In dieser Ausgabe:
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The Lady is a Hooligan
Pipilotti Rist im Tokioer Hara Museum



In ihren Video-Installationen schmort Pipilotti Rist als weiblicher Wurm im Fegefeuer oder zertrümmert als Musical-Mädchen Autoscheiben. Nun ist die Schweizer Künstlerin mit einer von der Deutschen Bank geförderten Werkschau in Tokio zu sehen. Brigitte Werneburg über Rists postfeministischen Digital-Kosmos.



Pipilotti Rist, Selbstlos im Lavabad
(Selfless In The Bath Of Lava), 1994,
Audio-Video-Installation (Video Still)
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


Die Biennale war noch im Aufbau. Die halbgeöffnete Tür zu einem Raum des Shanghai Art Museum gab die Sicht auf eine endlose Reihe üppiger Polstersessel frei, die sich an den Wänden entlang zog. Angelockt von der Aussicht auf eine Ruhepause schlich ich mich in den großen Saal. Er schien vom Biennalebetrieb vergessen worden zu sein - eine seltsam verzauberte Wunderlounge, in der Videobeamer undefinierbare Farbstrudel an die Wände warfen und den Raum in einem blauen, poetischen Licht ins Kreisen brachten. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um das Sitzungszimmer der Museumsdirektion. Die junge Frau, die auf einer hohen Leiter balancierte und mit transparenten Fäden dürres Astwerk, allerlei Spiegel, schillernde CDs und anderen undefinierbaren, transparenten Plastikkram an der Decke befestigte, konnte nur Pipilotti Rist sein.



Pipilotti Rist, Unschuldig-es (in) Shanghai
(Innocent (In) Shanghai ), 2002,
Installationsansicht Shanghai Art Museum Biennale,
Foto Ritsu Yoshino
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


Und auch jetzt ist Pipilotti Rist gerade wieder an einem fernöstlichen Ort mit dem Aufbau ihrer Arbeiten beschäftigt. Denn im Hara Museum in Tokio eröffnet die erste Einzelausstellung der Künstlerin in Japan. Das Publikum in der japanischen Metropole wird von der Ausstellung nicht weniger begeistert sein als es die Besucher von Innocent (In) Shanghai waren. Widerstandslos ließen sie sich von der flirrenden Trance der Installation gefangen nehmen; von den schwebenden, psychedelischen Traumbildern, den gleißenden, sich stetig drehenden Objekten, den hypnotischen Klängen, die die Bewegung der Bilder und Objekte begleitete. Dazu ließ Rist Astwerk wie Nature morte erscheinen -, mit harten Schlagschatten, die wie das konstruktive Gerüst der Installation wirkten, in dem verschiedene Ebenen der Bild-, Objekt- und Tonmontage verankert schienen.



Pipilotti Rist, Apfelbaum unschuldig auf dem Diamantenhügel
(Apple Tree Innocent On Diamond Hill), 2003,
Installationsansicht Postbahnhof, Berlin,
Foto Arja Hyytiainen
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


Die eingangs beschriebene Szene aus dem Jahr 2002 besaß geradezu emblematischen Charakter, denn diesem Bild schien Pipilotti Rists künstlerische Haltung vollkommen innezuwohnen. Unübersehbar war die Professionalität, mit der sie die Einladung ganz offenkundig angegangen war: Obwohl sie mit ihrer Arbeit einen riesigen Saal zum Tanzen brachte, konnte sie das Material, mit dem sie das bewerkstelligte, im Handgepäck nach China transportieren. Dazu kam die Zuvorkommenheit ihres Auftretens. Denn war ihre Arbeit nicht ein einziges, unendlich höfliches Angebot an die chinesischen Gastgeber? Deren organisatorische Möglichkeiten sie offensichtlich nicht testen, sondern im Gegenteil schonen wollte? Gekrönt wurde dies durch die keineswegs kleinlaute, eher durchtriebene Bescheidenheit ihres Benehmens. Schließlich profitierte sie selbst ja am meisten davon, dass kein unnötiger Aufwand beim Aufbau das anspruchsvolle Ergebnis ihrer Installation gefährdete.


Pipilotti Rist,
I Couldn't Agree With You More, 1999, Audio-Video-Installation (Video Still)
Courtesy of the artist and Hauser & Wirth Zürich London


Pipilotti Rist, 1962 in Grabs im Kanton St. Gallen geboren, kam über die Popmusik zur Kunst. Ende der 1980er Jahre, während sie noch in Basel an der Schule für Gestaltung studierte, entwarf sie das Stagedesign für Rockkonzerte und produzierte Musikvideos für lokale Bands. 1988 stieg sie bei der Frauenband Les Reines Prochaines ein, mit der sie mehrere ziemlich schrille Platten, unter anderem 1992 Hellgrüne Lyrik oder 1993/94 Lob Ehre Ruhm Dank veröffentlichte, bis sie Die Nächsten Königinnen 1994 wieder verließ.




Pipilotti Rist, Das Zimmer (The Room), 1994/2000,
Installationsansicht im Kunstmuseum St. Gallen,
Foto Stefan Rohner
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


Diese Herkunft mag Pipilotti Rists mangelnde Scheu erklären, mit Anleihen aus der Popkultur, etwa der Idee des Starkults, den Unterhaltungswert der Kunst zu unterstreichen; ihre fehlende Scheu vor der großen Geste, vor dem Digital-Pogo einer angesagten Clip-Ästhetik, vor intensiven, bunten Farben und einer entspannten, fröhlichen Sinnlichkeit. Und die vermittelt sich in ihren Videos nicht nur visuell und akustisch, sondern auch über die Einbeziehung des Ausstellungsraumes, wie etwa bei dem Matratzenlager, das sie im barocken Kirchenschiff von San Stae auf der Biennale in Venedig 2005 aufbaute.



Pipilotti Rist, Deine Raumkapsel (Your Space-Capsule), 2006,
Audio-Video-Installation,
Foto Barbara Gerny
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


Ihr Ansatz ist durchaus politisch. Allerdings ist sie sich der Widersprüche der ästhetischen Rezeption im Kunstbetrieb bewusst, wie in ihrem ausführlichen Gespräch mit dem Chefkurator der Stockholmer Kunsthalle Magasin 3, Richard Julin, deutlich wird, der hier von Februar bis Juni dieses Jahres bereits eine Einzelausstellung mit Pipilotti Rist gezeigt hat. "Mich interessiert das Demokratische an der Kunst", sagt Rist, "und doch lebe ich von der Fetischisierung." Es könnte also gut sein, dass ihr Ansatz in Japan weit weniger irritiert als in Europa. Schon die extrem verfeinerte traditionelle japanische Hochkultur hat einen starken Hang zur Fetischisierung, der auch in der nicht weniger ausgefeilten Alltags- und Konsumkultur des modernen Japan deutlich ist, angefangen bei der Mode, über Musik, Comic oder Computerspiele bis hin zur Pornographie.


Gerade im Hara Museum in Tokio darf deshalb die bereits 1995 entstandene Installation The Room (Das Zimmer) nicht fehlen. Mit ihr schickt Pipilotti Rist, deren bizarrer Vorname ein Remix von Pippi Langstrumpf und ihrem Geburtsnamen Charlotte ist, die Besucher gewissermaßen auf den Spuren von Jonathan Swifts Gulliver auf eine satirische Reise in das Land der Riesen, heute also ins Land der Unterhaltungsindustrie und ihrer Produzenten. Der eigentliche Witz der Installation ist die gigantische, kaum handhabbare Fernbedienung. Konträr zum Bild vom souveränen Zapper vermittelt das monströse Gerät ein Gefühl schierer Ohnmacht. Ist der Besucher aber erst einmal auf das überdimensionale Sofa neben der meterhohen Stehlampe oder den nicht minder kolossalen Sessel geklettert, fühlt er sich – jetzt auf Kindesgröße geschrumpft – gleichzeitig erst richtig wohl in seiner voyeuristischen Regression. Diese Ambivalenz zwischen Kritik und Versöhnung charakterisiert überhaupt das Werk von Pipilotti Rist.


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