In dieser Ausgabe:
>> Cai Guo-Qiangs explosive Kunst
>> Gregor Schneiders Tatorte
>> All Together Now: Rirkrit Tiravanija
>> Vadim Zakharov im Interview

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The Funny and Sad Adventures of the Foolish Pastor, Adventure No. 7, 1996, (c) Vadim Zakharov

Der Pastor wirkt fast anachronistisch …

Genau! Er fungiert als Brücke zwischen Tradition und Geschichte einerseits und der Gegenwart anderseits – das ist ein Aspekt, der mir sehr wichtig ist. Ich benutze oft solche Brücken, um die Funktionsweisen von Kultur besser zu verstehen. Ich bin wirklich ein "Kulturjunkie", versuche aber immer, eine normative Betrachtungsweise zu vermeiden. Ein Beispiel: Ich war an einem Kunstprojekt in Israel beteiligt. In diesem Land, in dem alles vollkommen gesättigt ist von seiner uralten Geschichte, fragte ich mich, was ich als zeitgenössischer Künstler dort zu suchen habe. Ich entschied mich dann, jene Sehenswürdigkeiten aufzusuchen, die wirklich jeder kennt und die heute rein touristische Orte sind: die Grabeskirche in Jerusalem, der Garten von Gethsemane usw. Ich schleuderte meine Videokamera in die Luft und schaltete mich damit als Autor der Bilder aus. Das Resultat war interessant (Apokryphen, 2002), denn niemand war in der Lage, in diesem eigenartigen Zufallsprodukt der Kamera den Garten Gethsemane zu identifizieren. Viele jüngere Künstler suchen heute immer nach dem radikal Neuen und beschränken sich ausschließlich darauf. Ich dagegen interessiere mich dafür, Dingen, die allgemein bekannt und kulturell tief verwurzelt sind, etwas Neues abzugewinnen.



As a Child, I was a mouse in a Zen Monastery, Installationsansicht, 2004, MMK Frankfurt

Pastor Zond ist auch ein gutes Beispiel für die wichtige Rolle, der Humor und Ironie in Ihrer Arbeit spielen…

Ja, Humor ist für mich universell verständlich. Selbst wenn man den Kontext eines Werkes nicht sofort begreift, so erhält man doch, wenn man für den Witz einer Arbeit empfänglich ist, sofort sehr schnell einen tiefgehenden Zugang. Ich habe das oft getestet. Wenn ein Künstler Humor hat, ist er erstens viel verständlicher und zweitens in der Lage, eine gewisse Distanz zu sich selbst zu wahren. Alle meine Freunde aus der Moskauer Konzeptuellen Schule haben einen ausgeprägten Sinn für Humor, obwohl es natürlich kein Ziel ist, witzige Arbeiten zu produzieren. Der Humor kommt einfach über eine ungewöhnliche Perspektive in die Werke. Humor kann Türen öffnen, aber darunter liegen oft andere Ebenen, die selbst ich nicht verstehe. Denn es ist schlicht unmöglich, alle Türen aufzustoßen. Diese Tatsache anzuerkennen, ist mir sehr wichtig. Ich kultiviere das regelrecht. Ich lasse diese Gebiete, zu denen ich keinen Zugang bekomme, unberührt und integriere sie in meine Arbeiten. Sozusagen als das "konzeptuelles Unbewusste".


Ihr Werk weist zahlreiche Bezüge zur Weltliteratur auf: Proust, Cervantes, Gogol usw. Wie wichtig ist Ihnen die Erzählung als künstlerische Methode?



Die Geschichte der russischen Kunst von der russischen Avantgarde bis zu den
Moskauer Konzeptualisten, Installation im Martin-Gropius-Bau, Berlin 2003, (c) MMK Frankfurt


Die russische Kultur basiert auf dem Wort. Es geht also weniger um die Literatur als vielmehr um den Primat des Wortes über das Bild. Was weiß man denn schon über die bildende Kunst Russlands? Man kennt die Ikonenmalerei und die russische Avantgarde, nichts weiter. Die Moskauer Konzeptuelle Schule hingegen hat sich wirklich mit der Grundlage der russischen Kultur befasst, mit Worten, Sätzen und mit der Literatur. Das war ihr Ausgangsmaterial. Ich bin wirklich bildermüde. Bilder sagen heutzutage überhaupt nichts mehr aus. Man ist doch von so vielen Bildern umgeben, dass man nur noch seine Augen schließen möchte. Eine meiner Editionen heißt Einhundert russische Märchen auf einer Seite (2001). Ich habe einfach den kompletten Text auf einer Seite übereinander gedruckt, bis er sich in ein Bild verwandelte. So entstand eine wirkliche Ikone, eine Ikone aus Worten. Ich bin sehr daran interessiert, die Balance zwischen Bildern und Worten neu auszuloten.


Vadim Zakharov, Executionchairs of Love, 2004
(c) Vadim Zakharov


Auf der einen Seite fließen viele Elemente der Hochkultur in ihre Arbeiten ein, auf der anderen Seite gibt bei Ihnen eine unleugbare Affinität zum Kitsch. Man sieht Rosen, pinken Satinstoff, Spitze und Porzellanfigürchen. Wieso spielen Sie so oft mit diesem Kontrast?

Weil ich glaube, dass sich beide Ebenen sehr ähnlich sind. Nehmen wir Proust. Ich mag ihn wirklich sehr, aber es ist doch wohl kaum möglich, unsere Kultur allein durch seine Werke verstehen zu wollen. Als Künstler und "Kulturjunkie" muss ich mit allen Ebenen arbeiten. Mickey Mouse z.B. mag ich überhaupt nicht, wie übrigens alle Comics. Trotzdem muss ich mir beides zusammen anschauen, um etwas von der Kultur und der Welt um mich herum zu begreifen. Wenn man nur eine Brille aufsetzt, sieht man gar nichts. Man muss durch mehrere Brillen gleichzeitig schauen und durch alle Schichten hindurch sehen. In meiner Serie Auf einer Seite arbeite ich nach demselben Prinzip. Das Bild ist nur dann vollständig, wenn alle Schichten zur gleichen Zeit sichtbar werden.

Apropos Proust: In Ihrer Performance und Videoarbeit Erste Korrektur zu Marcel Proust. Die Tötung des Madeleine-Gebäcks (1997) wird die hochsymbolische Proustsche Madeleine durch einen österreichischen Scharfschützen "hingerichtet". Warum muss sie auf diese brutale und ritualisierte Weise zu Tode kommen?

Die Madeleine ist wie ein Brennpunkt der Kultur, einem schwarzem Loch vergleichbar oder etwa einer Hostie. Sie ist ein wichtiges Objekt, das wie ein Archiv von Repräsentationen der Hochkultur funktioniert. Deswegen musste ich sie zerstören, weil sie gleichzeitig ein sehr verfälschendes, einseitiges Bild der Kultur darstellt. Proust war der Ansicht, dass die Madeleine für eine universelle Methode einsteht, die eigene Kindheit oder die Erinnerung zu verstehen, dass diese Tür oder dieses Fenster allen Menschen offen stehe, doch das stimmt nicht. Aber wie ich mich mal in einem Essay ausgedrückt habe eine Hinrichtung mag sicher nicht die beste Methode sein…


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