In dieser Ausgabe:
>> Eric Fischl: Räume für das Illegitime
>> Portrait: Anna Orlikowska
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Über die Alpen:
Von München nach Venedig



Surrealistische Puppen und antike Statuen im Münchner Kunstareal – konkrete Kunst und die zeitgenössische Sammlung eines Milliardärs in venezianischen Palästen: Das alles und noch viel mehr gibt es bei einer Fahrt über die Alpen zu sehen.

Ausgangspunkt unserer Sommerreise nach Venedig ist München. Vor der Fahrt über die Alpen lohnt es sich einige Zeit in der bayerischen Hauptstadt zu bleiben und die Vielfalt der Kunst zu genießen.



Besucherschlangen nachts
© Pinakothek der Moderne Foto: Haydar Koyupinar

Der erste Weg führt in die Pinakothek der Moderne, wo in diesem Sommer unter anderem Hans Bellmers surrealistische, monströs-erotische Puppen zu sehen sind. Bellmer stellte, nicht nur aus Opposition gegen den arischen Körperkult der Nazis, aus Pappmaché, Gips und Metall verstümmelte, verformte weibliche Puppen mit geschwollenen Geschlechtsorganen her, zeichnete oder fotografierte sie und kolorierte die Fotos. Die Puppen brachten ihm einerseits Verleumdungen und später auch Internierung ein, öffneten ihm andererseits aber die Türen der Pariser Surrealisten um André Breton, die ihn begeistert in ihren Kreis aufnahmen. Der gelernte Grafiker beteiligte sich 1935 an einer großen Surrealismus-Schau im New Yorker Museum of Modern Art und emigrierte schließlich 1938 nach Paris.



Hans Bellmer "Céphalopode 1900", 1939/1949
Privatsammlung, Schweiz



Hans Bellmer "La Poupée Poupée", 1935-36
Centre Georges Pompidou,
Musée national d' Art moderne, Paris


Das Münchner Kunstareal mit den Pinakotheken und dem Lenbachhaus birgt noch einen besonderen Schatz: In der Glyptothek werden die antiken Statuen, die König Ludwig I. in Italien und Griechenland sammelte, mit dem Barberinischen Faun im Zentrum, atemberaubend schön präsentiert. Aber auch abseits der zentralen Münchner Kunststätten gibt es einiges zu entdecken. Im rechts der Isar gelegenen Bogenhausen befindet sich das 1993 von den Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron gebaute Museum der Privatsammlung von Ingvild Goetz. "Prinzipiell sammle ich immer die jeweils junge Generation", sagt die frühere Galeristin. Das sind zur Zeit Video- und Fotokünstler, denen sie im Untergeschoss ihres Museums multimediale Ausstellungsräume geschaffen hat.


Wassily Kandinsky, "Studie für Murnau mit Kirche II", 1910, Privatsammlung

Natürlich empfiehlt sich ein Abstecher ins Oberbayerische Murnau, wo die expressionistische Malergruppe Der Blaue Reiter zwischen 1911 und 1913 in der "Russenvilla" ihre Sommer verbrachte. Das Schlossmuseum präsentiert Werke weltberühmter Künstler wie Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc oder Alexej von Jawlensky erfrischend unprätentiös. Das Konzept orientiert sich an dem Thema "Die Landschaft um Murnau" und stellt geologische Funde und die Geschichte der Stadt gleichberechtigt neben die Meisterwerke ihrer einstigen Einwohner. Ab dem 20. Juli zeigt das Museum in einer Sonderausstellung mit dem Titel Maler des Blauen Reiter Werke Paul Klees und anderer Expressionisten aus einer Privatsammlung. Nach dem Museumsbesuch kann man die von Münter gemalten Hochmoore und Seen erkunden und in der Natur jene expressiven Farben entdecken, die ihre Bilder so auszeichnen.


Gabriele Münter "Murnau 1910", Öl auf Leinwand, Schloßmuseum Murnau

Auch im 250. Jubiläumsjahr Mozarts hat Salzburg mehr zu bieten als diesen würdigen Geburtstag. Im Neubau des Salzburger Museums der Moderne auf dem Mönchsberg ist die Ausstellung Black Box/Chambre Noire des südafrikanischen Künstlers William Kentridge zu sehen. Vom Deutsche Guggenheim in Auftrag gegeben, setzt sich Black Box/Chambre Noire mit dem Massaker der deutschen Kolonialarmee an den Herero in Südwestafrika von 1904 auseinander.


William Kentridge, Untitled,
(drawing for Black Box/Chambre Noire), 2005
Foto: John Hodgkiss Deutsche Guggenheim, © William Kentridge

Kentridge animiert in seinen Filmen eigene Kohle- und Pastellzeichnungen, die er immer wieder verändert, ausradiert und neu zeichnet. Das Werk besteht aus einem mechanischen Miniaturtheater, Animationsfilmen, Kohlezeichnungen und plastischen Elementen und thematisiert neben dem Massaker selbst auch die Aufarbeitung der Schuld.


Museum der Moderne Salzburg Mönchsberg, Foto Werner Reichel, 2004

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