In dieser Ausgabe:
>> Interview: Jeff Wall
>> Pipilotti Rist
>> Richard Prince - Spiritual America
>> Elmgreen & Dragset

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Richard Prince, Untitled (cowboy), 1989
© Richard Prince


Im Guggenheim beginnt der Aufstieg in die Rotunde mit seinen frühen Werbe-Images, die er aus Modezeitschriften, Anzeigen und Katalogvorlagen abfotografierte: eine Art von visuellem Vokabular, das sich durch die Gegenüberstellung von Posen und Perspektiven konstituiert. Die wie Filmbilder aneinander gereihten Aufnahmen von Luxusartikeln oder High Fashion Models lassen geheimnisvolle Mini-Geschichten entstehen. Auf Waldboden fotografierte Handtaschen und in Ästen drapierter Schmuck deuten Gewaltverbrechen an. Dramatisch ausgeleuchtete Wohnzimmer-Einrichtungen wirken wie Fernsehtatorte. Leicht geöffnete Münder und hinter dem Kopf verschränkte Arme lassen die Modelle wie die Protagonisten aus der Anfangssequenz eines Pornofilms erscheinen. Zugleich wird deutlich, dass sich unter den stereotypen visuellen Signalen widersprüchliche Botschaften verbergen.



Richard Prince, Untitled, 1988
© Richard Prince


Mitten in der superegomanischen, superhedonistischen und supermaterialistischen Regan-Ära nimmt Prince den amerikanischen Traum von Freiheit und Abenteuer ins Visier. Während die USA von einem Hollywood-Cowboy regiert werden, zeigt er in seiner berühmten Cowboys-Serie abfotografierte Ausschnitte aus der damaligen Marlboro-Kampagne: einsame Reiter und Männerbünde durchstreifen unter kristallblauen Technicolor-Himmeln grandios ausgeleuchtete Landschaften. Er demonstriert wie perfekt und verführerisch diese artifiziellen Idyllen und hypermaskulinen Werbebilder sind, die gleichermaßen patriarchalische wie homoerotische Phantasien befriedigen.



Richard Prince, Unaware of Being Despair, 1994
© Richard Prince


Getarnt als Bad Boy der Kunstszene entwickelt er in den Achtzigern und Neunzigern ein chauvinistisch-zynisches Repertoire. Als Grundlage für seine Joke Paintings dienen ihm Cartoons und mehr oder minder geistreiche Herrenwitze aus Magazinen wie dem Playboy oder dem New Yorker. In seinen White Paintings kombiniert er in beinahe Rauschenbergscher Manier Siebdruck und Malerei. Prince sampelt Zeitungsbilder, Karikaturen und Kalauer zu unterkühlten, lebensmüden Arrangements, in denen sich Motive oder Zeilen ebenso wie stereotype Bilder wiederholen. Mal lässt er Fragmente von Witzen auf monochromem Hintergrund, mal in der Manier des Abstrakten Expressionismus erscheinen. So wirken seine späteren Witzbilder, die ab 2000 entstehen, wie Gemälde von Jasper Johns.


Richard Prince, Katie Holmes,
aus der Serie all the best, 2000
Sammlung Deutsche Bank


Und das ist das Erstaunliche, wenn man durch Spiritual America läuft: die Erhabenheit, die Princes riesige Leinwände tatsächlich ausstrahlen, dieser schmale Grad zwischen Profanem und Heiligem, Banalem und Bedeutungsvollem, auf dem sich seine Werke stets bewegen. Ganz gleich ob er nun in seiner Girlfriend-Serie Amateurfotos von Biker-Bräuten oder Autogramm-Karten von Hollywoodstars in blütenweißen Passepartouts zeigt, Kühlerhauben in Kunststoffskulpturen verwandelt - mit chirurgischer Präzision vollbringt Prince es, Devotionalien zu produzieren, die zugleich museal tauglich wie fetischistisch sind. Die Erotik, die seine klinisch reinen Arbeiten vermitteln, spielt sich im Kopf ab und erinnert an den Slogan mit dem Brooke Shields in den Achtzigern für Calvin Klein warb: "Nothing comes between me and my Calvins."


Richard Prince, Debutante Nurse, 2004
© Richard Prince




Es ist genau dieses "Nichts" zwischen Vor- und Abbild, dass Prince meisterlich und nicht ohne Witz inszeniert. Er überlässt es der Imagination des Betrachters, zu entscheiden, ob etwas verschleiert oder bloßgelegt wird, ob es sich um eine Kritik oder eine Hommage handelt. Die maskierten Krankenschwestern, die Prince in seiner Nurses-Serie nach Cover-Motiven von Schundromanen abmalt, sind ebenso gut als Metaphern für weibliche Unterdrückung wie als bloße Lustobjekte für sexistische männliche Phantasien lesbar.


Richard Prince, Nurse of Greenmeadow, 2002
© Richard Prince




Diese Ironie stößt so manchem Kritiker auf. So schrieb Peter Schjeldahl im New Yorker, Princes Hang die Leute auf die Schippe zu nehmen, gehöre zu dem blinden Glauben an eine Generation, die mit Punk, Dekonstruktion und David Letterman aufgewachsen ist. Er sei süchtig nach "Insider-Witzen ohne Inhalt". In Magazinen wie dem Spiegel oder der New Yorker Time Out wurde ihm angekreidet, er gebäre sich als kulturkritischer Rebell und verdiene mit seinen eher schlichten Werken als Liebling des etablierten Kunstbetriebs Millionen. Im Ausstellungskatalog bezieht der Kultregisseur John Waters allerdings eine entgegen gesetzte Position: "Wenn Leute Vorbehalte gegen die Gegenwartskunst haben, führen sie ihn immer als erstes an. Sie sagen: ‚Jeder kann ein Foto von einem Foto machen.' Ach ja? Er hat's gemacht, aber du nicht, du Blödmann!"

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