In dieser Ausgabe:
>> Eric Fischl: Räume für das Illegitime
>> Portrait: Anna Orlikowska
>> Was machen Sie im Sommer?
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Ertrinkende Räume
Anna Orlikowskas doppelbödige Inszenierungen



Letztes Jahr war sie für den von der Deutschen Bank gestifteten Preis für Junge polnische Kunst nominiert und ihre Installation "Being" sogte in der Warschauer Zacheta Galerie für Furore. Anna Orlikowskas Arbeit überzeugte auch die Jury, die sie mit dem zweiten Preis des Wettbewerbs auszeichnete - einem Arbeitsstipendium in Berlin. Jutta von Zitzewitz und Achim Drucks haben die Künstlerin in ihrem Atelier auf Zeit besucht.




Anna Orlikowska in ihrem Berliner Atelier
Foto: Achim Drucks


Im Berliner Problembezirk Wedding erscheint die Gartenstadt Atlantic wie eine gepflegte Oase . Das liegt daran, dass es den Besitzern der frisch renovierten Wohnblocks aus den zwanziger Jahren um mehr geht, als um Mieteinnahmen. Denn die Siedlung bietet Raum für ein Projekt, das auch der interkulturellen Verständigung und der Kunstförderung dient. Georg Uecker hat hier sein Atelier und ein paar Häuser weiter lebt und arbeitet Anna Orlikowska. Sechs Monate lang dient ihr eine umgebaute Ladenwohnung als temporäres Atelier. Eine ungewohnte Situation für die junge Stipendiatin. "Wenn ich die Vorhänge aufmache, fühle ich mich wie in einem Aquarium." Eine Herausforderung, die sie zu einer Installation angeregt hat. Zum Abschluss ihres Berlin-Aufenthalts wird sie das Ladenlokal in einen Kunstraum verwandeln - mit einer Installation, die vorbeilaufende Passanten durch die großen Schaufenster betrachten können.



Die Künstlerin im Schaufenster ihres Ateliers
Foto: Achim Drucks





Gerade aber wirkt das Atelier fast unbenutzt, nur ein leerer Tisch, ein Fahrrad und ein mit Krimskram gefüllter Einkaufswagen stehen darin herum. An der Wand lehnt ein großer Spiegel. Zum Gespräch bittet die schüchtern wirkende 27-Jährige in eine aufgeräumte Küche im Ikea-Look. Anna Orlikoska erzählt, dass sie mitten in der Realisierung eines neuen Fotoprojekts steckt, für das sie verborgene Orte im nächtlichen Berlin aufspürt und per Blitzlicht sichtbar macht. "Allein dadurch, dass ich statt natürlichem künstliches Licht verwende, ändert sich der Charakter der Bilder völlig. Das fasziniert mich." Damit knüpft sie an ein Thema an, mit dem sie sich seit ihrem Studium an der Kunsthochschule in Lodz beschäftigt - Unsichtbares sichtbar zu machen, die Präsenz einer Welt jenseits der physischen Realität festzuhalten. Der Künstlerin geht es in ihren fotografischen Arbeiten nicht darum, etwas zu dokumentieren. Die Kamera und das Medium Fotografie sind für sie nur Werkzeuge, mit denen sie ihre konzeptuellen Ideen verwirklichen kann. Zwar haben sie besonders die frühen Arbeiten von Cindy Sherman stark beeindruckt, heute aber schwärmt sie mehr für die spröden Inszenierungen von Thomas Demand. Sie betont, dass sie sich nicht primär als Fotografin versteht.



"Danse Macabre", 2005,
Courtesy Anna Orlikowska


Das spiegelt Sich auch in ihrer Arbeit Danse Macabre wieder. Das Triptychon konfrontiert den Betrachter mit einem undurchschaubaren Gewirr aus Farben und Formen, einem All-over bunter Kleidungsstücke. Sie quellen aus orangefarbenen Plastikcontainern, hängen an langen Stangen bis unter die Decke des hohen Raums und türmen sich auf Tischen - ein improvisierter Secondhand-Laden in einer ehemaligen Fabrikhalle. Am Rand des Bildes entdeckt man eine mysteriöse Gestalt - die Künstlerin selbst, ihr Gesicht verbirgt sich hinter einer Kuhmaske aus Plastik. Auch in den beiden anderen Bildern des monumentalen Triptychons taucht diese Gestalt auf, ein Fremdkörper aus einer anderen Welt in scheinbar realistischen Alltagsszenarien. "Die Bilder zeigen Orte aus meiner persönlichen Umgebung in Lodz. Die Wohnung meiner Eltern mit meiner kranken Großmutter oder die Werkstatt meines Vaters. Die maskierte Figur bringt eine symbolische Komponente in das Bild." Dabei ging es ihr weniger darum, die Stiere von Max Ernst oder Pablo Picasso zu zitieren, sondern eher um Bezüge zur Götterwelt des alten Ägypten. Auch das Anch-Kreuz, das sie als winzige Tätowierung auf ihrem rechten Arm trägt, verweist auf die ägyptische Mythologie. Es symbolisiert das ewige Leben.



"Danse Macabre" (Detail), 2005,
Courtesy Anna Orlikowska

Zu der Textilfabrik, die auf dem Triptychon Agoraphobia zu sehen ist, gibt es ebenfalls eine ganz persönliche Verbindung. Hier hat Anna Orlikowska nach ihrem Studium eine Zeit lang gejobbt. Sie erzählt, dass sie das Durcheinander in den maroden Fabrikhallen nach ihren Jahren in dem Refugium der Kunsthochschule wie einen Schock empfand, der sie zu überwältigen drohte. "Ich war an diese sauberen, wohlgeordneten Räume gewöhnt und dann fand ich mich plötzlich in diesem totalen Chaos wieder." Anders als in Danse Macabre erzeugt sie hier die Präsenz einer anderen Realität nicht durch mythologische Staffage, sondern allein durch formale Qualitäten.



"Agoraphobia", 2006,
Courtesy Anna Orlikowska

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