In dieser Ausgabe:
>> Porträt: Cornelia Parker
>> Welt als Bühne: Gerard Byrne
>> Die Idyllen der Annelies Strba
>> Interview: Yehudit Sasportas

>> Zum Archiv

 
Die ganze Welt ist eine Bühne:
Gerard Byrnes Neuinszenierungen der Vergangenheit



Erst jüngst wurden Gerard Byrnes gespenstisch schöne Landschaftsfotografien für die Sammlung Deutsche Bank in London angekauft. In seinen Arbeiten untersucht Byrne, wie Fotografie, Massenmedien und Film die visuelle Kultur des 20. Jahrhunderts beeinflusst haben. Hierfür rekonstruiert er Bühnenanweisungen aus existenzialistischen Theaterstücken, Interviews und Podiumsdiskussionen über sexuelle Revolution und Kalten Krieg. Ossian Ward hat sich mit ihm über die Faszination für Beckett oder Cool-Jazz und die Vorbereitungen für die kommende Biennale in Venedig unterhalten, auf der Byrne als einziger Künstler Irland vertreten wird.



Aus der Serie: A Country Road, A Tree, Evening, 2006
Sammlung Deutsche Bank

Eine gewöhnliche Hecke erstrahlt in dramatischem Licht, ein altes Gatter erglüht golden und ein wettergeplagter Baum erhebt sich monumental vor einem Sonnenuntergang: Es sind verführerische Bilder, die Gerard Byrne in seinen Serien von Landschaftsfotografien vereint. Sie ziehen uns in ein pastorales, dämmeriges Arkadien. Viele der Aufnahmen entstanden auf den umliegenden Landstrassen seiner Heimatstadt Dublin. Die augenfällige Schönheit der Fotografien ist allerdings eher so etwas wie ein Nebenprodukt. Denn die ursprüngliche Absicht des Künstlers war es, den eigentlich imaginären Schauplatz von Samuel Becketts Warten auf Godot in einer 'realen' Umgebung zu verorten. Das berühmte minimalistische Theaterstück des irischen Autors eröffnet im ersten Akt mit einer ganz einfachen Bühnenanweisung, die Byrnes Arbeit den Titel gab und den Anstoß für seine gesamte fotografische Serie lieferte: A country road, a tree, evening.



A country road, a tree, evening Glencullen,
between Boranaraltry Bridge and Johnnie Fox's, Dublin Mountains, 2006;
Courtesy The Artist and Green on Red Gallery, Dublin
Sammlung Deutsche Bank

Vielleicht würde Byrne sagen, dass die fast gespenstische Schönheit seiner Bilder unbeabsichtigt ist. Vielleicht würde er behaupten, dass sie zufällig entstanden ist, bei der Suche nach Orten, die Beckett zu seiner Arbeit inspirierten. Das aber würde die Hingabe völlig außer Acht lassen, mit der er sich diesem Projekt seit vier Jahren widmet. Akribisch forschte Byrne nach jenen Orten und Landschaften, die Beckett prägten: der Süden der Grafschaft Dublin und die Landschaft um Roussillon in Frankreich, wo Beckett während des 2. Weltkrieges lebte. Wie es die Bühnenanweisungen in Becketts Stück vorsehen, entstanden Byrnes Aufnahmen in der Abenddämmerung und während der Wintermonate, wenn die Blätter von den Bäumen gefallen sind. So verwendet er auch hell leuchtende, künstliche Lichtquellen, um die wesentlichen Elemente hervorzuheben und den dramatischen Raum einer leeren Bühne nachzuempfinden, die vergeblich auf die Akteure des Stücks zu warten scheint.



A country road, a tree, evening: the Road to Little Bray,
between Ballyman and Old Connaught, North Wicklow, 2006;
Courtesy The Artist and Green on Red Gallery, Dublin
Sammlung Deutsche Bank

"Natürlich ist es ein sinnloses und unmögliches Unterfangen, den eigentlichen Ort zu finden", äußert Byrne über seinen Versuch, Becketts unpräzise Szene A country road, a tree, evening zu lokalisieren. "Aber herauszufinden, wie dieses Szenario symbolisch die Welt repräsentiert, verankert das Drama gewissermaßen in der Realität." Er beschreibt, wie er in der Umgebung des vornehmen Internats im Nordwesten Englands herumfuhr, das der junge Beckett einst besuchte. Für ihn wirkte dies wie ein Schlüsselerlebnis, bei dem die "Ideen in meinem Kopf endlich eine klare Gestalt annahmen."



1984 and beyond, Film- und Performance Installation, 2005
Courtesy The Artist and Green on Red Gallery, Dublin

Sämtliche Fotoarbeiten und Filme Byrnes beruhen auf der Vorstellung, jüngere Geschichte übersetzen oder zu rekonstruieren, um so ein neues Licht auf vermeintlich bekannte Wahrheiten oder vergessene kulturelle Einflüsse zu werfen. Für 1984 and beyond, seine Film- und Performance-Installation von 2005, inszenierte er die Wiederaufführung einer Panel-Diskussion mit zwölf prominenten Science-Fiction Autoren. Die Teilnehmer debattieren über einen Text zum Stand der Welt und ihrer Zukunft, der ursprünglich 1963 in zwei Ausgaben des Playboy Magazins veröffentlicht wurde. Byrnes künstlerische Version jenes Beitrags erscheint zusammenhangslos. Nicht nur, weil er die ursprüngliche Diskussion bearbeitet und holländische Schauspieler für die amerikanischen Autoren auftreten lässt. Seit damals sind über vierzig Jahre vergangen. Im zeitlichen Abstand erscheinen die Debatten über Kalten Krieg und Spekulationen über eine mögliche Mondlandung geradezu obskur. Byrnes "Idee einer Gegenwart, die auf eine andere trifft" verleiht den kulturellen und geschichtlichen Überlegungen von einst auch etwas unheimlich Perverses. Das, was in den Sechzigern als völlig normale Unterhaltung erschien, wirkt heute irgendwie befremdlich und abgehoben.




Hommes à femmes (Michel Debrane), Filmstill, 2004
Courtesy The Artist and Green on Red Gallery, Dublin

[1] [2]