In dieser Ausgabe:
>> Interview Thomas Willemeit/Graft
>> Hartung in Leipzig / Presse: Washburn und Marden

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Hans Hartung wurde der sogenannten École de Paris zugerechnet. Was ist darunter zu verstehen?

Eine solche Bezeichnung entspricht eher einer Verständigung auf der Ebene der Vermittler. Es ist keine "Marke", die aus einem Diskussionsprozess unter den Künstlern hervorgegangen ist. Ganz aktuell: die Leipziger Schule ist ein Produkt des Kunstjournalismus. Neben der École de Paris gab es zu dieser Zeit auch die sogenannte New York School des Abstrakten Expressionismus. Der Schulbegriff ist eigentlich einer des 19. Jahrhunderts. Er stimmte noch im Fall der Düsseldorfer Malerschule. Sie war ganz klar durch einen Ort, eine Institution und ein Schüler-Lehrer-Verhältnis definiert.

Was zeichnet den Stil der École de Paris aus und wer wird ihr zugerechnet?

Die Pariser Schule ist kein Stil, sondern das Ergebnis zahlloser Begegnungen, Zusammentreffen und Experimente im internationalen Dialog: das sind die Franzosen Manessier, Mathieu und Soulage, der Nordafrikaner Atlan, der Schweizer Schneider, der Russe Poliakoff, der deutsche Hartung. Es sind allesamt individuelle Handschriften, die Bilder schaffen und nicht Abbilder einer Realität, die nur Folie ist.



Hans Hartung, T 1989-N10, 1989,
©Stiftung Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes


Was ist zu Hans Hartungs besonderem Stil, seiner ihm ganz eigenen Abstraktion zu sagen?

Seine visuellen Notate erinnern am ehesten an die fernöstliche Kalligraphie, und das Spannungsverhältnis von Zeichen und umgebenden Raum des Bildträgers entspricht den Konzentrationen der Zen-Kunst.

Markus Lüpertz findet es heute besonders aufregend, dass Hartung in der Kunst eine unpolitische Position bezog.

Ja, das ist deshalb so interessant, weil Hartung kein unpolitischer Mensch war. Sein Eintritt in die Fremdenlegion, um gegen Hitler zu kämpfen, war ein politisch konsequenter Schritt. Aber er hat ein Abbild von politischer Haltung nie in seine Malerei einfließen lassen. Hartung als Künstler war freier Ausdruck, Hartung als Person war der politisch handelnde Mensch.


Hans Hartung, CP, 1935,
©Stiftung Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes


Die Abstraktion hat auch dort an Bedeutung verloren, wo sie einst – auch in Frontstellung gegen den Sozialistischen Realismus - hoch geschätzt wurde. Sie gilt heute als schwer zu vermitteln. Wie gehen Sie in der Ausstellung vor?

Wir zeigen die Jahrzehnte im Überblick und setzen dabei einzelne Schwerpunkte. Wir beginnen mit Hartungs Papierarbeiten aus den 20er Jahren, die hier in Leipzig entstanden sind. Bei diesen Arbeiten haben Sie das Gefühl, das könnte auch Blinky Palermo sein. Hartung schaut weder nach Dresden zu den Expressiven, noch nach Weimar und Dessau zum Bauhaus. Es gibt nur eine merkwürdige ambivalente Beziehung zu Kandinsky, zwischen Ablehnung und großer Vorliebe, vielleicht ist das noch am ehesten eine Patenschaft. Dann zeigen wir die Fotografie von Hans Hartung, die bislang nie wirklich präsent war. Sie bildet in der Ausstellung ein eigenes, für das Verständnis von Hartungs Werk entscheidendes Kapitel. Denn es handelt sich um eine Fotografie, die konzeptuell für die Malerei eingesetzt wird. Die dürren, abgestorbenen Äste, die Licht- und Schattenspiele, die Wolken, die er immer wieder fotografiert, werden dann in Zeichnungen transferiert und in einem dritten Schritt in Malerei. Deswegen heißt unsere Ausstellung auch Spontanes Kalkül. Wir werden keine strenge Beweiskette verfolgen, die den impulsiven Gestaltungswillen in Frage stellt, aber wir wollen doch deutlich machen, dass Hartungs impulsiver Duktus durchaus konzeptuell gesteuert war. Und Malerei als Konzept bindet die Position Hartungs wieder ein in einen aktuellen Malereidiskurs.

Hans Hartung
Spontanes Kalkül

Museum der bildenden Künste Leipzig
4. November 2007 - 10. Februar 2008


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