In dieser Ausgabe:
>> Made in Italy
>> Am Meer: Massimo Vitali
>> Reale Romantik: Alberto Garutti
>> Interview Angelika Stepken

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Hommage an Italien
Ein Rundgang durch die neue DB Collection Italy



Gerade wurde sie festlich eröffnet, die neue "DB Collection Italy". Wie die Zentralen in Frankfurt, New York oder London besitzt jetzt auch der neue Hauptsitz der Deutschen Bank in Mailand seine eigene Kunstausstattung. Für db artmag durfte Tim Ackermann schon mal einen Blick auf die rund siebzig Arbeiten werfen.



Luca Vitone, Mare Nostrum, 2004/2007,
Auftragsarbeit für die Mailänder Deutsche Bank Zentrale,
Foto: Roberto Marossi

Mailand zeigt sich gerade nicht von seiner Schokoladenseite: Es nieselt, die Türen im Express-Zug vom Flughafen klemmen und dann marodieren auch noch Fußballfans von Celtic Glasgow durch die Innenstadt. Frank Boehm wartet schon in seinem Büro unweit der Porta Venezia. Der Architekt und lokale Kurator in Sachen Kunst für die Deutsche Bank in Italien wird heute durch die DB Collection Italy führen – durch die brandneue Kunstsammlung, die seit kurzem die Flure der italienischen Zentrale der Bank schmückt.



Kurator Prof. Frank Boehm vor einer Auftragsarbeit von Lara Favaretto,
Foto: Tim Ackermann

"Es ist das Credo der Bank, zeitgenössische und vor allem junge Kunst zu sammeln", erklärt Boehm. Zum Sammlungsaufbau hat er im Laufe von neun Monaten gezielt Galerien in ganz Italien nach passenden Werken durchkämmt. Als Professor für Kunst und Design an der Universität IUAV in Venedig ist Boehm der Mann vor Ort, der gemeinsam mit Friedhelm Hütte, Direktor der Deutsche Bank Kunst und Kuratorin Claudia Schicktanz für die Auswahl der Werke im italienischen Hauptsitz verantwortlich ist. In mehreren Sitzungen wurden die von Boehm vorgeschlagenen Werke gesichtet, diskutiert, Hintergrundinformationen zusammengetragen. Fünf Künstler wurden daraufhin eingeladen, Auftragsarbeiten für das neue Gebäude zu realisieren. Zusätzlich wurden Werke junger unbekannter, aber auch renommierter Künstler angekauft. Das große Thema der Sammlung ist: Italien. "22 der Künstler sind Italiener. Die anderen beziehen sich zumindest mit ihren Arbeiten auf einen italienischen Kontext", sagt der Kurator. Dieses Auswahlkriterium möge auf den ersten Blick einfach erscheinen, biete aber viel Raum für Überraschungen.



Der von Gino Valle entworfene Hauptsitz der Deutschen Bank in Mailand

Die Zentrale der Deutschen Bank liegt in Bicocca, zehn Minuten Autofahrt vom Zentrum entfernt. Man merkt: Die Stadt ist im Wandel, und nirgendwo spürt man das stärker als in diesem Vorort. Hier ist in den letzten Jahrzehnten ein neues Geschäftsviertel entstanden, das auch ein großes Kino und einen Teil der Mailänder Universität beherbergt. Und hier steht auch seit zwei Jahren das Hauptquartier der Deutschen Bank in Italien. Der Hauptsitz entstand als "Polo unico", als Ort, an dem heute auf über 34.000 qm mehr als 1000 Kollegen aus ganz Italien zusammenarbeiten. Nun ist also auch die Kunst eingezogen. Das Management von Private and Business Clients beauftragte die Kuratoren der Deutsche Bank Kunst, das Konzept für eine Kunstausstattung zu erarbeiten, die Mitarbeiter, Kunden und Gäste der Bank inspiriert, zu Diskussionen anregt und dem Gebäude einen unverwechselbaren Charakter verleiht. Trutzig wirkt der E-förmige Betonbau und erinnert in seiner schnörkellosen Wehrhaftigkeit ein bisschen an das alte Castello Sforzesco im Stadtkern. Das Bankgebäude ist einer der letzten realisierten Entwürfe von Gino Valle. Der italienische Architekt starb während der Bauphase.



Auftragsarbeit von Alberto Garutti im Foyer,
Foto: Tim Ackermann


Im Foyer der Zentrale verlässt mich Boehm zunächst, er muss noch wichtige Details zum Aufbau der Kunstausstattung klären. Ich setzte mich derweil auf eine Bank – und damit gleich auf das erste Kunstwerk. Das beigefarbene Möbelstück ist Teil einer Auftragsarbeit des italienischen Künstlers Alberto Garutti. Insgesamt neun Bänke hat dieser in den Fluren des Gebäudes verteilt. Orte zum Verweilen und zum Plaudern. Im Foyer, allerdings, gehen die Angestellten an den Bänken achtlos vorbei. Vom Büro in die Caféteria und wieder zurück. Zu längeren Pausen fehlt wohl gerade die Zeit.



Patrick Tuttofuoco, X-Flag, 2006,
Auftragsarbeit für die Mailänder Deutsche Bank Zentrale,
Foto: Roberto Marossi


Dabei gibt es in der Eingangshalle einiges zu sehen. Zum Beispiel eine zweite Auftragsarbeit: Patrick Tuttofuoco, der sein Publikum gerne mal mit regenbogenbunten Riesenspiralen beeindruckt, ist im Hauptsitz der Deutschen Bank nicht weniger selbstbewusst vorgegangen. Seine dreiflügelige Gitterkonstruktion, die dort von der Decke hängt, nimmt locker eine ganze Geschosshöhe ein. Zudem schwebt sie relativ niedrig über den Köpfen der Bankangestellten. So wirkt die Eingangshalle fast wie eine Höhle und die Banker suchen offensichtlich gerne Schutz unter Tuttofuocos Leuchtskulptur, wenn sie mit dem Handy telefonieren. Der Titel der Arbeit, X-Flag, steht in roten Neon-Lettern auf dem weißen Gitter und ist ein Rätsel, das es noch zu lösen gilt.

Doch zunächst in die Unternehmenskantine, ins Untergeschoss. Hier trifft sich die Kunst beim Mittagessen mit einem Großteil der über 1000 Beschäftigten. Und wer beim Nachtisch ordentlich zugelangt hat, den zwickt spätestens beim Betrachten von Massimo Vitalis großformatigem Strandfoto das schlechte Gewissen: Wie unschick wäre es doch, wenn sich beim nächsten Urlaub der Badehosenbund unter dem Bauch versteckt.



Ina Weber, Kiosk, Mailand, 2006,
Sammlung Deutsche Bank


Mit Vitali können die Bankangestellten täglich von den großen Ferien träumen. Der Kurzurlaub ist dagegen nur ein paar Schritte entfernt: die Bar. Hier relaxen auch Swena Lau und Roberto Capra bei einer Tasse Cappuccino. Die beiden arbeiten im IT-Bereich der Bank und lassen sich gerne in ein Gespräch über Kunst verwickeln. Lau hat ihre zwei Favoriten in der Kunstausstattung schon gekürt. Die Auftragsarbeit von Luca Vitone – eine Italien-Silhouette aus Urlaubspostkarten auf einem meeresblauen Untergrund. Und eine zarte Aquarellzeichnung von Ina Weber, die einen italienischen Zeitungskiosk zeigt. "Der wirkt so typisch mailändisch." Kollege Capra ist dagegen noch skeptisch: "Ich mag eigentlich lieber traditionelle Kunst", sagt er. Einige Exponate findet er erklärungsbedürftig. Etwa den Schaukasten mit Langspielplatten von Luigi Tenco, dem er auf seinem Weg zum Arbeitsplatz tagtäglich begegnet.


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