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Bin ich ein Haus?
Erwin Wurms subversive Denk-Skulpturen





Carrying Edelbert Köb (Be nice to your curator), 2006
c-print, 127 x 156 cm. Foto: MUMOK/ Beatrix Fiala, © VBK, Wien, 2006

Zurzeit ist das Wiener Museum Moderner Kunst Schauplatz für die bislang größte Retrospektive des österreichischen Künstlers Erwin Wurm. Ende der Neunziger wurde Wurm mit seinen "One Minute Sculptures" weltbekannt. Mit Hilfe genauer Anweisungen des Künstlers, etwas Körpereinsatz und Alltagsrequisiten kann jeder zum Akteur seiner Skulpturen werden. Inzwischen hat sich das Arsenal seiner Werke erheblich erweitert. Maria Morais und Oliver Koerner von Gustorf über fette Autos, nachdenkliche Häuser und anbiedernde Liebesbeweise für Kuratoren.

One Minute Sculptures, 1997
Sammlung Centre Pompidou, Paris, © VBK, Wien, 2006


In jedem Guru steckt auch ein Geschäftsmann, zumindest wenn man dem Briefwechsel zwischen Erwin Wurms Wiener Atelier und dem Gehilfen des indischen Meisters Mahesh Abayahani glauben will. Erwin Wurm interessiere sich ganz besonders für die Herstellung einer Skulptur "alleine durch die Kraft der Gedanken", ist dort zu lesen, und seine Assistentin bittet den Inder darum, mittels Telekinese einen orangefarbenen VW-Bus aus den Siebzigern zu verbiegen. So übersinnlich die Anfrage, so weltlich ist die Antwort. Prompt schreibt "Madari", die rechte Hand des Wundermannes zurück, das sei alles kein Problem, nur einige Dinge müsse man im Vorfeld klären: Sein Chef bestehe auf einen Flug in der Businessklasse und einem Honorar von 2000 Dollar, beides sei vorab zu buchen und zu bezahlen. Sobald der Termin für die Busverbiegung klar wäre, könne es los gehen, lediglich die Elektriztät sollte ausgeschaltet sein und natürlich sollten sich Erwin Wurm und seine Freunde mit auf die Telekinese konzentrieren, damit alles funktioniere.


Telekintetically bent VW-Van, 2006
Installationsansicht Art Unlimited, Basel, © VBK, Wien, 2006

Ob Guru Abayahani seinen Flug jemals angetreten hat, werden wir vermutlich nie erfahren. Sicher ist jedoch, dass in Wurms aktueller Ausstellung ein knall-oranger Bus zu sehen ist. Und der sieht aus wie eine gigantische Version der Löffel, die Uri Geller in den Siebzigern vor einem Millionenpublikum mit der Kraft seiner Gedanken verbog. Wurms Telekinetically bent VW-Van krümmt sich in der Mitte um fast 90° und kann nur noch im Kreis herumfahren. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man an einer der Fensterscheiben denn auch den Email-Ausdruck des erwähnten Schriftverkehrs sowie das angebliche Konterfei des indischen Telekinetikers.

The artist who swallowed the world, 2006
Installationsansicht, BALTIC Centre for Contemporary Art, Newcastle, Foto: BALTIC/ Colin Davison, Newcastle, © VBK, Wien, 2006


Mit rund 400 Arbeiten, darunter Fotografien, Zeichnungen, Filme, Plastiken und Objekte sowie fünf Ausstellungsstationen in Aachen, Wien, Hamburg, St. Gallen und Lyon ist The artist who swallowed the world geradezu eine Großoffensive. Zum ersten Mal wird Erwin Wurms Werk in dieser Retrospektive in einem derartigen Umfang präsentiert. Mit 52 Jahren gehört der in Mur geborene Steirer zu den erfolgreichsten österreichischen Künstlern. Auch der MTV Generation dürften seine legendären One Minute Sculptures bekannt sein, zumindest seitdem die kalifornische Kult-Band Red Hot Chili Peppers in ihrem Video Can’t Stop eine ganze Reihe davon in Szene setzte. So mancher mag sich noch an das mit Filzmarkern, Heftern, und Plastik-Filmdosen gespickte Gesicht des Bassisten der Band erinnern, die sich riesige Pappkartons über den Körper stülpt oder mit Beinen und Armen in gelben Plastikeimern steht.

Red Hot Chili Peppers, Stills aus dem Video "Can't Stop", 2003


Was im Pop-Video wie eine spaßig-anarchische Aktion wirkt ist eigentlich das Ergebnis ganz klarer konzeptioneller Vorgaben. Wurms Minutenskulpturen beruhen auf knappen Handlungsanweisungen: Zeichnungen mit kurzen schriftlichen Anleitungen, die häufig unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Requisiten wie Orangen, Flaschen, Kleidungsstücken oder anderen Alltagsobjekten von jedem, der sich dazu angeregt fühlt, als Akteur umgesetzt werden können. Allerdings fordert dies manchmal geradezu artistische Leistungen: Liegestütze werden auf Kaffeetassen ausgeführt, Körper auf Tennisbällen balanciert, Dutzende von Flaschen zugleich an die Wand gepresst.

Installationsansicht, Taipei Biennale, 2000
Sammlung Deutsche Bank
Courtesy Galerie Krinzinger, Wien


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