In dieser Ausgabe:
>> Pipilotti Rist im Hara Museum / 10 Jahre Deutsche Guggenheim
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Pipilotti Rist, Selbstlos im Lavabad
(Selfless In The Bath Of Lava), 1994,
Installationsansicht Sammlung Hoffmann, Berlin
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London

Denn die "Meisterin der Bildstörung", wie sie gerne genannt wird, möchte mit ihren Arbeiten beim Betrachter "eine Art Mildheit mit sich selbst fördern", wie sie im Gespräch mit Richard Julin bekennt. Nicht im Widerstreit mit sich selbst (und daher auch weniger im Streit mit der Welt), soll ihr idealer Rezipient die Probleme, Widersprüche und Fragen schärfer in den Blick nehmen können, mit denen er sich im gesellschaftlichen und politischen Alltag konfrontiert sieht. Rist geht es hierbei sicher nicht um den moralisch erhobenen Zeigefinger oder um blindwütigen Selbsthass. Darin unterscheidet sich für die Künstlerin der Feminismus ihrer Generation von dem vorangegangenen. Denn selbstverständlich ist sie Feministin, "das ist Ehrensache", wie sie zu Richard Julin sagt. Für sie liegt die Kernfrage des Feminismus allerdings vorrangig im "Kampf um gleiche Rechte und gleiche Löhne" wie sie vor zehn Jahren in einem anderen Interview sagte. Dafür muss ihre Kunst Emanzipation und Genderfragen allerdings nicht explizit thematisieren.


Pipilotti Rist, Ever Is Over All, 1997,
Audio-Video-Installation (Video still)
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


Oft hilft bereits eine ordentliche Portion anarchischer Witz weiter, wie ihn Rist in ihrer Videoinstallation Ever is Over All demonstrierte, die sie 1997 erstmals auf der Biennale in Venedig vorstellte. Jetzt ist die Doppelprojektion in Tokio wieder zu sehen: Eine junge Frau im luftigen, blauen Sommerkleid und den roten Pumps à la Dorothy im Wizard of Oz, läuft beschwingt und vor sich hin summend eine Straße entlang, in der Hand eine langstielige Gladiole. Doch die erweist sich schon bald darauf als robust genug, um damit parkenden Autos die Scheiben einzuschlagen: Die fröhliche junge Dame ist ein Hooligan. Was die Polizistin, die das muntere Treiben beobachtet, nicht daran hindert, sie freundlich zu grüßen. Absurde Posse und Poesie statt plakativ artikulierter Frauenwut - und trotzdem geht es genau darum: um Aggressivität, Wut oder umgekehrt auch Lebenslust, die zu äußern für Frauen immer gleich als peinlich oder hysterisch gilt. Warum also nicht ganz entspannt ein Videomusical drehen, mit peinlichen Frauen, von einem selbst oder der Freundin gespielt?

Die Aufforderung "uneinsichtige Regeln nicht zu befolgen", die schon Ever is Over All motivierte, ist auch der Ausgangspunkt für Pipilotti Rists aktuellen Spielfilm, in dem die Protagonistin von ihrer Großmutter den Auftrag erbt, sich von unnötigen Ängsten zu befreien. "Mein Anliegen ist es, überschwängliche Alternativen zu Gewohnheiten aufzuzeigen", gesteht sie Julin. Doch die überschwänglichen Alternativen existieren für diesen Spielfilm gerade nicht.


Pipilotti Rist, Selbstlos im Lavabad
(Selfless In The Bath Of Lava), 1994,
Audio-Video-Installation (Video Still)
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London

War sie früher Computertechnikerin, Produzentin, Drehbuchautorin, Regisseurin, Kamera- und Tonfrau wie Hauptdarstellerin in einem, muss sie jetzt, wie sie sagt, die Regeln des Filmgeschäfts befolgen, um den Film zu finanzieren. Zumal "für die Kunstwelt extrem teuer ist, was für die Filmwelt eine Low-Budget-Produktion ist." Man sollte trotzdem darauf bauen, dass sie auch hier die Allmacht des Filmapparats unterminieren wird, indem sie erhellende Pannen produziert und die Autorität des Größenmaßstabs durcheinander bringt.



Pipilotti Rist, Ever Is Over All, 1997,
Audio-Video-Installation (Video still)
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


In Japan wird das dafür effektivste Beispiel (dann doch nicht zu über-)sehen sein: ein winzig kleiner, im Fußboden versteckter Monitor mit einem ihrer bekanntesten Videos Selbstlos im Lavabad /Selfless in the Bath of Lava (1994). In diesem großartigen Clip ist die nackte Pipilotti Rist inmitten einer Flut glühendroter Lava zu sehen, wie sie auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch um Hilfe und Errettung fleht: "I am a worm and you, you are a flower. You would have done everything better. Help me. Excuse me." Weiß Gott keine schlechte, böse Parodie auf das Fegefeuer, in dem sie schmort; wahrscheinlich aufgrund von Genuss und Lust, die sich in der ständigen Metamorphose andeuten, in der ihr schöner roter runder Mund ununterscheidbar von einem ebenso attraktiven Anus wird. Auch dass die Gratwanderung zwischen restlos ästhetisierter Inszenierung und provozierendem Ekel, Deformation und Groteske, nicht immer nur heilsam und kathartisch erscheint, gehört zu ihrem Werk. Am besten beantwortet man diese Zumutung mit Karakara. So heißt auf Japanisch das leicht schrille und hysterische, aber sorglose Lachen, das ihrer Tokioter Ausstellung den Titel gibt.


Pipilotti Rist, Ever Is Over All, 1997,
Audio-Video-Installation (Video still)
Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London




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