In dieser Ausgabe:
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>> Der lachende Pinsel
>> Kunst-Nukleus Villa Romana
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Kunst-Nukleus
Die traditionsreiche Villa Romana eröffnet mit neuem Profil



2005 feierte die Villa Romana ihr 100-jähriges Bestehen. Bereits seit 1905 beherbergt die Villa auf den Hügeln über Florenz die Preisträger des ältesten deutschen Kunststipendiums. Ausgeschrieben wird es vom Villa Romana Verein, dessen Arbeit seit langem von der Deutschen Bank gefördert wird. Nicht nur Gustav Klimt oder Max Beckmann fanden hier Ruhe und Inspiration, sondern auch Georg Baselitz oder Jungstars wie Amelie von Wulffen und Marc Brandenburg. Nach einer umfassenden Sanierung startet die ehrwürdige Institution nun mit neuer Leiterin und neuem Programm in die Zukunft. Kito Nedo hat sich mit Angelika Stepken über Pläne und Perspektiven für ihr Haus unterhalten.



Stipendiatin Silke Markefka in ihrem Atelier
Foto: Heinz Peter Knes


Kompressoren-Knattern ist das Erste, was den Besucher der Villa Romana an diesem heißen Augusttag empfängt. In der prallen Sonne stülpt sich aus dem ersten Stock des klassizistischen Gebäudes auf den Hügeln über Florenz ein wulstig-orangefarbenes Kunststoffgebilde, das langsam aber stetig an Volumen gewinnt. Helfer laufen geschäftig umher, prüfen die sich allmählich entfaltende Form immer wieder, installieren provisorische Stützen, achten darauf, dass dort, wo das Wulstgebilde den hellen Kiesboden vor dem Villaportal berührt, keine Beschädigungen der Kunststoffhaut entstehen. Erst nach einigen Stunden, bei Anbruch der Dämmerung kann man erkennen, um was es sich bei diesem aufgeblasenen Ding tatsächlich handelt: die Notrutsche eines Jumbo-Jets.



Die Villa Romana in Florenz
Foto courtesy Villa Romana


Mitgebracht hat sie der junge Düsseldorfer Künstler Michail Pirgelis, der an diesem Augustnachmittag testet, ob sich die Installation für die offizielle Wiedereröffnung des Künstlerhauses Anfang September eignen könnte. Pirgelis zählt wie die Malerinnen Barbara Kussinger und Silke Markefka und die Video- und Installationskünstlerin Andrea Faciu zu den diesjährigen Preisträgern der Villa Romana, die hier für rund zehn Monate leben und arbeiten. Schade eigentlich, dass der Künstler seinen Architektureingriff am Eröffnungsabend dann doch nicht zeigen will. Denn der Kontrast zwischen der hier herrschenden Toskana- Idylle und dem technoiden Fremdkörper könnte auf das Eindrücklichste den Umbruchprozess illustrieren, in dem sich das traditionsreiche Künstlerhaus an der Via Senese nahe der Porta Romana seit ein paar Monaten befindet.



Flügeltür in der Villa Romana
Foto: Heinz Peter Knes



Die Geschichte der Villa reicht zurück bis ins Jahr 1905, als der Leipziger Maler und Bildhauer Max Klinger die geräumige, aber halbverfallene Immobilie erwarb, um gemeinsam mit dem Deutschen Künstlerbund eine staatlich unabhängige Künstlerkolonie ins Leben zu rufen. Schon in den ersten Jahren ihres Bestehens bis zum Ersten Weltkrieg wurde Kunstgeschichte geschrieben: Größen wie Käthe Kollwitz, Max Beckmann oder Max Pechstein lebten und arbeiteten im Haus und prägten bald seinen Ruf als "Arkadien der Moderne". In jüngerer Zeit zählten etwa Georg Baselitz, Katharina Grosse oder Amelie von Wulffen zu den Stipendiaten des Hauses.

Angelika Stepken, die neue Leiterin der Villa Romana
Foto: Heinz Peter Knes


Angelika Stepken, die im vergangen November die Nachfolge von Joachim Burmeister antrat, der dreißig Jahre lang die Geschicke der Villa leitete, weiß um die reflexartigen Romantik-Projektionen, die das Renaissancezentrum Florenz noch immer in der deutschen Kulturseele hervorruft. Doch ihr ginge es nicht um Italien-Schwärmerei, sondern eher um die Produktion eines Bildes von Florenz, "das noch andere, aktuelle Realitäten mitdenkt", erklärt die resolute Ausstellungsmacherin bei einem Espresso und einer Zigarette auf der rückseitigen Terrasse, die den Blick auf den weitläufigen Garten des Anwesens freigibt: "Ich möchte das Haus und seine Möglichkeiten eher inhaltsbezogen und weniger atmosphärisch begreifen." So vermisst sie also weder das andächtige Abschreiten des hauseigenen Olivenhains, noch der imaginären Ahnengalerie des Ortes, für das bislang sowieso keine rechte Zeit gewesen sein dürfte. Zu dringlich waren die ganz praktischen Belange, um die sich die Kunsthistorikerin zunächst kümmern musste. Die Villa, erinnert sich Stepken, die zuvor neun Jahre lang den Badischen Kunstverein in Karlsruhe leitete, hätte ihr gleich zu Beginn einiges an Improvisationsvermögen abverlangt. Das Haus glich einer einzigen großen Baustelle.


Im Garten der Villa Romana
Foto: Heinz Peter Knes


Denn noch unter Burmeister hatten im letzten Sommer - mit einer Million Euro vom Bund gefördert - umfangreiche Modernisierungsarbeiten begonnen: elektrische Leitungen wurden neu gezogen, Sanitäranlagen ersetzt, etliche Decken und Böden in Ordnung gebracht, die Gästezimmer im Dachgeschoss mit einer Klimaanlage ausgestattet und das Haus nun endlich auch mit einem drahtlosem Internetanschluss versehen. Eine funktionierende Infrastruktur - für Stepken, die im letzten Winter noch für mehrere Wochen zum Telefonieren und Email-Schreiben ins Internetcafe gehen musste, hat diese Tatsache fast schon etwas Luxuriöses. Fast scheint sie selbst ein wenig erstaunt, dass heute alles funktioniert, wenn sie an ihrem Bürorechner für den Gast durch die Aufnahmen aus der Bauphase klickt.



Ausstellungsraum in der Villa Romana
Foto courtesy Villa Romana


Im Zuge der behutsamen Renovierung nach Plänen des Architektur-Büros Bacciochi aus Arezzo nahm Stepken auch einige Neuerungen in der räumlichen Ordnung des Hauses vor, die dazu führen sollen, dem Gebäude "sein Volumen" zurückzugeben und so seine Attraktivität auch für auswärtige Besucher zu erhöhen. So wurde etwa das Büro vom Dach in das Erdgeschoss verlegt, die kleine Bibliothek hingegen unter das Dach, und ein ehemaliges Atelier neben dem Büro in einen weiteren, rund sechzig Quadratmeter großen Schauraum umgewandelt, der nun den Salon, den traditionellen Ausstellungsort des Hauses, beträchtlich erweitert. Für Stepken dienen diese ganz praktischen Maßnahmen der weiteren Öffnung des Hauses und seiner Profilierung als internationaler Ort für zeitgenössische Kunst.


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