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Tragische Schönheit
Ein Gespräch mit Cai Guo-Qiang



Im Vorfeld zu seiner Ausstellung Head On ließ es Cai Guo-Qiang richtig krachen. Vor hunderten von Zuschauern sprengte er ein komplettes Haus in die Luft. Harald Fricke und Oliver Koerner von Gustorf haben sich mit dem chinesischen Künstler über sein Verhältnis zu deutscher Geschichte, tragischer Schönheit und die Gefahren einer globalen Eventkultur unterhalten.



Cai Guo-Qiang, 2006

Schon vor Tagen haben Arbeiter das kleine Haus errichtet, ein bisschen Fertigbau, ein bisschen Laube, weiß mit Giebeldach – eben typisch deutsch. Eigentlich nichts besonderes, nur, dass dieses Häuschen mitten in Berlin steht, auf einem brachliegenden Gelände neben der Ruine des Anhalter Bahnhofs. Doch niemand wird hier einziehen.

Als der Neubau am Abend des 11. Juli mit ohrenbetäubendem Lärm in die Luft fliegt, könnte man für einen Augenblick an eine Gasexplosion oder eine Bombe denken. Doch dann ist da dieses bunt schillernde Feuerwerk, das, begleitet von einem feinen Ascheregen, aus dem Inneren des brennenden Hauses in den rot glühenden Abendhimmel aufsteigt. Illusion II ist der Titel der explosiven Performance des chinesischen Künstlers Cai Guo-Qiang, die in der Videofassung ab dem 26. August im Deutsche Guggenheim in Berlin zu sehen sein wird.



Illusion II: Explosion Project, July 11, 2006
Stresemannstrasse/ Möckernstrasse, Berlin, Germany
Foto: Maria Morais

Cais erste museale Einzelausstellung in Deutschland ist in vieler Hinsicht sprengstoffgeladen, er "malt" mit Schwarzpulver. Auf seinen poetisch anmutenden Bildern formen sich Glut- und Schmauchspuren zu Wölfen und Löwen. Und dann ist da noch ein lebensechtes Wolfsrudel, das das Deutsche Guggenheim in Schach hält. Die 99 Wölfe streben in die Ausstellungshalle hinein, rennen, galoppieren, springen geradewegs auf die Wand an der Kopfseite des Raumes zu.



Illusion II: Explosion Project, 9:30pm, July 11, 2006
Stresemannstrasse/ Möckernstrasse, Berlin, Germany
Foto: Hiro Ihara, Courtesy of Cai Studio

Der 1957 in Quanzhou City, Provinz Fujian, geborene Künstler liebt die Gefahr und Herausforderungen: in jungen Jahren arbeitete er als Darsteller in chinesischen Martial Arts-Filmen. Inzwischen kann Cai allerdings auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken. 1986 verließ er seine Heimat um zunächst in Japan und später in New York zu arbeiten. Seit den frühen neunziger Jahren hat er rund um den Globus eine Vielzahl von Projekten verwirklicht, bei denen er traditionelle chinesische Kunst und Kultur mit postkonzeptionellem Denken verbindet. Ob er mit seiner explosiven Kunst auf Wände, Papier oder in den Himmel malt, Brücken, Drachen, schwarze Löcher aus Licht und Farbe erschafft – stets unterminiert er vorgeprägte Wahrnehmungsmuster und konfrontiert den Besucher mit den Paradoxien einer zunehmend globalisierten Welt.



Illusion II: Explosion Project, 9:30pm, July 11, 2006
Stresemannstrasse/ Möckernstrasse, Berlin, Germany
Foto: Hiro Ihara, Courtesy of Cai Studio

Zu Cais spektakulären Projekten gehören: Project to Extend the Great Wall of China by 10,000 Meters, Jiayuguan City, 1993; Transient Rainbow, Museum of Modern Art, New York, 2002, Ye Gong Hao Long: Explosion Project for Tate Modern, Tate Modern, London, 2003; Light Cycle: Explosion Project for Central Park, Creative Time, New York, 2003. 2005 kuratierte Cai Guo-Qiang den chinesischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Eine große Retrospektive des Künstlers im New Yorker Guggenheim Museum, die die Deutsche Bank unterstützen wird, ist für 2008 geplant.



Exploding House: Project for Deutsche Guggenheim Berlin
Gunpowder on paper, 2006, Collection of the artist
©Cai Guo-Qiang

Harald Fricke und Oliver Koerner von Gustorf: Warum handeln Ihre Arbeiten so oft von Ausserirdischen, Geistern und Fabelwesen?

Cai Guo-Qiang: Das Unsichtbare sichtbar zu machen, ob nun als Drachen oder Tiger, das gibt den Gedanken eine physische Präsenz. Aber im Ernst, es geht um Tiere und Geister, die doch eine menschliche Welt repräsentieren, ohne dabei konkret zu einer menschlichen Form zu gelangen. Schon meine Großmutter und auch meine Mutter haben sich an diese Tradition ihrer Vorfahren gehalten. Sie glaubten an die Macht der unsichtbaren Dinge, das gehörte zum Alltag, der nun auch in meiner Kunst zum Ausdruck kommt.



Transient Rainbow, Museum of Modern Art, New York, USA, 2002
©Cai Guo-Qiang

Ihre Arbeiten für Head On verbinden diese Tradition mit sehr unterschiedlichen Motiven, die in der Auseinandersetzung mit Berlin entstanden: einem typisch deutschen Häuschen, das bei Illusion II wie bei einem Bombeneinschlag explodiert und in Flammen aufgeht, oder die 99 Wölfe, die in der Ausstellungshalle kollektiv eine Mauer anspringen. Wie kam es zu diesen Bildern?

Das ist reiner Zufall. Es war eine Fantasie von mir, auf die ich beim Herumreisen hier in Deutschland gekommen bin. Als ich zum Beispiel das Haus für Illusion II gebaut habe, das dann durch das Feuerwerk explodiert ist, ist zur selben Zeit in New York ein Townhouse abgebrannt und eingestürzt. Natürlich hängen die Arbeiten auch mit Berlin zusammen, aber auf keine sehr spezifische Weise. Denn es geht darin um Dinge, die die gesamte Menschheit betreffen: die Schönheit der Zerstörung, Heldentum, die menschliche Blindheit. All diese Elemente vermitteln sich in einem sehr verkleinerten Maßstab, dennoch sind sie universell.



Ideenskizze für Vortex / Proposal drawing for Vortex, 2005
©Cai Guo-Qiang

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