In dieser Ausgabe:
>> Kiki Smith: Body Politics
>> Dan Flavin: Reise ins Licht

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untitled (in honor of Harold Joachim) 3, 1977,
Courtesy Stephen Flavin
Foto: Billy Jim. Courtesy Dia Art Foundation

Zeit seines Lebens versah Flavin viele seiner unbetitelten Werke mit nüchtern anmutenden Widmungen, die gleichzeitig ironische, politische oder poetische Kommentare sind. Teilweise mit dem Zusatz "lovingly" versehen, galten sie befreundeten Künstlern wie Donald Judd – so auch bei seiner Lithografie-Serie aus der Sammlung Deutsche Bank –, Förderern wie dem Gründer der Dia Art Foundation Heiner Friedrich, seiner Frau Sonja und sogar seinem Golden Retriever Airily.





(to Don Judd, colorist), 1986,
Sammlung Deutsche Bank

Dem Bildhauer Constantin Brancusi widmete er das Werk the diagonal of May 25, 1963, die Keimzelle all seiner folgenden Lichtarbeiten. Minimaler Aufwand, maximaler Effekt: Flavin montierte eine handelsübliche Leuchtstoffröhre im 45-Grad-Winkel an der Wand seines Studios – ohne jede weitere Bearbeitung. Der in einem Goldton schimmernde Leuchtkörper ist aber nicht nur eine Hommage an den Schöpfer der monumentalen Endlosen Säule, die sich aus gleichförmigen Elementen zusammengesetzt in den Himmel über Rumänien schraubt. Natürlich steht er auch in der Tradition der Readymades von Marcel Duchamp oder den objekthaften frühen Gemälden von Jasper Johns. Und doch ist Flavins diagonal of personal ecstasy, so ihr ursprünglicher, wesentlich emotionalerer Titel, viel mehr als nur ein Readymade. Denn die Leuchtstoffröhre wird für Flavin zum zentralen Medium seiner Kunst. Ein Modul, aus dem sich alle späteren "situations" oder "proposals" – den Begriff Skulptur lehnte er für seine Arbeiten ab – zusammensetzen.



the diagonal of May 25, 1963
(to Constantin Brancusi), 1963,Dia Art Foundation,
Foto: Billy Jim. Courtesy Dia Art Foundation

Wie auch die Minimalisten Donald Judd oder Carl Andre arbeitete auch er seit den frühen Sechzigern mit industriell hergestellten Materialien, die die "Handschrift des Künstlers" eliminieren sollten und den Kunstbegriff des Abstrakten Expressionismus, der die amerikanische Kunst damals noch dominierte, radikal in Frage stellten. Bei der Arbeit mit diesem, wie Flavin es nannte, "modernen technologischen Fetisch" beschränkte er sich fast ausschließlich auf Röhren in vier Längen und den Farben blau, grün, pink, gelb und rot sowie in ultraviolett und vier Weißtönen. Aus diesen einfachen Elementen schuf er ein überwältigend vielgestaltiges Werk, das nun in München in fast allen Facetten zu erleben ist.


untitled, 1989, Courtesy Stephen Flavin,
Foto: Phillip Schönborn. Courtesy Dia Art Foundation

Subtil akzentuiert etwa untitled (two primary series and one secondary) (1968) den Raum und taucht Wände, Böden, Decken – und nicht zuletzt die Besucher – in sanftes rotes und gelbes Licht. Für schmerzende Augen sorgt dagegen untitled (1989), eine geballte Ladung aus 248 weißen, blauen und roten Leuchtstoffröhren, die als Block die gesamte Breite eines Raums ausfüllt. Eine monumentale Leucht-Barriere, untitled (1973), versperrt den Weg durch einen der Ausstellungsräume. Ihr intensives grünes Licht brennt sich so stark in die Netzhaut ein, dass das Auge durch den Nachbildeffekt weißes Licht für kurze Zeit als rosafarben wahrnimmt.



"Dan Flavin: Architektur des Lichts",
Ausstellungsansicht Deutsche Guggenheim 1999,
Foto: Mathias Schorman, Courtesy Deutsche Guggenheim

Immer wieder offenbart sich Flavin als Skeptiker. Entlang der Mittelachse des Museums reihen sich 24 seiner bedeutenden monuments for V. Tatlin. Variationen eines Themas: Wie Monet seinen Heuhaufen in den verschiedensten Lichtstimmungen festhielt, spielte Flavin in dieser 50-teiligen Werkgruppe, an der er bis in die Achtziger Jahre hinein arbeitete, verschiedene Kombinationen von zumeist sieben unterschiedlich langen, in kühlem Weiß leuchtenden Röhren durch. Die frühen monuments erinnern an Tatlins berühmten Entwurf Monument für die Dritte Internationale , die Art-Deco-Ästhetik des Empire State Building – aber auch an stilisierte Raketen.


‚monument' for V. Tatlin, 1966-69, Pinakothek der Moderne, München,
Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen


Diese eleganten Objekte verstand Flavin als doppelbödige Hommage an den Fortschrittsglauben und die Gigantomanie der russischen Avantgardisten. Tatlins Monument sollte doppelt so hoch werden wie das Empire State Building – und seine Realisierung musste schließlich an den Realitäten der neuen sowjetischen Gesellschaft scheitern. Ironisch kommentiert der Amerikaner die hochfliegenden Plänen Tatlins – mit einem "monument", das er bewusst in Anführungsstriche setzt und das man je nach Bedarf an- oder abschalten kann.


‚monument' 1 for V. Tatlin, 1964, Courtesy Stephen Flavin,
Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen


Beim Verlassen der Ausstellung fällt der Blick noch einmal auf eine von Flavins icons – ein rotes Quadrat, an dessen Oberseite eine rote Leuchtstoffröhre glüht. Eine Ikone ohne Heilige, nur der monochrome Grund ist geblieben und eine leuchtende Aura. "Es ist was es ist" lautet zwar ein Credo der Minimalisten. Und Flavin, der aus einem streng katholischen Elternhaus stammt, hat einen religiösen Gehalt seiner leuchtenden Objekte stets bestritten: "Meine fluoreszierenden Röhren entflammen nie für einen Gott". Und doch scheinen sie plötzlich eine spirituelle Dimension zu besitzen. Zumindest, so lange der Strom fließt.

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