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"Im Licht der Punkte"
Pressestimmen zu Divisionismus/Neoimpressionismus: Arkadien und Anarchie



Eine Premiere feiert das Berliner Deutsche Guggenheim mit der aktuellen Schau Divisionismus/Neoimpressionismus: Arkadien und Anarchie. Erstmals werden jetzt in einer Ausstellung Gemälde der fast in Vergessenheit geratenen Italiener denen ihrer französischen Zeitgenossen gegenübergestellt.

Die Wiederentdeckung der Divisionisten, die mit ihrer neuen Malweise und sozialkritischen Themen Ende des 19. Jahrhunderts die Kunst Italiens revolutionierten, wird von der Presse durchweg positiv aufgenommen. Denn ihre Bilder beeindrucken noch heute: Christiane Meixner von der Berliner Morgenpost spricht von "wunderbar flirrenden Gemälden" aus "feinsten Punkten und Flecken". "In der Summe bilden sie das perfekte Motiv, das dann bei näherer Betrachtung jedoch in kleinste Teilchen und damit abstrakte Malerei zerfällt."

Doch die diffusen Farbflecke verwirren nicht nur das Auge. Eine gewisse Irritation stellt sich auch angesichts der verschiedenen Begriffe für diesen Malstil ein. Welf Grombacher von der Märkischen Allgemeinen meldet terminologischen Klärungsbedarf an: Es entstünde der Eindruck, "als bezeichne man lediglich die Italiener als Divisionisten, die Franzosen hingegen als Neoimpressionisten oder Pointillisten". Er weist darauf hin, dass schon Seurats Malerkollegen sich als Divisionisten verstanden, "bevor im Jahr 1886 der Kritiker Felix Fénéon den Namen Neoimpressionisten kreierte, den die Künstler aus Verbundenheit zu den älteren Impressionisten akzeptierten." Auch formal verbinde die Vertreter der beiden Länder mehr, als Kuratorin Vivien Greene zu vermitteln suche. "Weder das Interesse an modellierten Formen, noch die Vorliebe für große Kompositionen" sind für ihn "Eigenheiten der Italiener, wie die Schau vermitteln will." Mit ihrer Technik hätten all diese Maler letztlich dasselbe Ziel gehabt: Sie strebten im Gegensatz zu den Impressionisten nicht die Wiedergabe eines flüchtigen Eindrucks der Natur an, sondern "eine verdichtete Wirklichkeit".

Als sich die Divisionisten 1891 erstmals in Mailand präsentierten, gab es allerdings zahlreiche Kritiker, die sich ganz entschieden gegen diese progressive Malerei aussprachen. "Die vehementesten nannten die neue Technik eine Krankheit, das Symptom einer Degeneration: fiebrig und mit allen Anzeichen von Masern", beschreibt Nicola Kuhn vom Tagesspiegel die Reaktionen.

"Nicht nur die Zeitgenossen, auch heutige Betrachter irritiert es, wie eine flirrende, den Oberflächenreiz auskostende Malerei und ein explizit politisches Thema zusammenpassen. Exzellent, wie die Ausstellung in der Galerie Deutsche Guggenheim beweist. (…) Die Zusammenführung dieses Gegensatzpaares blieb in der Kunstgeschichte ein Unikum, die italienische Spielart des Pointillismus bis heute deshalb kaum einer eigenen Betrachtung wert. Die Deutsche Guggenheim begibt sich hiermit auf neues Terrain; nie zuvor ist den dortigen Neoimpressionisten außerhalb des Landes eine Sonderausstellung gewidmet gewesen. Als zu abseitig, zu epigonal waren ihre Werke bislang erschienen. Ein Irrtum, wie sich nun erweist." Thomas Deecke von der Kunstzeitung dagegen begeistert sich vor allem für die Präsentation der Gemälde, die mit schlichten "Leuchtstoffröhren in richtigen Abständen (!) von den Wänden" in "perfektes schattenloses Licht" getaucht seien.

Fast alle Artikel betonen die Bedeutung der Neoimpressionisten für die anschließenden Avantgardebewegungen. So äußert Peter H. Feist vom Neuen Deutschland: Die "‘freigesetzten’ leuchtenden Farben wie auch das lebenssymbolische, schwungvolle Pathos" der Divisionisten "waren Nährstoff für den bald folgenden dynamischen Futurismus, der zu einem wirkungsvollen Beitrag Italiens zur Moderne des 20. Jahrhunderts wurde."

Marcus Woeller von der taz geht noch einen Schritt weiter. "Im Licht der Punkte" überschreibt er seinen kunsthistorisch fundierten Essay, in dem er konstatiert: "In der Nahsicht wirken die Bilder pixelartig abstrakt. Charles Angrands Die Ernte von 1887 mit seiner Ansicht von Heustapeln auf einer Weide zum Beispiel scheint den Rastersiebdrucken Roy Liechtensteins aus der Hochzeit der Pop Art näher als den Werken seiner impressionistischen Zeitgenossen." Auch Sebastian Preuss von der Berliner Zeitung erkennt in den wiederentdeckten divisionistischen "Mauerblümchen" "die erste Konzeptkunst der Moderne" und "denkt an die Methoden der Pop Art, die im Nachmalen von Fotovorlagen den Produktionsvorgang vom klassischen Kunstgestus ablösen wollte, aber auch an die diffuse Statuarik von Gerhard Richter." Preuss schlägt seinen stilgeschichtlichen Bogen sogar bis zur Gegenwart: "Die Ausstellung kommt im rechten Moment. Denn jüngere Maler von heute, etwa der Berliner Erik Schmidt, lassen die divisionistische Technik ganz explizit wieder aufleben."

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