In dieser Ausgabe:
>> Cai Guo-Qiangs explosive Kunst
>> Gregor Schneiders Tatorte
>> All Together Now: Rirkrit Tiravanija
>> Vadim Zakharov im Interview

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Ohne Titel (Tomorrow is Another Day),
Installationsansicht Kölnischer Kunstverein, 1996
Courtesy neugerriemschneider, Berlin


Für Ramakien, a Rak Opera transportiert Tiravanija seinen erweiterten Kunstbegriff jetzt auf die Bühne: "Ich komme aus der bildenden Kunst, und obwohl ich immer sehr an der Kunstform Theater interessiert war, habe ich nie in diese Richtung gearbeitet. Einige Leute wissen vielleicht, dass ich ein Künstler bin, der sehr viel mit anderen zusammenarbeitet, und mit dem Publikum. Das ist ein Aspekt, der es interessant macht in diese Situation involviert zu sein. Von vorneherein geht es dabei um Zusammenarbeiten, um Kollaborationen." Auch am 28. Juli dieses Jahres, als im New Yorker Lincoln Center unter seiner Leitung Ramakien, a Rak Opera als kollaborative Interpretation einer Episode aus einem zweitausend Jahre alten Hindu-Drama zum ersten Mal aufgeführt wurde. In der thailändischen Variante des ursprünglich indischen Stoffes geht es um den Prinzen Rama, der versucht, mit Hilfe des gewitzten Affengottes Hanuman seine vom Dämonen Totsukan entführte Frau Sita zu befreien.



Aufführung von "Ramakien, a Rak Opera" beim Lincoln Center Festival,
Foto: Chira Wichaisuthikul



Das thailändische Wort Rak bedeutet übersetzt Liebe, es handelt sich also um eine Liebesoper. Amerikanisch ausgesprochen, mutiert das Wort Rak quer durch Raum und Zeit zu Rock, der Bezeichnung einer ureigenen amerikanischen Musikform, die selbst als Amalgam von "weißer" Country- und afroamerikanischer Bluesmusik auf höchst unterschiedlichen kulturellen Einflüsse zurückgeführt werden kann. Für die Produktion hatte der Künstler als eine Art kultureller Botschafter Thailands unterschiedlichste Künstler nach New York geholt: populäre thailändische Rockbands teilten sich die Bühne mit dem bekanntesten Orchester für klassische thailändische Musik, berühmten Tänzern, DJs und Videokünstlern.

Mit dem in Thailand lebenden amerikanischen Musikwissenschaftler und Komponisten Bruce Gaston fand Tiravanija sein perfektes Counterpart für das Projekt: "Er ist der einzige echte Thai in unserer Truppe, er hat länger in Thailand gelebt als ich. Es ist sehr wichtig, das man auch zu sehen bekommt, dass es möglich ist, Leute aus sehr verschiedenen Ecken der Welt zusammenzubringen, an einem Ort, wo sie gemeinsam an einem Projekt arbeiten, das ihre Unterschiede repräsentiert, und jedem dabei erlaubt, er selbst zu sein."



Aufführung von "Ramakien, a Rak Opera" beim Lincoln Center Festival,
Foto: Chira Wichaisuthikul

In einer chaotisch anmutenden Performance spielten alle Gruppen gleichzeitig auf einer Bühne, aber unabhängig voneinander ihre unterschiedlichen Stücke, als Illustration eines traditionellen thailändischen Selbstverständnisses, dass jeder seinem eigenen Rhythmus lauschen und folgen möge. "Man könnte wahrscheinlich sagen, dass dort die Kunst im Alltag integriert ist. Für thailändische Menschen gibt es keine Trennung zwischen sich selbst und den Dingen," erläutert er im Gespräch mit Dorothea Strauss.

Tiravanijas künstlerisches Anliegen ist es weniger ein absolutes Kunstwerk zu schaffen, als menschliche Beziehungen in den Mittelpunkt zu stellen, sie zu ermöglichen und zu fördern. Dieser Ansatz machte Rirkrit zum Posterboy für die Idee der relational aesthetics, wie sie der französische Kritiker Nicolas Bourriaud formulierte. In der Abgrenzung zu einer Kunst, die dem Künstler im Windschatten der Moderne nur die Möglichkeit zu winzigen Variationen bietet, lässt sich in den Arbeiten von Künstlern wie Tiravanija, aber auch Tobias Rehberger, Liam Gillick , Carsten Höller oder Andrea Fraser, eine historische Chance erkennen, die Welt, so Bourriaud, in "einer besseren Weise zu bewohnen", da die Kunstwerke nicht mehr imaginäre oder utopische Realitäten nur abbildeten, sondern selbst als Lebensweisen und Handlungsformen existieren.

Die offene Struktur dieser Arbeitsweise, die relative Formlosigkeit der so entstehenden Werke, die nur eine kohärente Arbeitsfläche vorgibt, eröffnet dabei die Möglichkeit für eine Synthese äußerst heterogener Einflüsse, ohne einen Gegensatz zwischen Kunst und Alltag zu artikulieren. Stattdessen wird Kunst zum sozialen Zwischenraum, eine Fuge, die unterschiedliche Elemente verbindet, aber Teil des globalen Systems bleibt – und dennoch Möglichkeiten für Alternativen erkennen lässt. Rirkrit Tiravanija fasst seine Projekte so zusammen: "Gemeinsam an einem Ort zu sein, und ihn zu aktivieren durch den eigenen, individualisierten Ausdruck ist etwas, an dem ich künstlerisch sehr interessiert bin."

Die im Artikel verwendeten Zitaten von Rirkrit Tiravanija stammen aus einem Radiointerview, das der Künstler am 22. Juli dem Musikjournalisten Rob Weisberg in der Sendung WMFU Transpacific Sound Paradise gab: http://wfmu.org/playlists/shows/19790

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