In dieser Ausgabe:
>> Barney & Beuys im Deutsche Guggenheim / All the Best
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Begegnungen in einer Sammlung
"Blind Date" in Passau



Überraschende Rendezvous, ungewöhnliche Kombinationen – die Ausstellungsreihe "Blind Date" kombiniert aktuelle Neuankäufe für die Sammlung Deutsche Bank mit Highlights, die bereits seit längerem zum Bestand der weltweit größten Corporate Collection zählen. Nach ihrer erfolgreichen Premiere in Seligenstadt ist die Ausstellung jetzt im Passauer Museum Moderner Kunst zu sehen.



Takashi Murakami,Smooth Nightmare Drawing, 2000, © 2000
Takashi Murakami/Kaikai Kiki Co., Ltd. All Rights Reserved,
Courtesy Marianne Boesky Gallery, New York
Sammlung Deutsche Bank

Mit der Ausstellungsreihe Blind Date werden erstmalig in der Geschichte der Sammlung Deutsche Bank die jüngsten Neuankäufe öffentlich präsentiert und in unkonventionellen Paarungen mit Highlights der Sammlung kombiniert. Bereits der Auftakt der Ausstellungsreihe im hessischen Seligenstadt war ein voller Erfolg. Über sechs Wochen wurden hier im Frühsommer die Werke von über 80 Künstlern einander gegenübergestellt und so ein Dialog zwischen Generationen, Kunstströmungen, Konzepten und Stilen initiiert. Eine spektakuläre Kulisse für diese Schau bot das barocke Ensemble des ehemaligen Benediktinerklosters der Fachwerkstadt.



Bernhard Martin, Aire de je t'embrasse, 2004,
©Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg/Paris,
Sammlung Deutsche Bank


Nachdem diese Premiere einen Besucherrekord erzielte, gibt es nun in Passau noch bis zum 3.Dezember 2006 erneut die Möglichkeit, die überraschenden Rendezvous zwischen Künstlern und Werken der Sammlung in einem historischen Ambiente zu erleben. Die bayerische Barockstadt an der Grenze zu Österreich wurde als zweite Station der Ausstellungstournee ausgesucht. Ganz bewusst wählte Dr. Ariane Grigoteit, Direktorin der Deutsche Bank Kunst, für Blind Date Orte abseits der üblichen Kunstzentren, um ein einmaliges Experiment zu wagen - aktuelle Kunst, historische Architektur und Sammlungsgeschichte sollen auf diese Weise eine ungewöhnliche Symbiose auf Zeit eingehen.



Astrid Klein,
On the contrary, it must prepare itself for a cessation of
experience and return to ordinariness, 2002,
Sammlung Deutsche Bank,
©Produzentengalerie Hamburg

In Passau wird die Schau im Museum Moderner Kunst - Stiftung Wörlen präsentiert, das sich mit seinen Ausstellungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts europaweit großes Ansehen erworben hat. Seit 1990 ist das Museum in einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert untergebracht, das zu den schönsten Baudenkmälern Passaus zählt. In der malerischen Altstadt auf der Halbinsel am Zusammenfluss von Donau und Inn bietet sich damit ein ideales Ambiente, um das zukunftsträchtige Experiment Blind Date fortzuführen.



Ellen Gallagher, aus der Serie "DeLuxe", 2005,
Sammlung Deutsche Bank,
©Ellen Gallagher,
Courtesy the artist / Hauser & Wirth Zürich London

In der Ausstellung, die Werke von über 50 Künstlern miteinander kombiniert, treffen Weltbilder und Lebensentwürfe aufeinander, die sich gegenseitig über zeitliche und räumliche Begrenzungen hinweg durchdringen und befragen: Wie haben wir gelebt? Wie leben wir? Wie wollen wir leben? Das zeigt besonders anschaulich der Beitrag der jungen afroamerikanischen Künstlerin Ellen Gallagher, die in Passau auf die minimalistischen Arbeiten von Eva Hesse stößt. Gallaghers in Vitrinen ausgestellte 60-teilige Serie DeLuxe basiert auf Werbeanzeigen aus afroamerikanischen Magazinen wie Ebony, einer erfolgreichen Lifestyle-Zeitschrift, die 1945 eigens für den afroamerikanischen Markt entwickelt wurde. Erstmals zeigte Ebony schwarze Models, die sich an Autos schmiegten, spezielle Haarprodukte verwendeten oder Softdrinks schlürften. Gallaghers Arbeiten sind von listigen Eingriffen gekennzeichnet, wie zum Beispiel den Kulleraugen und Perücken aus Knetgummi, mit denen sie die Vorlagen nachträglich ausschmückt. Ihre ornamentalen, visuellen Kommentare hinterfragen die Vergangenheit und unterwandern die Rollenvorbilder, die die Anzeigen propagieren.



Eva Hesse, Ohne Titel, 1961,
©The Estate of Eva Hesse. Hauser & Wirth Zürich London,
Sammlung Deutsche Bank

Wenn das Wechselspiel zwischen Werken und Architektur noch zusätzliche Dynamik in die arrangierten Künstlerpaarungen bringt, ist dies ganz im Sinne der Ausstellung. Denn bei Blind Dates handelt es sich um Begegnungen, bei denen es durchaus auch zu Spannungen kommen darf. Etwa wenn die kühlen, sich der Abstraktion annähernden Zeichnungen von Wilhelm Sasnal auf Raymond Pettibons Papierarbeiten treffen, die Motive aus Comics und Pop Kultur zitieren. Oder auch bei der Gegenüberstellung von Martin Kippenbergers karikaturhaften Zeichnungen auf Hotelpapier und Hanne Darbovens strengen Rastern auf Millimeterpapier. Eine Künstlerkombination, die bei beiden Eigenschaften hervortreten lässt, die sonst oft übersehen werden: eine systematische Seite bei Kippenberger, expressive Tendenzen bei Darboven.



Ausstellungsansicht Blind Date Passau

Auch humorvolle Verbindungen gibt es zu entdecken. Etwa wenn Blind Date Aquarellen von Claudia und Julia Müller Papierarbeiten von Sigmar Polke gegenüberstellt. Die beiden Schwestern "samplen" Darstellungen des Heiligen Antonius aus Gemälden altniederländischer Meister, Polke verwendet Motive, die er auf den Witzseiten alter Zeitungen gefunden hat. Die Austauschbarkeit kultureller Zeichen und die daraus resultierenden Begriffsverwirrungen liefern den Künstlern Stoff für ihre humoristischen Improvisationen.



Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Frauke Eigen (links)
und Paul Morrison (rechts)

Blind Date ermöglicht aber auch Treffen zwischen Künstlern, die sich aufgrund ihres Altersunterschieds nie hätten begegnen können. So beziehen sich die abstrakten Fotoarbeiten von Markus Amm auf die Fotogramme von László Moholy-Nagy. Von dem Bauhaus-Klassiker sind in Seligenstadt drei Fotografien zu sehen, die seine Vorliebe für ungewöhnliche Bildausschnitte demonstrieren. Aus der Vogelperspektive fotografiert, formen sich seine Stadtansichten mit ihren dominanten Diagonalen zu abstrakten Kompositionen. Markus Schinwald ist wie seine "Verabredung" Oskar Schlemmer an einer grenzüberschreitenden Synthese von Kunst, Tanz, Theater und Film interessiert. In der 16-teiligen Fotoarbeit Diarios (to you) fungieren modernistische Architekturen als Hintergrund für Schinwalds mysteriöse Figuren. In vielen seiner Arbeiten spielt der Österreicher mit Masken, Verkleidungen und exakt choreographierten Körperbewegungen - ein Interesse, das er mit dem Schöpfer des Triadischen Balletts teilt.


Markus Schinwald, Diarios (to you), 2003,
Sammlung Deutsche Bank,
©Markus Schinwald, Courtesy: Georg Kargl Fine Arts, Wien

Ob nun Marlene Dumas auf Kara Walker oder Kiki Smith auf James Lee Byars trifft, durch ungewöhnliche Kombinationen sorgt die Schau für inspirierende Dialoge, die der Betrachter weiterspinnen kann. Blind Date setzt so die Tradition von 25 und Tokyo Blossoms, den Jubiläumsausstellungen der Sammlung Deutsche Bank, fort. In Berlin und Tokio verabschiedete man sich von einer konventionellen, chronologischen oder rein kunsthistorisch geprägten Präsentation. Und auch in Seligenstadt und Passau erweist sich die Sammlung Deutsche Bank als ein organisch wachsendes Netzwerk der Kunst, dessen einzelne Arbeiten durch die unterschiedlichsten Bezüge miteinander verbunden sind. Wie zukunftsträchtig dieser Ansatz ist, zeigt auch die im April 2007 beginnende Ausstellung Affinities im Deutsche Guggenheim in Berlin. Anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Ausstellungshalle Unter den Linden wird das Joint Venture zwischen Deutscher Bank und Guggenheim Foundation auf einmalige Weise gefeiert. Den diesjährigen Neuankäufen aus der Sammlung Deutsche Bank werden Highlights aus der Sammlung des Guggenheim gegenübergestellt - als "Blind Date", dass von Thomas Krens, dem prominenten Direktor der Salomon R. Guggenheim Foundation arrangiert wird.

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