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"Alchemie-Pop"
Die Presse zu Cai Guo-Qiangs Installation "Head On" im Deutsche Guggenheim



Durch die Ausstellungshalle jagen 99 Wölfe auf eine gläserne Mauer zu, ein Video-Screen zeigt ein in bunten Feuerwerkskaskaden explodierendes Haus, auf einer riesigen Schießpulver-Zeichnung formt sich die Silhouette eines Wolfsrudels zu einem riesigen Wirbel. Cai Guo-Qiangs "Head On" wurde als Auftragsarbeit für der Deutschen Bank speziell für das Deutsche Guggenheim in Berlin konzipiert. Der chinesische Kunststar reflektiert in der dreiteiligen Installation Geschichte und Gegenwart der deutschen Hauptstadt. Die Reaktionen der Journalisten auf Cais Arbeit sind ambivalent – sie sind zwar fasziniert von der ihrer Ästhetik, der Symbolgehalt bleibt ihnen allerdings rätselhaft.



Cai Guo-Qiang, Entstehung von Vortex, 2006,
Foto: © Hiro Ihara, Courtesy of Cai Studio

Die Erwartungen im Vorfeld von Head On waren groß. Schließlich ist Cai Guo-Qiang eine "fixe Größe im internationalen Kunstbetrieb" und "sehr beliebt auf dem Rummelplatz der Biennalen" – so Harald Fricke in seinem Vorabbericht zur Ausstellung in der taz. Zusammen mit ausgewählten Kollegen aus Deutschland konnte er die Entstehung einer Schießpulverzeichnung miterleben – im Atelier des Künstlers vor den Toren New Yorks. Cais "Alchemie-Pop" erinnert Fricke dann aber an "schweflig expressionistische Graffiti", seine Feuerwerke, Fabelwesen, "die Mixtur aus New-Age-Ambiente und höherer Spiritualität" erscheinen ihm wie "lokales Brauchtum auf globalisiertem Niveau". Doch Cais "Bekenntnis zur Heimat ist mehr als kokette Stilisierung". Denn das Werk spiegelt auch die Brüche in der Biografie des Künstlers, der vor 20 Jahren sein Heimatland China verließ und "die Massaker auf dem Tiananmen-Platz während eines Japanstipendiums im Fernsehen verfolgte". - "Im Aufbegehren gegen das System bleibt man seinen kulturellen Wurzeln treu." Doch in seiner zwei Monate später erschienenen Ausstellungsbesprechung beklagt Fricke dann das "konzeptuelle Defizit" der Installation im Deutsche Guggenheim. Die Symbolik der Wölfe oder der gläsernen Mauer und die Bezüge zum Ausstellungsort bleiben ihm "rätselhaft". - "Offenbar ist Cai bei seiner Beschäftigung mit der Vergangenheit in Berlin nicht über vage Assoziationen hinausgekommen."


"Ist das nun eher Kunst, oder Kunsthandwerk?" fragt sich Elke Buhr von der Frankfurter Rundschau angesichts von Cais Feuerwerken und Schießpulverzeichnungen. Doch die "subtilen Nuancen des Bildes", "das zwar binnen Sekunden entstanden ist, aber aussieht, als habe es die Patina von Jahrhunderten gespeichert", können sie durchaus begeistern.

Buhr kommt zu dem Schluss, dass Cai, der sich in seinen Arbeiten "mit den Mitteln der westlichen Avantgarde chinesischen Themen nähert", die Erwartungen des westlichen Publikums dabei "bedient und gleichzeitig spiegelt". - "So wirkt Cai Guo-Qiangs Kunst wie ein Glückskeks im chinesischen Restaurant um die Ecke: ein Häppchen chinesischer Weisheit, süß verpackt".

Auch Hans-Joachim Müllers Artikel in der Zeit kündet von einer ambivalenten Haltung zu Cais Arbeiten. Für ihn wirkt das gerade entstandene Gunpowder Drawing, "als sei eine Meteoritenschar vorbeigerast und ihre weiß glühenden Schweife hätten für den Bruchteil einer Sekunde das Bild berührt." Das sieht für ihn zwar "schön aus", doch "was soll man sonst noch sagen?" Müller möchte Cai allerdings nicht auf seine "spektakuläre Feuerschluckerei" reduzieren. Dass er "ingeniöse Erfindungen auf dem Gebiet temporärer Himmelsbemalung gemacht hat, ist das eine. Das andere aber doch ein vielgestaltiges Werk, das mit eingängigen Symbolen und starken Zeichen von den Brüchen berichtet, die Cai Guo-Qiangs Generation beim Andocken ihres Landes an die Weltkultur erfährt."



Cai Guo-Qiang, Aufbau der Installation Head On, 2006,
Foto: © Hiro Ihara, Courtesy of Cai Studio

Für Gabriele Walde von der Berliner Morgenpost steht Cai als "Kunstschamane" in der Tradition von Joseph Beuys. Er erscheint ihr als "Mythenspieler", der "scheinbar mühelos verschiedene Welten zusammenbringt" – wie eine "chinesische Wundertüte im globalen Standard." "Dass der Chinese ein gelernter Bühnenbildner ist, sieht man an der groß angelegten und präzise ausgerichteten mehrteiligen Inszenierung im Raum." Seine Videoarbeit evoziert für sie "Bilder der Vernichtung und des Krieges (…), aber eben nicht nur. Beklommen registrierte der Betrachter eine fast kindliche Faszination an der Schönheit des Feuers." Auch Eva Karcher von der Vogue empfindet Cais Arbeit als "explosiv und wunderschön" – zugleich "pyromanische Zeremonie“ und „flammende Meditation über Schönheit und Vergänglichkeit".

Nicola Kuhn vom Tagesspiegel ist ebenfalls fasziniert von den "Aufnahmen von Schönheit, Zerstörung, einer Elegie aus Lichtfunken, abstürzenden Sternen vor dem abendlichen Himmel Berlins. Schon nach Sekunden assoziiert man den Zweiten Weltkrieg. (…) Atemlos verfolgt der Betrachter dieses anspielungsreiche Werk der Vernichtung." Cai erscheint auch ihr als Zauberer, dessen Werk "seine Wurzeln in der chinesischen Tradition hat; er kreuzt es nur mit den konzeptuellen Ideen des Westens". Das Deutsche Guggenheim verwandelt er dabei "in einen Ort der Magie. Plötzlich meint man einen Windzug zu spüren, einen Energiestrom, der durch den gesamten Ausstellungssaal verläuft."