In dieser Ausgabe:
>> Pipilotti Rist im Hara Museum / 10 Jahre Deutsche Guggenheim
>> Jeff Wall: Exposures

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Andere Künstler hingegen thematisierten die durchaus konfliktträchtige Liaison zwischen Künstler, Auftraggeber und Werk. Wie kann man als Künstler das Mäzenatentum einerseits in Anspruch nehmen, andererseits kritisch reflektieren und trotzdem am Ende eine gute Ausstellung daraus machen? Eine spannende Situation für alle Beteiligten. James Rosenquist malte bereits 1998 für die Deutsche Bank eines seiner bekanntesten Spätwerke: The Swimmer in the Econo-mist thematisiert und ironisiert den Kreislauf der Werte. Bill Viola, bekannt für seine filmisch erzeugten Momente der Erhabenheit, schuf aus Licht und Pixeln ein Fresco für das 21. Jahrhundert: Obwohl vor dem 11. September 2001 konzipiert, schien die Videoinstallation Going Forth By Day ein Kommentar aufs Zeitgeschehen geworden zu sein. Der Ausstellungsraum war plötzlich Andachts-Kapelle und Ganzkörperkino: eine visuelle Allround-Erfahrung, vereinnahmend, gewaltig - und ein absoluter Publikumserfolg.



Bill Viola, Going Forth By Day (detail), First Light, 2002
Video / Sound Installation, Foto: Darin Moran,
© Deutsche Guggenheim Berlin / Bill Viola


Blickt man auf die zehnjährige Ausstellungsgeschichte des Deutsche Guggenheim zurück, fällt vor allem die ungeheure Wandlungsfähigkeit auf, mit der sich der Raum von Ausstellung zu Ausstellung präsentiert. Dabei ist die architektonisch zwischen White Cube und Museumsflügel angesiedelte Halle eigentlich kompliziert in den Griff zu bekommen - ob es sich nun um Installationen, Fotografie oder Mixed-Media-Arrangements handelt. Sie macht es Künstlern und Kuratoren nicht leicht. Aber vielleicht ist es gerade diese Herausforderung, die so häufig zu überraschenden Konzepten und eigenwilligen Lösungen führt. Tom Sachs' Intervention zum Beispiel glich der Erfüllung kollektiver Teenagerträume. Mit Nutsy's verwandelte er 2003 das Deutsche Guggenheim kurzerhand in einen Themenpark mit Hamburger-Stationen und Autorennbahnen und vollzog die Umkehrung des autoritären Befehls zum Aufräumen im Kinderzimmer: Hier muss aber dringend mal Unordnung geschaffen werden!

Mit seinen inzwischen berühmt-berüchtigten "Fallen" ging Andreas Slominski 1999 gleich vor die Tür und installierte doppelsinnig eine abgesägte Linde "Unter den Linden". Die dazu gehörige Edition, eine Do-it-yourself-Bewässerungsanlage mit Anleitung, war bald vergriffen.



Tom Sachs, Nutsy's, 2003, Blick in die Ausstellung
© Deutsche Guggenheim Berlin / Tom Sachs


Der Gedanke, Kunst für alle zugänglich zu machen, hat mit den Editionen des Deutsche Guggenheim bis heute bereits vierzig Mal eine andere Form gefunden. Auch hier hat das Haus mit den Künstlern oder Kuratoren gemeinsam Ideen geprägt, die von einigen Künstlern später weiter verwendet wurden: Die Edition von Kara Walker, ein Scherenschnitt aus Messing, der sehr schnell ausverkauft war, wurde von ihr und ihrer Galerie sieben Jahre später in ähnlicher Weise noch einmal mit großem Erfolg aufgelegt. Wie Neo Rauch ist auch Kara Walker ein Beispiel dafür, wie das Deutsche Guggenheim sehr früh auf künstlerische Positionen aufmerksam macht, die erst später in großem institutionellen Rahmen präsentiert werden.


Rachel Whiteread, Transient Spaces,
Untitled (Apartment), Detail, 2000 / 2001
Foto: Mathias Schorman,
© Deutsche Guggenheim Berlin


In diesem Oktober hat die Künstlerin eine große Einzelausstellung im Whitney Museum in New York. Mit ihren kontroversen Arbeiten war sie in Berlin bereits 2002 zu sehen. Inzwischen ist sie neben Ellen Gallagher die einflussreichste afroamerikanische Künstlerin der Gegenwart. Und vielleicht werden Newcomer wie die junge New Yorkerin Phoebe Washburn, die in diesem Sommer das Deutsche Guggenheim mit ihrer Auftragsarbeit Regulated Fool's Milk Meadow in eine Mischung aus Biotop und Recycling-Fabrik verwandelte, auch schon bald ähnliche Aufmerksamkeit erlangen.

Auf Erfolgen und Pioniertaten will man sich allerdings auch nach zehn Jahren nicht ausruhen. Für das Deutsche Guggenheim verbindet sich das Jubiläum zugleich mit dem Anspruch neue Zielgruppen zu erreichen. Wenn im November Jeff Wall seine jüngsten, vom Deutsche Guggenheim in Auftrag gegebenen Arbeiten zeigt, werden Schüler zwischen 12 und 15 Jahren zu Schreibwettbewerben eingeladen - eine Altersgruppe, die von museumspädagogischen Programmen häufig vernachlässigt wird. Und unter dem Schlagwort "I like Mondays" wird der kostenlose Eintritt am Montag - ein Tag, an dem andere Kunstinstitutionen geschlossen haben - es noch mehr Menschen ermöglichen, sich mit Kunst beschäftigen zu können, die das unter anderen Umständen vielleicht nie tun würden. So verbinden sich die Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag natürlich auch mit einem Blick in die Zukunft. Unter dem Motto "Art Spaces for Tomorrow" werden hochkarätige Museumsleute, Sammler und Experten aus der ganzen Welt gemeinsam mit Thomas Krens, dem Direktor der Solomon R. Guggenheim Foundation, über neue Wege der Kunstvermittlung diskutieren. Aber auch im alltäglichen Betrieb wird darüber nachgedacht werden, wie eine inhaltliche Prägung aussehen kann.




Bruce Nauman: Theaters of Experience, 2003,
Blick in die Ausstellung,
Foto: Mathias Schorman,
© Deutsche Guggenheim Berlin


Gerade erst wurde die Zusammenarbeit zwischen Deutscher Bank und Solomon R. Guggenheim Foundation um weitere fünf Jahre bestätigt. "Wir werden uns noch weiter auf zeitgenössische Kunst konzentrieren", sagt Direktor Friedhelm Hütte und deutet an, dass die USA im Ausstellungsprogramm weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden. So ist für 2008 ist eine Ausstellung geplant, in der ein prominenter Vertreter der US- Gegenwartskunst junge Positionen aus den USA auswählt und kuratiert. Und wer weiß: vielleicht ist das Deutsche Guggenheim auch diesmal wieder einmal das Sprungbrett für eine künstlerische Weltkarriere - auf jeden Fall aber ein Ort, der mit kuratorischem Entdeckergeist Zeichen setzt.

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