In dieser Ausgabe:
>> Interview Thomas Willemeit/Graft
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"Die Mutter der grünen Wiese"
Pressestimmen zu Phoebe Washburns "Regulated Fools Milk Meadow"


Im Deutsche Guggenheim wuchert das Gras. Phoebe Washburn hat in der Berliner Ausstellungshalle eine spektakuläre Pflanzenfabrik installiert. In einer aus Holzbrettern gezimmerten Konstruktion wird Gras ausgesät und zu kleinen Rasenstücken herangezogen. Auf einem Förderband werden sie durch den Bau transportiert, dabei mit Licht und Wasser versorgt. Schließlich landen die Rasenstücke auf dem oberen Teil der Holzkonstruktion. Dort vertrocknen sie und bilden langsam eine Art Dach aus Grassoden. Die Presse zeigt sich von Washburns Regulated Fools Milk Meadow, einer monumentaler Arbeit zwischen Skulptur, Installation und Architektur, restlos begeistert.

Die Art widmet der "leidenschaftlichen Recyclerin" eine sechsseitige Geschichte, die Madame bringt ein langes Interview mit dem "neuen Star in New Yorks hart umkämpfter Kunstwelt", der deutsch-französische Kultursender Arte widmet Phoebe Washburn einen Beitrag. Nur selten hat die Ausstellung einer in Europa kaum bekannten Künstlerin ein solches Medienecho ausgelöst. Mit der Einladung an die Amerikanerin hat es das Deutsche Guggenheim erstmals ermöglicht, eine der gigantischen Installationen "der phantastischen Bildhauerin mit Visionen" (Kultur Spiegel) in Berlin zu erleben. Dass nach "Größen des Betriebes" wie Jeff Koons, Gerhard Richter oder James Rosenquist jetzt "eine junge Nachwuchskünstlerin aus New York" eine Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim realisiert, ist für Nicola Kuhn vom Tagesspiegel "ein wirklich neuer Schritt". Washburns "hochkomplexe Skulptur" sei ein "verrücktes, kluges und sogar schönes Werk, das sich einer eilfertigen Deutung entzieht."

Auch Elke Buhr von der Frankfurter Rundschau lobt den Mut der Programmmacher der Berliner Ausstellungshalle, einer "jungen, relativ unbekannten Künstlerin" eine "Carte Blanche" zu geben. Ein Schritt "mit großartigem Ertrag". Sie schätzt "die Akribie und Systematik und die formale Reflektiertheit" der Arbeiten Washburns. Ein "durchaus selbstbewusster Kommentar einer jungen Frau auf all’ die heroischen Raum-Vermüller der Kunstgeschichte à la Jason Rhoades." Ähnlich sieht das Brigitte Werneburg von der Tageszeitung: "Phoebe Washburn ist der rare Fall einer Künstlerin, die ganz selbstverständlich als Weltenbaumeisterin auftritt. Das kennt man sonst nur von den ganz wilden Kerlen, die dafür berühmt sind, dass sie die Hütte so richtig zuknallen. Völlig ungeniert und ungerührt okkupiert sie deren ureigenstes Terrain. Allein für diese Anmaßung gebührt ihr jeder denkbare Respekt." Im Gegensatz zu Tom Sachs’ Installation Nutsys, auch eine Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim, besäße Washburns "exzessive Bauwut ihre ganz eigene Folgerichtigkeit, die nicht über eine Erzählung erzwungen werden muss, sondern auf absurde, doch systematische Weise den Gegebenheiten entspringt." Werneburgs Jubelkritik endet mit dem Statement: "Phoebe Washburns ist nicht nur der rare Fall einer Künstlerin, die ganz selbstverständlich als Weltenbaumeisterin auftritt. Sie verkörpert dabei den noch viel rareren Fall restloser Brillanz."

Die Interpretationen von Phoebe Washburns Werk bewegen sich in durchaus verschiedene Richtungen. Welf Grombacher von der Märkischen Allgemeinen deutet sie als "Kommentar zur Klimakatastrophe. Allerdings auch als Parabel auf die Sinnlosigkeit schlechthin." "In einer Welt, in der Perfektion, Logik und Effizienz (…) absolute Qualitätsmerkmale sind" erscheint Gesine Borcherdt von Monopol die Arbeit als "dadaistische Nonsensmaschine, die an Slum-Architektur denken lässt. Klar, Washburns Kunst ist Konsumkritik. Doch nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Witz." Für die Zitty beschäftigt sich die Künstlerin mit "Fragen zu Nachhaltigkeit, Arbeit und der Industrialisierung natürlicher Prozesse", während die Art sie als "Kommentar zur Großindustrie mit ihren absurden Massenproduktionen" liest und die Leipziger Rundschau von einem "Skulptur gewordener Kommentar zu heutigem Konsum- und Wegwerfgebaren unserer Zivilisation" spricht. Und für Eva Karcher von der Vogue ist Washburn ein "ebenso visionäres wie quichotteskes Environment am Schnittpunkt von Massenproduktion und Maßarbeit" geglückt. "Washburns ebenso labile wie vitale Organismen werden zu Monumenten einer Utopie von explosiver Energie: Mängel verwandeln sich in Stärken, sich selbstversorgende Mikrokosmen und der Makrokosmos Erde ernähren sich in Prozessen unaufhörlichen Recyclings gegenseitig."

"Die Linien des Lebens"
Die Presse über die Brice Marden Schau im Hamburger Bahnhof



Er ist "einer der Stillen in der boomenden Event-Kultur: Brice Marden, ewiger Geheimtipp unter den amerikanischen Abstrakten" so der Rheinische Merkur. "Ein ‚Künstler der Künstler', der vor allem unter Fachleuten Ansehen genießt" - so charakterisiert ihn die Kunstzeitung. Die große, von der Deutschen Bank geförderte Retrospektive im Hamburger Bahnhof in Berlin ermöglicht es erstmals in Europa Brice Mardens Werk in seiner ganzen Spannbreite zu erleben. Skeptisch ist Andrea Hilgenstock von der Kunstzeitung, was die mögliche Publikumsresonanz auf den "großen Abstrakten Amerikas" anbetrifft. Seine Bilder bezeichnete Marden einmal als "Resonanzkörper für den Geist". "Auf dessen Beschäftigung (…) setzt nun der Hamburger Bahnhof. Für die breite Masse freilich ist das nichts." Aber für Claudine Breschnev vom Berlin Art Info: Sie begeistert sich für den "göttlichen Brice Marden" und die "zeitlose Schönheit" seiner Gemälde. "Zeitpolitisches, Mode und Schnelllebigkeit prallen an diesen Bildern einfach ab, erscheinen als geradezu banal." "Jene zeitlose Schönheit, die hier ihren Platz findet, vermisst man in den letzten marktbestimmten Hochzeiten der Malerei, kein Wunder, braucht es doch eine friedliche Ruhe, große innere Unabhängigkeit und geistige Freiheit, um solch konzentrierte und brüchige Schönheit zu schaffen."

Daniel Völzke vom Tagesspiegel rät den Ausstellungsbesuchern: "Am besten, man legt beiseite, was man über Malerei weiß. Natürlich, es geht um Licht. Um Farbe, Fläche und Format. (…) Es geht um die Malerei selbst in diesen Bildern. Aber es geht auch um den Versuch, genau das wieder zu vergessen." Den "Weg von der Reflektion über die Möglichkeiten der Malerei zu einem dichterisch freien Ausdruck" könne man im Hamburger Bahnhof "abschreiten". "Die chronologische Hängung erlaubt, Entwicklungen abzulesen, Umkehrpunkte, Befreiungsschläge." "Die neuesten Bilder im letzten Raum wirken wie ein endgültiges Aufatmen der Farben und Formen." Von einer "fabelhaften Retrospektive" spricht Heinrich Wefing in der Frankfurter Allgemeinen. "Sie zeigt einen Maler von beeindruckender Souveränität und leiser Großartigkeit." "Seine strengen Tafeln lassen sich nicht im Vorübergehen konsumieren." "Es sind Meditationen über das Wesen der Farbe oder, um es weniger pathetisch zu formulieren, Versuche über das Wesen der Malerei." Der "radikale Bruch" zwischen Mardens frühen monochromen Tafeln und den späten Liniengeflechten erscheint ihm dabei "weit weniger tief, als es flüchtigen Augen erscheinen mag. Denn auch die neueren Arbeiten leben aus dem Hintergrund, ziehen ihre Kraft aus den Farbfeldern, über die sich nun bunte Linien schlängeln. (…) Nirgends wird das offenbarer als in der monumentalen Komposition aus sechs Leinwänden, mit denen die Ausstellung in Berlin endet. Es ist die Versöhnung von Fläche und Gestik. Ein Triumph."



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