In dieser Ausgabe:
>> Interview: Chris Ofili
>> Interview: Marcel Dzama

>> Zum Archiv

 
Der Blues der Moderne:
Chris Ofilis “The Blue Rider Extended Remix”



In der Hannoverschen Kestnergesellschaft beschwört der Londoner Künstler Chris Ofili die Utopien der Moderne und die Malerei des deutschen Expressionismus – in wunderschönen, strahlend blauen Bildern. Die Sammlung Deutsche Bank steuerte einen ihrer jüngsten Neuankäufe aus der Serie als Leihgabe bei. Oliver Koerner von Gustorf hat den Star der Young British Artists getroffen und sich mit ihm über Kandinsky, biblische Sünder, afrikanische Kunst und Led Zeppelin unterhalten.



"Siren Three", 2005
Courtesy Chris Ofili - Afroco & Contemporary Fine Arts, Berlin

Copyright: Chris Ofili

Seine mit Elefantendung verzierten "schwarzen Madonnen" bescherten ihm 1998 nicht nur den renommierten Turner Prize sondern auch einen handfesten Skandal. Dass Chris Ofili auf seinem Gemälde Virgin Mary Mist mit collagierten Images aus Blaxploitation-Filmen und weiblichen Genitalien kombinierte, erzürnte 1999 Bürgermeister Rudi Giuliani so sehr, dass er dem Brooklyn Museum, das das Bild in der legendären Gruppenschau Sensations zeigte, die Subventionen entzog. Seitdem hat Ofili zahllose Ausstellungen bestritten und wurde 2003 für seine spektakuläre Installation Within Reach auf der Biennale in Venedig gefeiert.

In diesem Sommer zeigt die Hannoversche Kestnergesellschaft Chris Ofilis erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland: Mit The Blue Rider Extended Remix erweckt der Brite nigerianischer Herkunft die Traditionen der europäischen Moderne und komponiert leuchtend blaue Bilder, die wie eine zeitgenössische Hommage an die Ideen der Vereinigung des Blauen Reiters wirken. In seinen Bildern spiegelt sich die von Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Franz Marc zu Beginn des 20.Jahrhunderts geforderte Synthese aller Künste wider - von Figuration, Abstraktion, Expressionismus und Spiritualismus, Malerei, Musik, Theater bis zu High Art und Volkskunst. Gleichzeitig erinnern die ganz in Blau- und Silbertönen gehaltenen Arbeiten in ihrer Farbigkeit, nächtlichem, dunklem Ozeanblau und phosphorisierendem, tropischem Mondlicht, an Ofilis neue Wahlheimat Trinidad und Tobago. Dabei sind seine melancholisch-schönen Paradiese von Heiligen, biblischen Sündern und verführerischen Göttinnen bewohnt – und ebenso zweifelhaft wie das verklärend-exotische Fernweh des europäischen Expressionismus.


Chris Ofili
©George Ikonomopoulos /TO VIMA

Oliver Koerner von Gustorf: Ihre Ausstellung Blue Rider Extended Remixscheint auf eine Vielzahl von Mythen der Moderne anzuspielen: auf das Interesse der Expressionisten an "primitiver" Kunst, auf die Sehnsucht, in der "unzivilisierten" Welt ein unberührtes Paradies zu finden, auf den Wunsch, in kleinen, avantgardistischen Gruppen abseits der großen Kulturmetropolen Kunst zu produzieren. Während diese Ideen noch immer wie eine ziemlich romantische Utopie wirken, sind wir uns heute natürlich bewusst, wie problematisch diese europäische Hinwendung zum "Primitiven" war. Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit diesem Widerspruch um?


"Blue Moon", 2005 / "Silver Moon", 2005
Courtesy: Chris Ofili - Afroco & Contemporary Fine Arts, Berlin
Copyright: Chris Ofili

Chris Ofili: Ich bin gerade jetzt besonders an europäischer Malerei interessiert. Bisher ging es bei fast allen Kommentaren zu meiner Arbeit um die Traditionen afrikanischer Kunst und Malerei, obwohl ich mich schon immer sehr mit europäischer Malerei beschäftigt habe. Aufgrund meiner afrikanischen Abstammung beziehen sich die Menschen zumeist weniger auf mein Werk, sondern auf meine Person und versuchen herauszufinden, was meine Wurzeln sind. Ich wollte diese Ausstellung nutzen, um ganz deutlich zu zeigen, wo meine Interessen wirklich liegen. In diesem Falle handelt es sich um eine Gruppe von Malern – von sehr europäischen Individuen. Ich wollte sie als eine Art Sprungbrett für mein eigenes Interesse an Spiritualität, Abstraktion und merkwürdigen Formen von Figuration nutzen. Die Künstler des Blauen Reiters haben unglaubliche Gemälde gemacht – irgendwie nicht von dieser Welt. Was ich an ihnen mag ist, dass sie als Gruppe auf gewisse Weise in Vergessenheit geraten sind. Im Bewusstsein der Leute nehmen Sie keinen bedeutenden Stellenwert ein. Dabei erfährt die Gegenwartskunst gerade ungeheuer große Beachtung. Ich lebe in Trinidad, fernab vom Trubel. Das erlaubt mir auf eine ganz eigene Weise zu operieren, und ich glaube, genau das ist heute besonders nötig. Alles und jeder spielt eine Rolle, und Informationen werden in ungeheurer Geschwindigkeit weiterverbreitet…

Sie sind doch kein Gauguin des 21. Jahrhunderts, oder?

(Lacht) Nein, diese Zeit ist nun wirklich vorbei.

Zumeist wird mehr über die Darstellungen auf Ihren Bildern, als über Ihre Maltechnik gesprochen. Dabei sind die Blau-Töne Ihrer Blue Rider-Serie wirklich überwältigend – sie scheinen in den Raum hinauszustrahlen. Wie erzielen Sie solch eine Leuchtkraft?

Einige der tiefblauen Bilder wirken sehr dunkel, doch sie sind tatsächlich auf silbernen Untergründen gemalt. Die erste Farbe ist Silber. So erzielt man dieses starke Leuchten, das hinter dem Blau hervor scheint – fast wie Mondlicht, silbriges Mondlicht. Viele der alten Meister bauten ihre extrem dunklen Gemälde auf einer hellen Grundierung auf, um sie dann Schritt für Schritt dunkler werden zu lassen. Meine Vorgehensweise ist sehr ähnlich: ich beginne das Gemälde mit sehr hellen, fast bleichen Farben und nähere mich langsam der Dunkelheit an. Am Ende entsteht dann der Eindruck, als würden die Bilder aus ihrem Inneren leuchten. Ich grundiere die Leinwand mit einer wasserlöslichen Silberfarbe und trage danach ganz gewöhnliche Ölfarbe auf. Ich male mit dem Pinsel, und manchmal sprühe ich Terpentin auf die nasse Farbe, um sie noch fließender erscheinen zu lassen. Man sieht das deutlich in der oberen Ecke meines Gemäldes Thirty Pieces of Silver – das Blau bekommt diesen Effekt, der an van Goghs Sternennacht erinnert.


"Thirty Pieces of Silver", 2005
Courtesy: Chris Ofili- Afroco & Contemporary Fine Arts, Berlin
Copyright: Chris Ofili


Kann es sein, dass Sie mit Blue Rider den deutschen Expressionismus auf dieselbe "exotische" Weise betrachten, mit der die europäischen Expressionisten "primitive" Kunst anderer Kulturen goutiert haben?

Das ist durchaus möglich, wenn Sie damit meinen, dass man in ein kunsthistorisches Buch blickt und sagt: "Hey, dies oder das mag ich", oder "dies bedeutet das, und jenes bedeutet das". Vielleicht teile ich diesen "exotischen" Blick auf fast beiläufige, touristische Weise. Ich hoffe allerdings, dass ich dabei nicht solch einen Schaden wie die Expressionisten anrichte.

Machen Sie Skizzen bevor Sie mit einem Gemälde anfangen, oder beginnen Sie direkt auf der Leinwand?

Ich arbeite ziemlich geradeheraus und entwerfe das Bild direkt auf der Leinwand. Aber für Thirty Pieces of Silver arbeitete ich ganz klassisch mit einem Aktmodell. Diese eher traditionelle, klassische Arbeitsweise geht in der zeitgenössischen Kunst ein bisschen unter. Ich dachte, es wäre eine gute Gelegenheit wieder damit anzufangen, um herauszufinden, ob es heute noch interessant ist, direkt nach einem lebenden Modell zu malen.

Woher stammt eigentlich das Orchester auf Thirty Pieces of Silver? Es sieht irgendwie marokkanisch aus.

Ja es stammt tatsächlich von einer Postkarte, die mir meine Frau aus einem Urlaub in Marokko schickte. Das Gemälde zeigt allerdings die letzten Tage des Judas. In der Bibel erhängt er sich, nachdem er Jesus mit einem Kuss verraten hat. Auf meinem Bild geht er in einen Strip-Club. Die Stripperin ist Salome und die Band ein hochklassiges, traditionelles marokkanisches Orchester. Und hier sehen wir, wie er die dreißig Silberlinge weggibt – sie vor Salome auf die Bühne wirft. Auf gewisse Weise handelt dieses Bild vom Weggeben der eigenen Schuld und der angehäuften Reichtümer.

Zugleich hat das Bild eine sehr rhythmische, fast musikalische Ausstrahlung. Die Begegnung mit Arnold Schönbergs Kompositionen war eine einschneidende Erfahrung für Kandinsky, die ihn zu seinen Ideen einer gegenstandslosen Kunst führte, die auf völlig reine Weise Musik und Gefühle visualisiert. In Artikeln und Interviews haben Sie immer wieder betont, dass Musik für ihre Kunst eine wichtige Rolle spielt.


Egyptian Blue 2004-2005
Sammlung Deutsche Bank
Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin
©Chris Ofili

Ich versuche gerade mein Verständnis von Musik zu erweitern. Gestern Abend hörte ich mit meinem Galeristen Bruno Brunet Led Zeppelin. Das war absolut fantastisch. Ich stand immer völlig auf Hip Hop und es kann einen wirklich für neue Erfahrungen öffnen, wenn man sich nicht auf eine bestimmte Musikrichtung festlegt, sondern alles Mögliche hört, das man als gut empfindet. Und genau das spiegelt auch mein aktuelles Werk wider. Ich will mich nicht mehr auf eine bestimmte Kunstrichtung festlegen, sondern meine Interessen erweitern. Und letzte Nacht Led Zeppelin zu hören, das glich einer seltsamen Wiedergeburt. Sehen Sie, normalerweise hätte ich dieser Musik überhaupt keine Beachtung geschenkt – das ist einfach nicht meine Kultur.

Hallo? Sie sind in England aufgewachsen. Mussten Sie nicht unweigerlich irgendwo Led Zeppelin hören, in der Schule vielleicht?

Nein. Du siehst diese Typen im Led-Zeppelin Outfit und weißt einfach, dass das nicht dein Fall ist. Wenn man dann aber die Musik hört, klinkt man sich ein, ganz egal welche Kultur das nun repräsentiert, und das ist eine befreiende Erfahrung. Für mich sind Musik und Malerei die mystischsten und reinsten Formen des Ausdrucks, und beide nähren einander. Sehen und Hören treffen im menschlichen Hirn an fast derselben Stelle zusammen, und für einen kurzen Moment können sich beide Wahrnehmungen überschneiden. Das gibt auch mein Bild Blue Rider’s Feedback wieder. Es springt einem geradezu ins Auge, und da ist diese gleißende Reflektion – die eine Art Rückkopplung hervorruft.



Blue Rider's Feedback
Courtesy: Chris Ofili- Afroco & Contemporary Fine Arts, Berlin
©Chris Ofili


Hören Sie Musik, wenn Sie malen?

Ja bei der Arbeit an meinen jüngsten Bildern immer wieder Nina Simones Album Four Women. Es ist eine Zusammenstellung von vier Alben, absolut fantastisch. Es lohnt sich, das Geld dafür auszugeben. Man kriegt all die Facetten mit, die sie als Künstlerin ausmachen, den Soul, den Blues, die sich gelegentlich fast der Dichtung annähern – und wie unglaublich virtuos sie am Klavier ist. Das war eine ungeheure Inspiration für mich und hat die Arbeit an den neuen Gemälden sehr beeinflusst. Sie sind aber keine Illustration von Ninas Musik, das wäre auch gar nicht möglich. Es war mehr so, als hätte sie mir im Atelier Gesellschaft geleistet.

[1] [2]