In dieser Ausgabe:
>> Pressereaktionen zu "The Art of Tomorrow" im Deutsche Guggenheim
>> Cai Guo Qiang - Ein chinesischer Kunststar in New York

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Hier malt die Chefin selbst
Die Presse über die Ausstellung „The Art of Tomorrow: Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim“



Mit "The Art of Tomorrow" würdigt die Deutsche Guggenheim Hilla von Rebays Leistungen als Künstlerin und Kuratorin. Die Schau bietet einen Überblick über ihr gesamtes künstlerisches Schaffen. Und sie zeigt Rebays nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Aufstieg der gegenstandslosen Kunst. Sie begeisterte den amerikanischen Industriellen Solomon R. Guggenheim für diese "Kunst von Morgen" und avancierte zur Gründungsdirektorin des New Yorker Guggenheim Museums. Vor der Eröffnung von Frank Lloyd Wrights Meisterwerk fiel die eigenwillige Baroneß aus Deutschland allerdings in Ungnade. Die Berliner Ausstellungshalle Unter den Linden zeigt neben Rebays gegenstandslosen Gemälden, Zeichnungen und Collagen auch wichtig Arbeiten ihrer Freunde Wassily Kandinsky, Jean Arp und Kurt Schwitters . Die Presse zeigt sich vor allem an Rebays Persönlichkeit und Leistung als Kuratorin interessiert, ihre künstlerischen Arbeiten spielen in den Besprechungen der Ausstellung meist nur eine Nebenrolle.

"Eine später Wiedergutmachung" nennt Dirk Krampitz in der Welt am Sonntag "The Art of Tomorrow" im Deutsche Guggenheim. "Sie war nicht eingeladen, als ihr Museum 1959 eröffnet wurde. (…) Die Baroness war längst zur unerwünschten Person geworden. Nun besinnt sich das Guggenheim-Kunstimperium auf dessen einstige Gründerin – auch im Museum Unter den Linden." Für ihn liegt von Rebays Bedeutung darin, dass sie Solomon R. Guggenheim dazu animierte, "eine umfangreiche Sammlung von Werken anzulegen und so die moderne Kunst nach Amerika zu bringen". "Sie hatte Gespür, er das Geld für die Kunst". Über Rebays eigenen Arbeiten verliert Krampitz kein Wort.

Auch für Ingeborg Ruthe von der Berliner Zeitung ist die "enthusiastische Schau" eine Rehabilitation einer "Missionarin der Abstraktion", die "mit aller Leidenschaft andere, begabtere Künstler, so Wassily Kandinsky, Hans Arp, Paul Klee (…) protegierte. Das ist es, was Hilla Rebay groß und unvergessen macht. Sie gehört zur Guggenheim-Familie. Die Enkel haben es begriffen. Und gehandelt." Von Rebays künstlerische Produktion betrachtet sie mit gemischten Gefühlen. "Hilla von Rebays eigene (…) Werke sind – ausgenommen die poetisch skurrilen Aquarelle und die frechen, witzigen Täfelchen aus den Zwanzigern – eher mittelmäßig." Doch immerhin: "Die kleinen Dada-Collagen beeindrucken sehr."

Nicola Kuhn würdigt "Die Stürmische", so die Überschrift ihres Artikels im Tagesspiegel, vor allem wegen ihres Engagements für die abstrakte Kunst. "Auf ihren Einfluss (…)geht eine der bedeutendsten Sammlungen ungegenständlicher Malerei zurück

sowie der erste dezidiert moderne Museumsbau der Gegenwart – das Guggenheim-Museum." Sie vergleicht Rebays immensen Einfluss mit der aktuellen Situation im Kunstbetrieb. "Sucht man heute nach einer ähnlichen Figur, ähnlich nah an einem Sammler, landet man schnell bei den Händlern. (…) Eine schillernde Figur, die selber malt, mit dem Temperament eines "Sturmgewehrs" wird man kaum finden."

Unnachahmlich fasst die BZ die Doppelrolle Hilla von Rebays als Künstlerin und Gründungsdirektorin des Guggenheim Museums in der Überschrift ihres Berichts zur Ausstellung zusammen: "Hier malt die Chefin selbst".

Gabriela Walde nennt in der Berliner Morgenpost "The Art of Tomorrow" eine "Spurensuche, denn Rebays eigenes Werk verschwand von Anfang an hinter ihren Guggenheim-Aktivitäten." Zwar ist für sie Hilla von Rebay "keine Künstlerin der ersten Reihe." Die großen Ölgemälde wirken auf sie "recht epigonenhaft" und "zeigen den starken Einfluß Kandinskys, der sie mit nur einem Pinselstrich in den Schatten stellt." Doch sie schätzt "Hillas winzige Collagen, nur etwa handgroß, die von innen zu leuchten scheinen in ihrer ungeheuren Dynamik. Leichte fröhliche Figurationen, die über das Papier purzeln, mitunter in ihrem grazienhaften Schwung an colorierte japanische Tuschzeichnungen erinnern. Oder ihre Tanzskizzen, in denen sie leichthändig die Bewegung einfängt. Rebay ist dort gut, wo sie ihren eigenen Impulsen folgt, und nicht versucht, sich den Großen ihrer Zeit wie Kurt Schwitters und Hans-Jean Arp zu nähern."

Am intensivsten setzt sich Brigitte Werneburg in der tageszeitung mit Rebays eigenen Arbeiten auseinander. Die "große Sensibilität für subtile Farbabstufungen und eine sehr viel weniger ausgeprägte Empfindung für eine entschiedene, spannungsvolle Aufteilung der Leinwand für die abstrakten Formelemente geben ihren Bildern einen oft ausgesprochen dekorativen Charakter. Rebay selbst schätzte das Dekorative tatsächlich als eine wertvolle Eigenschaft der gegenstandslosen Kunst." Interessant sind für sie vor allem die Zeichnungen, auf denen Rebay die Atmosphäre der Jazz-Clubs von Harlem festhält. "Ein Hauch Berlin, wohin sie 1913 gezogen war, ist zu spüren, in der fast karikaturhaften Expressivität der schwarzen Gesichter und Körper, die an ihre Aquarelle vom Ballet Russes von 1910, aber auch an Dix und Grosz erinnert. Vielleicht ist hier noch ein Anknüpfungspunkt zu finden, meint man doch, diese Expressivität könnte der afroamerikanischen Künstlerin Kara Walker mit einen kunsthistorischen Anlass zu ihren bösen Scherenschnitten geliefert haben."