In dieser Ausgabe:
>> Interview Jennie C. Jones
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Composition: Magenta, Brown, Red, 2006,
Sammlung Deutsche Bank


Hören Sie Musik, während Sie arbeiten?

Immer.

Beeinflusst das Ihre Zeichnungen?

Ja. Manchmal, wenn ich wirklich "abhebe", fühle ich mich fast so, als ob das Zeichnen der Linie der Dauer einer Note entspricht und das wird dann zu einer konzeptuellen Praxis – die Beziehung zwischen dem Zuhören und dem Zeichnen. Ich würde nicht sagen, dass ich den Sound zeichne, ich bin immer noch dabei herauszufinden, wie ich diese Brücke bauen kann. Im Augenblick nimmt mich diese ganz bestimmte Ästhetik gefangen und ich möchte das noch vertiefen.

Andererseits tauchen in Ihren Zeichnungen auch figurative Elemente auf wie Kabel, Stecker und Lautsprecher. Das wirkt, als ob Sie sich auch mit dem Thema Verbindungen beschäftigen.

Ja genau. Und die Farbblöcke erinnern an Buchsen und Stecker, an Input und Output bei Stereoanlagen. Sie wirken wie ganz klare Metaphern für Kommunikation, sei es in der Kunst oder der Musik. Oder auch dafür, wie Dinge miteinander verbunden sind, indem sie in den einen Kanal hineingehen und aus dem anderen herauskommen. Etwas zunächst Abstraktes, Avantgardistisches durchläuft einen Prozess und wird zum Bestandteil der Mainstream-Kultur. Es wird zu einer Art Lautsprecher, der eine Stimme oder Informationen überträgt. Mit wirklichen Lautsprechern arbeite ich im Augenblick allerdings nicht mehr. Bei der Artists Space-Schau habe ich zum ersten Mal keine Lautsprecher mehr verwendet. Doch die abstrakten "Blöcke" konnte man immer noch als Formen wahrnehmen, die gleichzeitig wie Mikrophone oder Boxen wirkten. Es ging mir um das gleichzeitige Hören, Aufnehmen und Abspielen von Musik.



Speakers No 3, Courtesy Jennie C. Jones


Night+Day=Midnight Sun, 2004,
Installation Smack Mellon Gallery, NY,
Foto courtesy Jennie C. Jones

Sie kombinieren oft Zeichnungen mit Sound-Installationen.

Ja, die Installationen sind wie Wegweiser in die Geschichte. Ich spiele auf eine historische Erzählung an und erweitere sie durch die Installation. In beiden Ausstellungen, Simply Because You’re Near Me in der New Yorker Artists Space und Transposed Blue/Cool im Artspace im neuseeländischen Auckland, ging es um Beziehungen. Die letztere handelt davon, wie sich Miles Davis in Juliette Greco verliebt, dadurch den Existenzialismus entdeckt und wie das seine Musik beeinflusst. Und Juliette Greco wiederum machte ganz direkte Erfahrungen mit Rassismus und sozialen Problemen, von denen weiße Franzosen sonst nur in den Zeitungen lasen und über die sie vielleicht aus einer sozialistischen Perspektive nachdachten, ohne diese Phänomene aber wirklich erlebt zu haben. Ihr Austausch war sehr tiefgründig und gleichzeitig auch romantisch.

Sie haben auch Installationen gemacht, in denen Loops berühmter Jazzsängerinnen zu hören sind: Nina Simone, Sarah Vaughan und Billie Holiday.

Als jemand der Gedichte und überhaupt Literatur sehr mag begann ich bei dem Zusammenschneiden von Musik zuerst damit, die Texte zu manipulieren, um sie auf sich selbst zu beziehen. Ich erkunde damit die Möglichkeit, neue Dialoge zu erschaffen, in denen diese Frauen mit sich selber sangen – ein "Call-and-Response" mit sich selbst. Es ist einfacher, Musik zu mixen oder neu zusammen zu setzen, wenn man mit den Texten spielt, als rein instrumentale Kompositionen zu verwenden. Die Arbeit mit der Musik von Charlie Parker war sehr intensiv, denn mein Ausgangsmaterial waren die berühmten siebenstündigen Benedetti Bootlegs. Dabei nahm die Idee des Musikhörens als konzeptuelle Praxis ihre endgültige Form an. Ein Teil dieser Arbeit bestand in meiner privaten Erfahrung des Hörens und darin, dass ich immer und immer wieder kleine Phrasen aus dem gleichen Song herauslöste. Parker hat ja viele Standardsongs öfter gespielt und wenn man ihm lange genug zuhört, fallen einem die Variationen bei seinen Soli in den verschiedenen Versionen des jeweiligen Songs auf. Es ist so, als ob du als Künstler an einer Serie arbeitest – Variationen eines Themas.



As Diz, 2003, © Jennie C. Jones,
Foto: Richard Squires


Spielen Sie ein Instrument?

Nein. Ich besitze aber ein ziemlich gutes Gehör für Intervalle und Harmonien. Letztes Jahr habe ich an der New School eine Musikklasse besucht, um das einmal auszuprobieren. Ich hatte ein ernsthaftes Problem, denn man kann das Lesen und Aufschreiben von Musik kaum lernen, ohne ein Instrument zu spielen. Aber ich habe es einfach versucht. Noten sind für mich eine wirklich wundervolle Sprache und ich wollte sehen, ob ich sie schreiben, lesen oder verstehen konnte. Es ist eine andere Form von Zeichnung und so universell wie Mathematik. Ich habe noch viel Arbeit vor mir, es gibt da für mich noch eine Menge zu lernen.


Aus der Serie "Listen-Record-Red", 2006,
Sammlung Deutsche Bank


Wie reflektiert Ihre Arbeit Ihre Identität als Künstlerin?

Ich glaube, es war etwas ganz besonderes, die Kunstschule genau zu jenem Zeitpunkt zu besuchen, an dem dieser Diskurs auf seinem Höhepunkt war und der Tsunami des Multikulturalismus gerade über sie hereinbrach. Als sich die Flut dann wieder verzogen hatte, waren am Strand nur noch sehr wenig Leute übrig geblieben [ lacht ]. Es war dieser Tsunami der "Schwarzen Kunst", "Latino Kunst", "Feministischen Kunst" á la Lucy Lippard und dieser ganzen anderen Diskurse. Das spiegelte sich dann auch im Kunstmarkt wieder und es gab auf einmal so etwas wie eine Art Top-Ten-Liste Schwarzer Künstler mit Leuten wie Lorna Simpson, Glenn Ligon oder Gary Simmons. Was an den Arbeiten, die auch nach diesem Hype Bestand hatten, interessant ist, ist das sie sehr strategisch sind, gleichermaßen verwurzelt in Schwarzer Geschichte und Kunstgeschichte. Denken Sie an Ellen Gallagher oder Kara Walker – das alles gehört auch zur konzeptuellen Kunst und das finde ich toll. Denn dieser Raum, der konzeptuelle Raum, diese "leere Seite" kann mit allem, was man will, gefüllt werden – ganz egal, wie minimalistisch die Ästhetik auch immer sein mag. Ein schwarzes Gemälde kann von einer politischen Bedeutung durchdrungen sein oder es kann eine Referenz an Malewitsch sein – was immer der Betrachter darin sehen möchte. Dieser gestrige postmultikulturelle, postkoloniale Diskurs hat, in diesem Sinne, auch Raum für mich geschaffen. Ich habe an der Ausstellung Double Consciousness: Black Conceptual Art since 1970 im Contemporary Art Museum in Houston teilgenommen, die diese ganze Idee ziemlich gut gefasst hat. Aber leider existiert diese Zweiteilung weiterhin, was immer noch abgeleugnet wird. Mittlerweile wollen allerdings viele Galerien zumindest einen Schwarzen Künstler in ihrem Stall haben und das ist schon mal mehr als noch vor 15 Jahren.

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