In dieser Ausgabe:
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Das ist wie eine Droge, dieses bittersüße, melancholische Gefühl….

Ja, und ihre Musik ist dabei sehr zweischneidig. Sie lebte in Paris und da ist dieser großartige Song Ne me quitte pas. Und wenn es um unterschiedliche Kulturen geht: Sie singt französisch, und dabei kann man diesen sehr afrikanischen Unterton heraushören. Und da ist noch ihr amerikanischer Akzent und diese ganz universelle Sprache des Verlusts, die all den Soul offenbart, den sie in sich trägt – wunderschön.


"Blue Damascus (Woman)", 2004 / "Blue Damascus (Man)", 2004
Courtesy: Chris Ofili- Afroco & Contemporary Fine Arts, Berlin
©Chris Ofili

Lassen Sie uns mit einer etwas hinterhältigen Frage aufhören. Auf Ihren Bildern sind Adam und Eva schwarz, und das Paradies scheint in Afrika zu liegen. Die Männer sehen wie Krieger aus, und die Frauen erscheinen als verführerische Göttinnen und Nackt- Tänzerinnen. Diese Geschlechterbilder wirken auf mich ziemlich konservativ – ziemlich weit entfernt von einer fortschrittlichen Utopie. Warum arbeiten Sie eigentlich mit solchen traditionellen Rollenbildern?

Ich bin froh, dass Sie das bemerken und diese Frage stellen, weil ich das selbst auch ganz deutlich sehe. Und natürlich ist das wirklich durch und durch heterosexuell, wie ein sehr heterosexueller und traditioneller Rahmen. Vielleicht trage ich das einfach in mir.



"Blind Leading Blind", 2005
Courtesy: Chris Ofili- Afroco & Contemporary Fine Arts, Berlin
Copyright: Chris Ofili

Ist das Ihnen etwa angeboren?

(Lacht) Nein - ich weiß nicht. Ich mache da niemanden für verantwortlich. Eigentlich versuche ich auch nicht, etwas über diese Geschlechterrollen auszusagen. Im Grunde geht es eher um die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte – darum, alte Darstellungen von Adam und Eva anzusehen und mit Künstlern wie William Blake zu korrespondieren. Auf meinen Gemälden nehmen Frauen eine sehr klassische Rolle ein – die der sexuellen Verführerin.


"Her Gift",2005
Courtesy: Chris Ofili- Afroco & Contemporary Fine Arts, Berlin
Copyright: Chris Ofili


Auf mich wirkt es so, als würden Sie Kunstgeschichte re-interpretieren, indem Sie die Malerei der europäischen Moderne mit zeitgenössischer Musik und afrikanischer Kultur aufladen. Sie holen etwas zurück, eignen sich etwas an und rücken etwas ins Licht. Sie stellen Fragen nach rassischer und subkultureller Identität – die traditionellen Geschlechterrollen lassen sie dabei allerdings völlig unberührt.

Das ist wirklich interessant. Ich habe vor kurzem damit angefangen, traditionelle, erotische, japanische Holzdrucke zu studieren, weil ich das Gefühl hatte, ich könnte mich in dieser Hinsicht weiter entwickeln. Weil ich ganz deutlich spüre, dass da etwas ist, das ich weiter erkunden sollte. Diese Holzdrucke sind sehr erotisch und gewagt. Und sie richten sich an jede nur erdenkliche Form sexueller Orientierung. Ich habe keine wirklich gute Antwort auf Ihre Frage, aber ich weiß, dass sie im Raum steht.



"Silver Nude One",2005
Courtesy: Chris Ofili- Afroco & Contemporary Fine Arts, Berlin
Copyright: Chris Ofili

Bin ich der erste, der sie gestellt hat?

Der erste – bis auf mich selbst. Ich bin mir dieses Themas bewusst. Aber ich lasse mir Zeit. Ich zwinge mich in meiner Arbeit zu nichts.

Es scheint, als wäre ihre Arbeit gerade in einer Phase des Übergangs begriffen.

Ich glaube, Ausstellungen sind Abbilder des Übergangs. Wenn man sich lebendig fühlt, ist man in ständiger Bewegung und verändert sich andauernd – das hoffe ich zumindest. Und sich die Dinge anzuschauen, ist tatsächlich ein Weg, um festzustellen, wie man sich verändert hat.


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