben, wir wären in der Sackgasse verendet", wissen die beiden heute. "Das Großartige an Berlin um 1997 war, dass es noch keine festen Strukturen gab. Niemand wusste, in welche Richtung sich alles entwickeln würde. Deshalb gab es eine große Offenheit gegenüber Neuankömmlingen in der Stadt."



Elmgreen & Dragset,
Cruising Pavilion/Powerless Structures, Fig. 55, 1998
Installationsansicht Marselisborg Forest, Århus
Foto Bent Ryberg / Planet Photo
Courtesy: Galleri Nicolai Wallner, Kopenhagen

"Niemand konnte es sich leisten, jemand anderen auszuschließen. Berlin brauchte neuen Input. Es ging nicht darum, in eine etablierte Kunstszene hineinzukommen. Vielmehr es ging es darum, dabei zu sein – dort wo etwas passierte. Es gab Treffpunkte, wie zum Beispiel Daniel Pflumms Panasonic-Bar auf der Invalidenstraße." Es ist der anarchische Geist jener Tage, die Sensibiliät einer Szene im Aufbruch, welche die Kunst der beiden bis heute beflügelt. Eine gewisse Respektlosigkeit und den Humor haben sie sich aus dieser Zeit bewahrt. Dass sie jedoch nicht auf bestimmte Rollen, wie die der lustigen Institutionskritiker festgelegt werden können, ist ihnen wichtig.


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