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>> Früher Beuys - spätes Erbe
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Posthuman und prämodern
Matthew Barney trifft im Deutsche Guggenheim auf Joseph Beuys



Erstmals werden im Deutsche Guggenheim Matthew Barney und Joseph Beuys gemeinsam in einer Ausstellung präsentiert. "all in the present must be transformed – Matthew Barney und Joseph Beuys" lenkt den Blick auf überraschende Berührungspunkte zwischen dem Superstar der US-Kunst und dem gesellschaftlichen Visionär aus Deutschland. Harald Fricke über Vaseline, surreale Körperinszenierungen und wechselnde Aggregatzustände.



Matthew Barney, aus Cremaster 3,
©Mattew Barney, Courtesy of Gladstone Gallery,
Foto: Chris Winget

Die Idee kam eher zufällig. Als Matthew Barney 2003 seinen Cremaster-Zyklus im New Yorker Guggenheim-Museum mit einem fantastischen Parcours quer durch sein bisheriges Schaffen zum Abschluß brachte, fiel der Kuratorin Nancy Spector eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen dieser Präsentation und Joseph Beuys' erster Retrospektive in Amerika auf. Auch Beuys hatte das gesamte Gebäude genutzt, um in 24 Stationen eine Art Resümee seines künstlerischen Werdegangs zu ziehen. Bei Barney wiederum schienen sich die einzelnen Episoden der zwischen 1994 und 2002 entstandenen fünf Cremaster-Filme zum Gesamtkunstwerk zu fügen.


Porträt Joseph Beuys, 1979,
Foto: Mary Donlon,
©The Solomon R. Guggenheim Foundation


Gab es noch andere Zusammenhänge? Drei Jahre später hat Spector in enger Absprache mit Barney eine Ausstellung für das Deutsche Guggenheim Berlin entwickelt, die Parallelen zwischen dem derzeitigen Superstar der Gegenwartskunst und dem 1986 verstorbenen Beuys zeigt. Das fängt bei Vitrinen an, in denen Beuys und Barney gleichermaßen mit Reliquien ihre Performances dokumentieren. Beide greifen häufig auf Zeichnungen zurück, die Anweisungen und Detailstudien für Skulpturen, Installationen oder Aktionen liefern. Selbst bei den Materialien ergeben sich Entsprechungen zwischen beuysschem Fett und Barneys üppigen Gebrauch von Vaseline. Schließlich haben sich sowohl Beuys als auch Barney ausgiebig für die Kamera inszeniert: der eine als unantastbarer Zeremonienmeister mit einem Hauch von Zen, der andere in immer neuen Maskeraden eines imaginären Künstler-Ichs. Keine Frage, so wie Beuys bei seinen Auftritten die große Geste liebte, um eine Natur und Geist versöhnende Utopie zu beschwören, so lebt Barney – darin ganz gelehriger Schüler der Postmoderne – das dekonstruktive Spiel mit Verkleidungen und Zitaten aus.


Matthew Barney beim Ausstellungsaufbau von The CREMASTER Cycle im Solomon R. Guggenheim Museum, New York, 2003,
Foto: David Heald,
©Solomon R. Guggenheim Foundation, New York


Zugleich ist die jetzt realisierte Ausstellung auch ein Beleg für die konsequenten Sammlungsaktivitäten des New Yorker Guggenheim. Das Museum besitzt über 70 Arbeiten von Beuys und diverse Objekte, die Barney im Zuge von Cremaster 3 hergestellt hat. Das Museum war zudem ganz konkreter Bestandteil des Films: Der gesamte Rundbau dient in Cremaster 3 als Bühne, über die sich der Künstler wie in einem Computerspiel bewegt und in den verschiedenen Stockwerken jeweils neue Schwierigkeiten bewältigen muss. Vermutlich ist der Ort von Barney wegen der symbolischen Aufladung sogar bewusst gewählt worden: Der Künstler erobert auf dem Höhepunkt seiner Karriere das Zentrum der Kunstwelt.

Dagegen ließ Beuys 1979 die museale Krönung zum "größten lebenden europäischen Künstler", wie Zeitungen anlässlich der New Yorker Retrospektive schrieben, lächelnd über sich ergehen. Längst hatte er begriffen, dass für seine Arbeit nicht der Erfolg im Kunstbetrieb und auf dem Galeriemarkt zählte, sondern ihre konsequente Umsetzung als "soziale Plastik". Deshalb forderte er drei Jahre später Rudi Fuchs, den Leiter der documenta 7, mit dem Projekt 7.000 Eichen weit mehr als mit jeder Einzelausstellung heraus, indem er 7.000 Basaltblöcke vor das Kasseler Fridericianum transportieren ließ. Der gewaltige Berg wurde im Laufe der nächsten fünf Jahre Stück für Stück abgetragen - jeder Stein eine Dreingabe für einen neu gepflanzten Baum. Der letzte Basaltblock wurde zur Eröffnung der documenta 8 im Juni 1987 entfernt. Da war Beuys schon 18 Monate tot, doch seine Vision einer Kunst, die sich ins Leben und in gesellschaftliche Prozesse hinein erweitert, hatte ihn überdauert.



Matthew Barney, CREMASTER 2, 1999, Foto: Ellen Labenski
©Solomon R. Guggenheim Foundation, New York,
©2006 Matthew Barney

Zum Glück verzichtet Spector in Berlin auf alle Legenden, die sich bei dieser Paarung anbieten könnten. Das Ergebnis ist keine Hommage - weder an Barney noch an Beuys – und auch kein Kampf der Giganten, wohl aber eine umsichtige Annäherung. Für den direkten Vergleich sind die Einflüsse in Barneys Werk ohnehin viel zu weitläufig. Seine Filme und Performances sind übervoll mit Referenzen vom Wasserballett eines Busby Berkeley über MTV-Ästhetik bis zum Splatter-Kino ; in seinen Zeichnungen finden sich surreale Körperfantasien wieder, die Skulpturen und Installationen sind von der Minimal-Art geprägt. Keine Frage, an Beuys hat Barney bestimmt nicht gedacht, wenn er für seine Cremaster-Filme in der Rolle des hingerichteten Mörders Gary Gilmore zu sehen war, oder als Lehrling, der in die Freimaurerloge aufgenommen werden möchte. Beim Talk zur Eröffnung auf die Kombination mit Beuys angesprochen, war seine Antwort unmissverständlich: "Ohne Nancy hätte ich mich dabei sehr unbehaglich gefühlt".

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