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>> Eric Fischl: Räume für das Illegitime
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Räume für das Illegitime
Eric Fischl im Gespräch mit Cheryl Kaplan





Eric Fischl
Foto: Cheryl Kaplan, © Copyright 2006 Cheryl Kaplan. All rights reserved.

Die Atmosphäre seiner Bilder ist schwül und vermittelt eine beinahe traumwandlerische Entrücktheit. Eric Fischls Figuren könnten glatt einer Story von John Updike entsprungen sein. Zerrissen zwischen der gelangweilten Mittelklasseexistenz in amerikanischen Vororten und geheimen Sehnsüchten und Ängsten, bevölkern sie Strände, hängen am Swimmingpool ab oder entspannen sich im modernistischen Ambiente ihrer Häuser. Der New Yorker Künstler deckt in seinem malerischen und druckgrafischen Werk die Schattenseiten einer nur vordergründig gelassen daher kommenden Privatsphäre auf. Gerade wird sein Werk anlässlich der von Peter Blum herausgegebenen Edition "Singular Multiples" vom Museum of Fine Arts in Housten gezeigt. Cheryl Kaplan traf den Künstler in seinem Atelier zum Gespräch.



Untitled no. 125, 1986, Oil on Kromecoat
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Ein Gemälde von David Salle steht in einer Kiste verpackt am Fuß der Treppe, die zu Eric Fischls New Yorker Atelier in Soho führt. Der Fahrstuhl ist defekt, und so müssen die Spediteure das Gemälde mehrere Treppen hinauf tragen. Salle und Fischl besuchten gemeinsam das California Institute of the Arts – genau zum richtigen Zeitpunkt, in den frühen Siebzigern. Die Schule war 1961 von Walt Disney in der Absicht gegründet worden, die bildenden Künste mit den darstellenden Künsten zusammenzuführen. Fischl wuchs, wie die meisten seiner Generation auf dem California Institute, in einer Vorstadt auf. Schon bald wurde die Vorstadt auch das zentrale Thema seiner Bilder, die voll gepackt sind mit sexuell aufgeladenen und verwirrenden Symbolen. Niemand hatte jemals zuvor die Vorstadt auf diese Weise porträtiert, schon gar nicht auf einem Gemälde. Todd Solondz tat dies viel später in seinen Filmen, aber Fischl war der erste, der ihre Schattenseiten aufdeckte und das Unheimliche und Schockierende im vordergründig Vertrauten zum Vorschein brachte. Die betörend anmutende Privatsphäre in seinen Bildern ist von eindringlich-grausamer Unbarmherzigkeit. Seine Akteure wirken lakonisch und angespannt zugleich, und wenn sie sich einander zuwenden, ist es als ob eine opernhafte Entrücktheit den Raum erfüllt.



Krefeld Project, Sunroom Scene 3, 2002
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Fischls Werk wird international ausgestellt, vom Whitney Museum of American Art und der Smithsonian Institution bis hin zu seinen Galerien, Jablonka in Köln und Mary Boone in New York. Ich habe mich mit ihm einen Nachmittag lang über seine frühen Zeichnungen, seine Gemälde und Monoprints unterhalten. Derzeit sind sie in der Ausstellung Singular Multiples anlässlich der neuen von Peter Blum herausgegebenen Edition im Museum of Fine Arts in Houston zu sehen.



Study for Sleepwalker, 3-teilig1979
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Cheryl Kaplan: "Sleepwalker", das Sie 1979 malten, hatte für die damalige Zeit etwas unglaublich schockierendes. Das Gemälde lancierte die Vorstadt als Genre. Wie reagieren Sie heute auf die Thematisierung der Vorstadt in der zeitgenössischen Fotografie, wie etwa bei Gregory Crewdson?

Eric Fischl: Crewdson weist eher Bezüge zur filmischen und psychologischen Sensibilität eines David Lynch auf. Das ist viel eindeutiger als meine Arbeiten. Vor den achtziger Jahren galt die Vorstadt nicht als ernsthafter Bildgegenstand. Cindy Sherman, David Salle und Barbara Kruger sind in Vorstädten aufgewachsen. Ich befasse mich mit der Vorstadt als archetypischer und psychologischer Situation, die sich in dieser Form überall abspielen könnte.



Krefeld Project, Living Room Scene 1, 2002
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Wonach entscheiden Sie, was in ihre Malerei Eingang findet und was nicht?

Eigentlich versuche ich, den dramatischen Moment, wo im Hintergrund etwas lauert, glaubwürdig darzustellen.

Wie war es eigentlich, das "Krefeld Projekt" in Deutschland mit Schauspielern zu erarbeiten?

Ich habe vorher nie mit Schauspielern gearbeitet, sondern immer nur mit Modellen. Da habe ich lediglich beobachtet und fotografiert. Ich fragte Dramatiker, Schauspieler und Regisseure in meinem Freundeskreis, was man mit Schauspielern macht. Der beste Ratschlag, den ich bekam, war, "Stelle sie vor Probleme wie: 'Sie will 500$, sie will ihm aber nicht sagen wofür'." Häufig war ich alleine davon schon so gefesselt, dass ich gar nicht zum Fotografieren kam.



Krefeld Project, Sunroom Scene 1, 2002
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Gibt es Charaktere, die sich durch ihre Arbeiten ziehen?

Früher kam das häufig vor. Es gab da ein Gemälde, auf dem ich eine Hochzeit zu malen begann, bis ich merkte, dass es gar keine Hochzeit mehr war. Ich fragte mich, was mache ich hier mit all' diesen Figuren? Schließlich landete ich bei einer nächtlichen Szene am Pool mit dieser Frau im Fledermaussessel und dem schwarzen Mann neben ihr.



The Brat II, 1984
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Ihre Arbeit vermittelt das Gefühl einer gegensätzlichen Spannung, sie stellt eine psychologische Polarität her.

Auf dem Gemälde Cargo Cults spielt sich alles an einem exotischen Strand ab. Im Vordergrund ist eine Tasche zu sehen und eine Schiffsbesatzung, die vom "Traumschiff" stammen könnte, hängt dort ab; einige sogar in Uniform… ein Typ ist nackt und ruft zu zwei nackten Frauen herüber, die am Ufer lang laufen. Im Hintergrund ist ein Schamane zu sehen, der scheinbar versucht, die Gruppe vorne im Bild mit einem Fluch zu belegen.
Im Zentrum von zwei ganz unterschiedlichen Welten schreit ein Wahnsinniger. Ich bin diesen Welten, die sich in verschiedene Richtungen bewegen, nicht nachgegangen. Aber ich hätte dem Schamanen vielleicht in sein Dorf folgen sollen, wo seine Macht einen Sinn gehabt hat. Das Gemälde verkörpert genau die Polarität, von der Sie gesprochen haben. Ich habe zwei Welten zusammen gebracht, die sich ihrer gleichzeitigen Existenz nicht widersetzen können. Wenn das Freizeitleben in schrecklicher Langeweile mündet, dann sehnt man sich nach dem Drama, das einen in den Wahnsinn trieb. Man muss respektieren, dass Kunst auch diese Gefühle vermitteln will.



Cargo Cults, 1984
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

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