In dieser Ausgabe:
>> Matthew Barney
>> Früher Beuys - spätes Erbe
>> Phoebe Washburn
>> Erwin Wurm: Bin ich ein Haus?

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Both Sides Now
Die Installationen von Phoebe Washburn



Sie bestehen aus unzähligen Pappkartons oder tausenden von Holzstücken und Latten. Für ihre Installationen sammelt Phoebe Washburn scheinbar wertlose Materialien, die sie dann für ihre Kunst wieder verwendet. Ihre ins Gigantische wuchernden Arbeiten berühren globale Themenkomplexe: ökologische Nachhaltigkeit, erneuerbare Energie, Recycling, soziale Utopien. Nächstes Jahr wird Washburn eine Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim in Berlin realisieren. Grund genug für Cheryl Kaplan , die New Yorker Künstlerin in ihrem Studio zu besuchen.



Phoebe Washburn in ihrem Atelier, 2006
©Foto: Ashkan Sahihi

Hätte Phoebe Washburn in den dreißiger Jahren gelebt, wäre sie wahrscheinlich zum Essen gern in Automatenrestaurants gegangen. Denn Türen, Klappen und automatisierte Vorgänge üben eine starke Faszination auf sie aus. Betritt man ihr Atelier in DUMBO (Down Under the Manhattan Bridge Overpass), fühlt man sich wie in einem Labor voll von Proben und Mustern. Auf dem Fensterbrett stehen trübe Konservengläser, Gras sprießt aus abgeschnittenen Plastikflaschen, eine einzelne Bohnenranke klettert die Wand hinauf. Auf dem Boden stehen dunkle Bottiche, in denen Seerosen auf leise plätscherndem Wasser schwimmen und eine Schubkarre, in der ebenfalls Gras wuchert. Unzählige Holzproben bedecken eine große Wand und hinter hölzernen Klappen verbergen sich Rollen mit fluoreszierenden Klebepunkten. Der Anblick der Atelierwand erinnert ein wenig an Donald Judds minimalistische Skulpturen. Direkt neben Washburns Studio reihen sich die Transformatoren eines Umspannwerkes, was so wirkt, als ob sich ihr Arbeitsraum auch noch nach draußen fortsetzen würde.


Phoebe Washburn in ihrem Atelier, 2006
©Foto: Ashkan Sahihi


Durch die Vielzahl der Eindrücke fällt es einem fast schwer, sich hier zu konzentrieren. Phoebe Washburn lässt das Chaos allerdings völlig unbeeindruckt und sie erscheint, ganz im Gegenteil, als äußerst fokussiert. Völlig unbeirrt hat sie sich mit Witz und Verstand zwischen den obsessiven Installationen Sarah Szes, den expressiven Arbeiten von Judy Pfaff und der Eigenwilligkeit von Jessica Stockholders Skulpturen ihren ganz eigenen Platz in der Kunstszene erobert. Über Sze, bei der sie kurz an der School of Visual Arts studiert hat, bemerkt Washburn: "Sie ist wie eine Spinne. Alles ist ganz feinsinnig austariert und miteinander verknüpft. Meine Herangehensweise ist völlig anders. Ich bin bei meinen Installationen extrem detailversessen und verbringe Stunden damit, den Raum bis in den letzten Winkel zu füllen."



Manning Stay Station,
Installationsansicht
American Academy of Arts and Letters, New York, 2005,
Foto courtesy Zach Feuer Gallery

Washburns Atelier quillt über von Proben, Entwürfen und Miniaturausgaben ihrer riesigen Installationen. Sie realisiert sie in Teilstücken – auch aus ganz praktischen Gründen, denn ihre Arbeiten sind einfach zu groß, um sie als Ganzes transportieren zu können. So wird jedes Projekt zuerst als Bruchteil eines beständig wachsenden Ganzen sichtbar. Ihre Arbeit spiegelt das ausufernde Wachstum heutiger Städte wieder. Die Künstlerin interessiert sich für "alles, was in unregelmäßigen Strukturen wächst, was sich wiederholt und was der Betrachter entweder aus der Vogelperspektive oder aus einer extremen Untersicht verstehen kann."



Manning Stay Station (Detail), 2005,
Foto courtesy Zach Feuer Gallery

Über ihre früheren Installationen – gewaltige Strukturen aus zusammengeklebten Zeitungen – sagt Washburn: "Die Zeitungen waren tagesaktuell und transportierten Informationen, während die Installationen aus den Pappkartons völlig anonym waren." Sie beschreibt den Prozess, ihre Materialien aufzuspüren und dann wiederzuverwenden als ein Mittel, "die Dinge im Umlauf zu halten. Alles wird abgerissen, aber die Überreste werden dann vom nächsten Projekt einverleibt. Ich versuche, dieses System immer weiter zu füttern." Wird eine Arbeit verkauft, fällt sie aus diesem Kreislauf hinaus.


Ohne Titel, Installationsansicht Bronx Museum, New York, 2004,
Foto courtesy Zach Feuer Gallery


Und wie kommt sie an ihre Materialien? Phoebe Washburn verbringt viel Zeit an den New Yorker Verladestationen – auf der Jagd nach perfekten Abfällen. Ihr Adressbuch ist voll von Firmen, die Dinge wegwerfen. Die Künstlerin taucht dort auf, bevor die Abfälle weggeschafft werden, um Tonnen von Pappe und Zeitschriften, aber auch Resten von Wandfarben einzusammeln. Sie führt einen Kalender, in dem sie die Tage einträgt, an denen Recyclingfirmen unterwegs sind, um den Müll abzuholen. Es ist ein bisschen wie Einkaufen, ohne allerdings für seine Ausbeute bezahlen zu müssen. Washburn erscheinen diese Abfälle "wie eine wirklich gute Investition. Irgendwann kannte ich diese ganzen Routen und ich wurde richtig gierig." Als sie immer wieder leere Pappkartons einsammelte, fragte sie irgendwann ein Arbeiter. "Sind Sie immer noch nicht fertig mit ihrem Umzug? Was wollen denn alles darin verpacken?" Bei ihrer nächsten Begegnung zeigte ihm Washburn Fotos ihrer Arbeiten.



It Makes For My Billionaire Status,
Installationsansicht Kantor/Feuer Gallery, Los Angeles, 2005,
Foto courtesy of Zach Feuer Gallery.

Die Künstlerin ist sehr stark an den Beziehungen zwischen Skulptur, Architektur und Installation interessiert. "Es muss eine Interaktion mit dem Raum geben." Diese Direktive gilt auch für ihre Auftragsarbeit, die von Juli bis Oktober 2007 im Berliner Deutsche Guggenheim zu sehen sein wird. Für dieses Werk hat sie sich mit Fabriken und Fließbändern beschäftigt und wird mit verschiedenen Technikern zusammenarbeiten, die für sie beispielsweise die Transportbänder realisieren werden. "Ich baue eine Installation, die wie eine Fabrik funktioniert. Bis jetzt habe ich noch nie mit Mechanik und Maschinen gearbeitet. Das wird ein bisschen wie Detroit. Ich stelle mir eine Art Pflanzen-Fabrik vor."



It Makes For My Billionaire Status,
Installationsansicht Kantor/Feuer Gallery, Los Angeles, 2005,
Foto courtesy of Zach Feuer Gallery.

Diese Veränderung in Washburns Werk markiert die Verlagerung ihres Fokus' von einem privaten, eher persönlichem Kosmos auf übergeordnete gesellschaftlichen Verhältnissen. Für die Installation im Deutsche Guggenheim sät sie Gras aus und zieht kleine Rasenstücke heran, die in unterschiedlichen Entwicklungsstadien von einem Förderband bewegt werden. Wenn der Kreislauf beendet ist, wird das Rasenstück vom Band entfernt und auf dem Dach der Installation platziert, wo es vertrocknet. Auf dem Weg dorthin wird es allerdings regelmäßig versorgt und gewässert. Die gesamte Installation kann durch Fenster in einer hölzernen Konstruktion betrachtet werden. "Dieses Band transportiert die Rasenstücke. Jemand wird sie herunternehmen und auf das Dach legen." Dem Betrachter wird dabei eine rein voyeuristische Position zugeteilt, denn er kann die Fabrik nicht betreten.


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