In dieser Ausgabe:
>> Porträt: Cornelia Parker
>> Welt als Bühne: Gerard Byrne
>> Die Idyllen der Annelies Strba
>> Interview: Yehudit Sasportas

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Diese im Laufe der Zeit entstehenden Bedeutungsverschiebungen fließen auch in andere Arbeiten Byrnes ein, in denen der Künstler bestimmte Szenen aus Zeitschriften, Büchern oder dem Fernsehen nachstellen oder spielen lässt. Dazu zählen etwa das 2004 entstandene Video Hommes à Femmes (Michel Debrane) , das auf einem Interview von 1977 zwischen Jean-Paul Sartre und einer Journalistin im Nouvel Observateur beruht, oder der 2000 nachgespielte Werbespot für Chrysler Fahrzeuge Why is it time for Imperial again, in dem sich der Präsident des Unternehmens mit Frank Sinatra unterhält. 2003 entstand ein weiteres Playboy Panel, New sexual lifestyles von 2003, in dem es um die Einstellung zur Sexualität in den Seventies geht. Byrne selbst zieht den Begriff der "Rekonstruktion" wegen seiner offenen Bedeutung für diese Filme vor. Das liegt einerseits an der vielschichtigen Auslegung des Wortes, andererseits aber auch daran, dass er nicht jener prominenten Gruppe von Künstlern zugerechnet werden möchte, die von der Kritik unter dem Begriff des "re-enactment" bzw. der "Neu-Inszenierung" zusammengefasst werden. So etwa Jeremy Deller, der die blutigen Ausschreitungen zwischen Polizisten und Kohlenbergarbeitern von 1984 in The Battle of Orgreave (2001) nachstellte, oder der Darling der Szene Maurizio Cattelan. Erst jüngst erregte Cattelans Wiederauflage einer kontroversen Performance des Italieners Gino De Domenicis die Gemüter auf der Londoner Kunstmesse Frieze. Wie es De Domenici 1972 auf der Biennale in Venedig getan hatte, ließ Cattelan auf der Frieze am Stand seiner Wrong Gallery einen Mann mit Down-Syndrom über drei vor ihm aufgestellte Objekte nachsinnen.



Why is it time for Imperial again, Filmstill, 2000
Courtesy The Artist and Green on Red Gallery, Dublin

"Sie lösen etwas aus, und ahmen nicht einfach nach", sagt Byrne über seine Arbeiten. In diesem Sinne bietet jede seiner Aufführungen neue Erfahrungen, sei es durch die vorsätzliche Manipulation von Originaltexten oder die extrem künstliche Ausleuchtung bestimmter Landschaften. Byrne erzählt, wie er bereits auf der Hochschule in New York begann, sich mit Fotografie und Film auseinanderzusetzen. Er betont, dass er mit seinen "Neu-Inszenierungen" nicht etwa einen Führungsanspruch gegenüber anderen Künstlern untermauern wollte, die sich wie er mit "re-enactment" beschäftigten. Ihm sei es vielmehr um "die Kritik an der Repräsentation selbst" gegangen. Während seiner Ausstellung In Repertory machte Byrne 2004 die Besucher dann auch zu Akteuren. Er filmte sie mit einer Videokamera, während sie – ohne es zu wissen – in seiner Installation aus Bühnenbildern zu Oklahoma und Mutter Courage "performten". "Das gesamte Bild sollte dramatisiert werden", so Byrne.



New Sexual lifestyles, Filmstill, 2003
Courtesy The Artist and Green on Red Gallery, Dublin

"Die ganze Welt ist eine Bühne", sagte bereits Shakespeare. In diesem Sinne glaubt auch Byrne, dass "der Gebrauch einer Kamera bereits eine Inszenierung impliziert", egal ob sich nun ein Baum oder ein Schauspieler vor der Kameralinse befindet. Ebenso wie der elisabethanische Dichter ist Byrne an grundlegenden, existenziellen Themen interessiert, die jedermann zugänglich sind: "Ich bin sehr darum bemüht, allgemeine Ansatzpunkte zu finden, anstatt mich mit den kunstspezifischen Fragestellungen des jeweiligen Mediums zu befassen."

So beruht seine Faszination für Becketts Warten auf Godot auch nicht auf einem wissenschaftlichen oder literarischen Interesse, sondern auf der Frage, weshalb ein derart karges, erz-modernistisches Theaterstück überall auf der Welt so gut ankommt. Dasselbe Phänomen konstatiert Byrne grinsend auch für die durchaus komplexe Jazzkomposition Take Five vom Dave Brubeck Quartett, die 1959 zum populären Hit avancierte.




In the News ITN 2104, Natural History Museum, 2002
Courtesy The Artist and Green on Red Gallery, Dublin


Entsprechend dieses weit gefächerten Interesses pendeln seine Arbeiten zwischen den unterschiedlichsten Gattungen: zwischen Werbung und Lehrfilm, journalistischer Fotografie und Landschaftsaufnahme. "Im Grunde entwickelte sich meine Fotografie aus einer amateurhaften Liebhaberei und ich mag die Vorstellung, dass sie in der Kunstszene zwiespältig aufgenommen wird – ist sie nun dokumentarisch, oder ist sie Kunst?" Hinterlistig ergründet Byrne die eigentümliche Stellung der Fotografie. Und er hat Spaß daran. Für ihn ist sie "so etwas wie ein Bastard, ohne einen reinen Stammbaum wie die Malerei".


So wie Byrne sich ganz unterschiedlicher Herangehensweisen in der Kunst bedient, hat er auch seine Laufbahn nie als eine klar strukturierte Angelegenheit begriffen. Das bereitet ihm gerade angesichts der Vorbereitungen zu seiner Ausstellung auf der 52. Biennale von Venedig 2007 Bauchschmerzen, besonders da er als der einzige Repräsentant seines Landes auftritt. "Ich hatte schon immer ein Problem mit dieser Idee einer Miniatur-Retrospektive, vor allem weil ich es schwierig finde, verschiedene Projekte unter einen Hut zu bringen, nur weil ich sie irgendwann einmal gemacht habe." Natürlich folgen seine unterschiedlichen Arbeiten bestimmten Mustern. Dennoch sind die meisten, und das gilt besonders für seine Fotografie, eine "grüblerische Angelegenheit", die selbst nach vielen Jahren nicht in einem Werk münden muss. "Auch wenn die Kunstwelt eher klein ist, erscheint sie in Venedig doch riesig groß. Ich würde deshalb gerne etwas Verständliches machen, das einen klaren Eindruck von meiner Arbeit gibt."



A country road, a tree, evening: Near Cruagh, on the road
between Kilakee & Tibradden, above Rathfarnham, Dublin Mountains, 2006
Courtesy The Artist and Green on Red Gallery, Dublin


Auf die Frage, wie er mit dem Anspruch umgeht, als einzelner Künstler sein Land zu repräsentieren, antwortet Byrne: "Bestimmt werde ich das 'Irische' nicht zum Thema machen, aber es spielt in meiner Arbeit eine gewisse Rolle. Beckett ist mir sehr nahe – ein Erbe, an dem man nicht vorbeikommt", ergänzt er. Gleich wird er wieder zu einer seiner Exkursionen aufbrechen. Es ist bereits der fünfte Winter, in dem er sich in seinen Wagen setzt, um sich erneut auf die Suche zu machen – nach jenem unscheinbaren Baum an der Landstrasse und dem vollkommenen Sonnenuntergang, die vor ihm erscheinen wie auf den Seiten eines lange vergessenen Theaterstücks.

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