In dieser Ausgabe:
>> Matthew Barney
>> Früher Beuys - spätes Erbe
>> Phoebe Washburn
>> Erwin Wurm: Bin ich ein Haus?

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Die Doktorarbeit jedenfalls schrieb ich unter großer Anteilnahme der Deutschen Bank, da sich zahlreiche, auch mir vorher unbekannte Kollegen für den Kunst und Leben nicht trennenden Künstler und Menschen interessierten. La rivoluzione siamo Noi, eines der herausragend platzierten Werke auf "seiner" Etage in den Frankfurter Zwillingstürmen etwa, war eben mehr als eine Künstlerpose. Beuys, der aus der Zeit des Nationalsozialismus überkommene Vorurteile gegenüber der modernen Kunst wieder hörbar gemacht hatte, regte nicht nur an, sondern auch auf. Wenn zeitgenössische Kunst also seit den achtziger Jahren auch über Deutschland hinaus ein wachsendes Publikum fand und junge Künstler und ihre Werke plötzlich geachtet wurden, so ist das schwer denkbar ohne die bis an die Stammtische reichenden Debatten über Beuys, den "Idioten" und seinen Fettstuhl.

DDR-Tüte (Volkseigene Saatgutbetriebe der DDR), 1977,
Sammlung Deutsche Bank


In einer Gesellschaft, die sich gerade in ihrer wirtschaftlichen Wiederauferstehung einzurichten begann, musste es provozieren, dass Beuys sich nicht scheute, an den überwunden geglaubten Schmutz zu erinnern und ausgerechnet darin das Geistige und Künftige zu suchen. Beuys war unbequem, in der Kunst, im Museum, an der Akademie, in der Politik und erst recht nach seinem Tod, wie der ambivalente Umgang mit seinem schwierigen Erbe beweisen sollte.

DDR-Tüte(Gute Ware Reiche), 1977,
Sammlung Deutsche Bank



Kaum war die Doktorarbeit vollendet, kam auch schon das Schreiben eines Anwalts, das die Vernichtung der Dissertation forderte. Heute denke ich, solche Anfechtungen zählen wohl zum Promovieren und auch zum Erwachsenwerden. Tröstend damals war zumindest, dass es nach dem Tod des Künstlers fast allen so ging, die ihn ausstellten oder über ihn schrieben. Die Verunsicherung, die Beuys ausgelöst hatte, war ohne ihn nur noch stärker geworden und eskalierte in zahlreichen Prozessen.
Der Rechtsstreit um meine Doktorarbeit schließlich ging gut aus, sie durfte bestehen bleiben. Und die Werke von Beuys? Sie klingen heute nach einer längst vergessenen Zeit. Seine 7.000 Eichen in Kassel, zunächst von der Stadt angefeindet und ihren Bewohnern bespöttelt, haben es längst geschafft, als Kunst akzeptiert zu werden. Als ein Zirkus 1999 drei Äste der Ur-Eiche vor dem Kasseler Fridericianum absägen ließ, ging ein Aufschrei des Entsetzens durch die Zeitungslandschaft. Alle Parteien protestierten. Die Provokation erscheint im 20. Todesjahr des Künstlers aus seinem Oeuvre verschwunden. Hat Beuys also seine Schuldigkeit getan? Kann man den Klassiker feiern und bewahren, den Unbequemen aber getrost als spinnerten Utopisten der Vergangenheit anheim stellen?




In Ilverich roch es damals noch nach Gras, 1981,
Sammlung Deutsche Bank




Tatsächlich haben sich die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse seit seinem Tod stark gewandelt. Und in Zeiten, in denen gesellschaftliche Werte mehr und mehr von ökonomischen Aspekten geprägt werden, in denen "Spezialisten" in allen Lebensbereichen herrschen, erscheint die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen Leben größer denn je. Ohne künstlerische Erziehung Keine leistungsfähige Gesellschaft, so Beuys - und ohne verwandte Überzeugung hätte es auch die Sammlung Deutsche Bank nie gegeben. Ganz im Sinne des Künstlers sollte und soll sie der Bildung dienen. Es wirkt noch immer revolutionär, dass in Zeiten, als Künstler in Fabriken gingen, um ihre Kunst den Arbeitern näher zu bringen, sich ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank entschloss, die Kunst an den Arbeitsplatz zu tragen, sie aus den Vorstandsetagen zu befreien und jedermann zugänglich zu machen. Bis heute setzen wir in der Bank auf dieses Reibungspotential, das die Kunst im globalen Kontext bietet, auf kontroverse Ausstellungen, Neuentdeckungen, unterschiedliche Sichtweisen, auf die politische Dimension von Kunst. Eine Kunst, wie die von Joseph Beuys, der im Menschen die Lösung für das Rätsel Mensch sah, der nicht bedienen wollte, sondern bewegen. Dass hierbei mehr Fragen gestellt werden, als fertige Antworten geliefert werden, ist ganz in unserem Sinne.


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