In dieser Ausgabe:
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Bilder wie Romane
Jeff Wall im Interview



Mit seinen aufwendig inszenierten Fotoarbeiten spielte Jeff Wall eine Schlüsselrolle bei der Etablierung der Fotografie in der zeitgenössischen Kunst. Das Deutsche Guggenheim präsentiert jetzt in der Schau Exposure neue Schwarzweiß-Tableaus des Kanadiers zusammen mit ausgewählten früheren Werken. Silke Hohmann traf den Künstler zu einem Gespräch über die Korrespondenzen zwischen seinen Bildern, das Verhältnis zu seinen Protagonisten und Walls Vorliebe für Menschen am Rande der Gesellschaft.



Jeff Wall
Foto: Jack Foster
©Jack Foster / Deutsche Guggenheim


Ob er Manets berühmtes Frühstück im Grünen mit indianischen Ureinwohnern unter einer Highway-Brücke nachstellt, sich von Franz Kafka oder, wie bei seinen jüngsten schwarzweißen Auftragsarbeiten für das Deutsche Guggenheim, vom neorealistischen Film Italiens beeinflussen lässt – in seinen Fotoarbeiten verarbeitet Jeff Wall die unterschiedlichsten kulturellen Einflüsse. Manchmal re-inszeniert der Kanadische Kunststar allerdings auch ganz banale Situationen, die er selbst beobachtet hat. Wie in seiner Arbeit Mimic, in der er die fremdenfeindliche Geste eines Passanten festhält. Was auf den ersten Blick wie ein zufällig eingefangener Schnappschuss wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer Inszenierung. Walls präzise Bildregie spitzt die beiläufige Szene zu. So hält seine großformatige Fotoarbeit den "entscheidenden Augenblick" des Geschehens fest und das lässt sie zu einer überaus einprägsamen Darstellung des alltäglichen Rassismus werden.


Jeff Wall,Tenants, 2007
©Jeff Wall

Zwar hat sich Jeff Wall schon als Jugendlicher für Fotografie interessiert, doch nach dem Kunstgeschichtsstudium in seiner Heimatstadt Vancouver und in London versuchte er sich zunächst als Maler und Konzeptkünstler. Doch der Durchbruch gelang ihm erst mit seinen Leuchtkästen Ende der siebziger Jahre. Ihre intensive Strahlkraft verdanken seine Bilder ihrer Präsentation: Wie Reklamen werden Walls gerahmte Großbilddias von hinten beleuchtet. Für einige Arbeiten ließ der 1946 geborene Künstler aufwendige Sets bauen, in denen seine Darsteller agieren. Deshalb benötigt Wall manchmal auch Wochen, bis er ein Bild vollendet hat. Der Prozess kann aber auch ein ganzes Jahr dauern, so bei der 2006 entstandenen Arbeit In front of a nightclub. Der Originalschauplatz dieser Szene wurde komplett in einem Studio nachgebaut. Der Fotograf beschränkt sich allerdings nicht auf diese, wie er es nennt, "cinematografischen" Inszenierungen. Immer wieder entstehen auch Werke, deren Charakter er als dokumentarisch bezeichnet. Seit Mitte der neunziger Jahre zeigt er neben den Leuchtkästen auch Schwarzweißabzüge auf Papier.


Jeff Wall, In front of a nightclub, 2006
Collection of the Pilara Family Foundation
©2007 Jeff Wall


Auf Grund ihrer oft sehr aufwendigen Produktion hat der 61-jährige Künstler seit 1978 erst rund 150 Arbeiten realisiert, die zum Teil zusätzlich am Computer nachbearbeitet werden. Zwar setzt sich Wall mit Phänomenen wie Armut, Gewalt oder Migration auseinander. Der Künstler lässt sich allerdings nicht auf sozialkritische Themen festlegen. Denn häufig bleiben die Situationen, die er in seinen Bildern einfriert, völlig rätselhaft und lassen dem Betrachter Raum für die unterschiedlichsten Interpretationen. Jeff Wall konzipiert seine Arbeiten nie als Serie. Jedes seiner fotografischen Tableaus ist eine einmalige Komposition, die für sich steht.


Jeff Wall, Conctrete Ball, 2002
©Jeff Wall


Silke Hohmann: Sie sind bekannt dafür, sehr konzentriert an einem einzigen Bild zu arbeiten. Wie ist es für sie, diese singulären Werke in einer Ausstellung zu sehen, wo sie plötzlich miteinander korrespondieren?

Jeff Wall: Es gefällt mir sehr. Ich habe zwar immer das Gefühl, dass es eine Verbindung zwischen den einzelnen Arbeiten gibt, aber ich kann sie nie benennen. Wenn ich jetzt Concrete Ball und Cool Storage zusammen sehe wie hier, dann sehe ich die Affinitäten: die vertikalen Formen, das Wasser bzw. Eis in beiden Bildern. Oder die runde Form bei Concrete Ball und die Kreisformen der Holzscheite in Logs, dem dritten Bild in diesem Raum.



Jeff Wall, Cold Storage, Vancouver, 2007
©Jeff Wall l


Sie nennen formale Parallelen zwischen den Bildern, aber gibt es auch eine thematische Korrespondenz?

Ich denke über das Thema nicht allzu viel nach. Diese Bilder waren noch nie zusammen, trotzdem habe ich das Gefühl: Ich mache hier wie dort dasselbe. Ich versuche, ein großformatiges Bild zu schaffen, das einen Raum zeigt, der mich auf bestimmte Weise in Bann geschlagen hat.

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