In dieser Ausgabe:
>> Mind the Gap!
>> Young Americans
>> Mika Rottenberg
>> Fischli & Weiss

>> Zum Archiv

 
Young Americans:
In London feiern zwei Ausstellungen eine neue Künstlergeneration aus den USA



Sowohl die Ausstellung der Saatchi Collection USA Today in der Royal Academy, als auch Uncertain States of America in der Serpentine Gallery zeigen zurzeit junge amerikanische Kunst. Angesichts dieses Trends fragt sich Ossian Ward, ob die USA gerade wieder zu ihrer einstigen Vorreiterrolle in der internationalen Kunstszene zurückfinden.




Alexandra Mir, Cold War, 2005,
Courtesy of The Saatchi Collection, ©Aleksandra Mir


Wir leben in einer Ära, in der die Kunst keine Bewegungen hervorbringt, keine erkennbaren Vorreiter und schon gar keine deutlichen Richtlinien hat. Ist es da überhaupt sinnvoll, über so etwas wie die weltweit einflussreichste Kunstmetropole nachzudenken? Natürlich gab es im letzten Jahrhundert einige Ausnahmen, wie das Paris um 1900, das New York der Sechziger oder das London der "Young Britisch Artists" in den Neunzigern. Aber eigentlich kann keine Stadt für sich in Anspruch nehmen, einziger oder wichtigster Impulsgeber für die Kunstwelt zu sein. Außerdem wäre dieser Anspruch auch vermessen – in Zeiten, in denen die globale Reichweite der Kunst sich ebenso über Mumbai oder Miami wie auch über die traditionellen Kunstzentren in Europa erstreckt.

Dennoch postulieren zwei aktuelle Londoner Kunstschauen gerade eine Wiederauferstehung der amerikanischen Gegenwartskunst – und das, obwohl ihre Titel Uncertain States of America und USA Today keinen deutlichen Hinweis auf eine bestimmte Stadt, Schule oder irgendeine Gruppierung gleich gesinnter Künstler geben. Allerdings lassen diese Titel den Rückschluss zu, dass in den USA gerade wieder vitale und herausfordernde Kunst produziert wird. Doch reicht das, um einer einzelnen Nation die erneute Vorherrschaft auf der internationalen Kunstszene zuzusprechen?




Matthew Day Jackson, Don't Tread On Me, 2005,
Astrup Fearnley Collection, Oslo,
©2006 Matthew Day Jackson


Wohl nichts wirkt sich schädlicher auf eine lokale Kunstszene aus, als der deutlich spürbare Verlust von Einfluss. Nach seiner langen Vorherrschaft auf der internationalen Szene, die immerhin von 1945 bis 1970 währte, erlebte New York solch einen Einbruch ungeheuren Ausmaßes. Der in den USA lebende australische Kunstkritiker Robert Hughes beschrieb die Achtziger als das schlimmste Jahrzehnt für die amerikanische Kunst. Er schob dafür nicht nur Julian Schnabel und seiner Clique den Schwarzen Peter zu, sondern machte dafür auch eine Reihe von Umständen verantwortlich: "Noch nie zuvor hatte es so viele Künstler, so viel um Aufmerksamkeit konkurrierende Kunst gegeben, so viele aufgeblasene Ansprüche und so wenig Sinn für Verhältnismäßigkeit." Diese Situation – zu wenig Nachschub an herausragender Kunst ein Überschuss an mittelmäßiger Kunst - hat sich in den letzten Jahren nur noch verschlimmert. Und für dieses Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ist wohl New York selbst verantwortlich – als nach wie vor herausragender Produktions- und Umschlagplatz für Kunst.

Während die US-Kunst unter Reagan vor sich hin dümpelte und lediglich die Szene an der Westküste wichtige Signale aussendete, konnte Europa natürlich viel von dem verlorenen Territorium zurückgewinnen, das die Amerikaner seit Mitte des Jahrhunderts mit dem Abstrakten Expressionismus, Minimal, Pop- und Konzeptkunst für sich beansprucht hatten. Das kreative Monopol schien nun eher von deutschen Malern und Fotografen besetzt zu sein oder einem Strom talentierter britischen Bildhauern, die dem Nachkriegsengland entwachsen waren und in deren Nachfolge die Young British Artists heranreiften.




Anthony Burdin, Voodoo Room, Oslo 2005,
Ausstellungsansicht im Astrup Fearnley Museum of Modern Art, Oslo,
Courtesy of the artist and maccarone inc., New York,
©2006 Anthony Burdin, Foto: © 2006 Fin Serck-Hanssen

Wie dem auch sei, die Royal Academy und die Serpentine zeigen Arbeiten von mehr als 70 jungen, amerikanischen Künstlern, die in unterschiedlichen Städten leben, in den unterschiedlichsten Disziplinen arbeiten und unterschiedliche Hintergründe haben. Dabei wird allerdings angedeutet, dass es in den USA gerade eine aufstrebende Bewegung in der Kunstproduktion gibt und sich die ästhetische Apathie im Lande nun langsam legt. Es sieht so aus, als sei im Niedergang der politischen, sozialen, und wirtschaftlichen Sphären des amerikanischen Lebens eine neue, erstarkte Kunstszene herangewachsen. Tatsächlich reagieren viele der ausgestellten Arbeiten ganz direkt auf Ereignisse, die sich unter der Regierung Bush zugetragen haben, wie zum Beispiel den Hurrikan Katrina, die Terroranschläge vom 11. September, den Krieg im Irak oder die sich immer weiter vertiefenden Klassenunterschiede, die den amerikanischen Traum zum Alptraum werden lassen.



Jules De Balincourt, People Who Play and People Who Pay, 2004,
Courtesy of The Saatchi Collection,
©Jules De Balincourt

Es ist nicht gerade so, dass in den beiden Ausstellungen patriotisch die Flagge gehisst würde. Vielmehr legen beide Schauen genau die entgegen gesetzte Attitüde an den Tag: eine anti-nationale Haltung, die eher dem Verbrennen der Nationalflagge gleichkommt. Den Auftakt zu Uncertain States of America bildet Frank Bensons 2005 entstandene Flag, ein Neuentwurf der berühmten Stars and Stripes, wobei die Sterne und Streifen so aussehen als wären sie vom Wind verweht worden, ehe sie auf das Zeichenbrett gebannt werden konnten. USA Today, die Ausstellung von Charles Saatchi’s Neuerwerbungen, beinhaltet gleich mehrere Beispiele, bei denen die amerikanischen Landesgrenzen neu gezogen werden. Das reicht von Alexandra Mirs Serie veränderter Landkarten ihrer Serie The Church of Sharpie (2005), die sie mit einem so genannten "Sharpie-Pen" zeichnete, bis zu dem ebenfalls 2005 entstandenen Gemälde US World Studies II von Jules de Balincourt, in dem er die Nord- und Südstaaten miteinander vertauscht hat.

Jules de Balincourt steuerte gleich mehrere Gemälde bei, die einen nicht gerade hoffnungsvollen Blick auf die amerikanische Wirklichkeit werfen. So hetzt auf The People Who Play and the People Who Pay (2004) eine Schar versklavter, schwarzer Angestellter umher, um auch das noch letzte belanglose Bedürfnis weißer Touristenscharen zu befriedigen. Auf Blind Faith and Tunnel Vision (2005) zieht sich ein erschreckend schöner Regenbogen des Kapitalismus über ein verwaistes Ghetto. Diese Reaktion des in Frankreich geborenen und in Brooklyn arbeitenden de Balincourt erscheint typisch für viele der zugezogenen Künstler, die mit dem zweifelhaften Etikett der "neuen Amerikaner" versehen werden.




Mika Rottenberg, Dough, Videostills, 2005/06,
©Mika Rottenberg, Courtesy Nicole Klagsbrun Gallery, New York

[1] [2]