In dieser Ausgabe:
>> Blind Date Seligenstadt / New York: pa.per.ing / Dialog Skulptur Würzburg
>> "Art of Tomorrow" im Deutsche Guggenheim / Anton Stankowski in Stuttgart

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Ein Mann der Moderne:
Anton Stankowski wird in der Stuttgarter Staatsgalerie geehrt



Er war der Wegbereiter des grafischen Designs und der Schaffung von Corporate Identity. Sein Motto „Finden, Vereinfachen, Vermenschlichen“ sollte die deutsche Designgeschichte prägen. Das Logo der Deutschen Bank, das er in den Siebzigern entwarf, ist auf der ganzen Welt sichtbar. Mit Unterstützung der Deutschen Bank zeigt die Stuttgarter Staatsgalerie nun „Stankowski 06 – Aspekte des Gesamtwerks“, die bislang größte Retrospektive, die einen umfassenden Einblick in das Leben und Werk Anton Stankowskis gibt.


Anton Stankowski , Logo der Deutschen Bank (Stankowski DB), 1973, © Stankowski-Stiftung Anton Stankowski, Die Fläche, 1979, Öl auf Leinwand, © Stankowski-Stiftung


"Höchstmögliche Zweckmäßigkeit! Stoff- und Kräfteersparnis durch straffe Organisierung!(...) Entwicklung der Dinge aus dem Zweck und den stofflichen Gegebenheiten der Dinge heraus. Die durch den Zweck gebotenen Materialien weisen in reicher Fülle die Sinne berührende Kontrastkräfte auf... Erforderlich: Ihre Bändigung zu harmonischer Einheit."

Die ebenso pragmatischen wie fortschrittlichen Gestaltungsgrundsätze, die Anton Stankowski in den dreißiger Jahren in seiner laborhaften Gestaltungsfibel formulierte, sollten die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts prägen. Sein wohl berühmtester Entwurf, das von ihm Anfang der der siebziger Jahre entworfene Logo der Deutschen Bank, ist heute auf der ganzen Welt gegenwärtig – am Arbeitsplatz, auf Gebäuden, im Internet, in der Werbung, auf Briefpapier. Längst hat sich die Verbindung aus Schrägstrich und Quadrat als eines der prominentesten Symbole des westlichen Kapitalismus etabliert und seinen Schöpfer weltberühmt gemacht. Anlässlich seines 100. Geburtstags unterstützt die Deutsche Bank als Sponsor eine groß angelegte Retrospektive in der Stuttgarter Staatsgalerie, die Stankowskis gestalterische Pionierleistungen veranschaulicht und das Abenteuer, dem er sein Leben widmete – ein Prinzip zu entwickeln, das komplexe technische, wissenschaftliche und soziale Zusammenhänge in einer klaren Formensprache visualisiert.


Anton Stankowski, Titelblatt der Zeitschrift "Kochen", 1933-35, © Stankowski-Stiftung Anton Stankowski, Broschürentitel für Sulzer-Lüftung, Winterthur, 1934, © Stankowski-Stiftung


Die in zwölf Themenbereiche gegliederte Ausstellung „Stankowski 06 – Aspekte des Gesamtwerks“ wurden von 10 Kuratoren zusammengestellt. Mit über 200 Exponaten, nie zuvor gezeigten Fotografien, Gemälden, Skizzen, Plakaten und Originaldokumenten die bislang umfassendste Bestandsaufnahme eines faszinierenden Lebenswerkes, in dem es keine Trennung zwischen freier und angewandter Kunst gibt. Zugleich gilt es einen Künstler und Gestalter zu entdecken, in dessen Biografie und Schaffen sich die progressiven Kunstströmungen eines ganzen Jahrhunderts widerspiegeln.

Als der 1906 im Ruhrgebiet geborene Stankowski 1929 nach seiner Ausbildung an der Essener Folkwangschule in die Schweiz kam, hatte der junge Werbegrafiker bereits einiges im Gepäck: "Die Akzidenz-Grotesk, die ich heilig gesprochen habe, eine Grafik und Fotografie mit klarer Konzeption, Entwürfe für die Malerei, die von Kasimir Malewitsch, Lissitzky, Mondrian und Max Burchartz beeinflusst waren, die Idee der Vereinfachung und Versachlichung und Wissen von den Kunsttendenzen allgemein, dazu Ignoranz gegenüber traditionellen Gestaltungsauffassungen und Besessenheit für das Suchen, Finden und Machen – all das brachte ich mit nach Zürich." Die Stuttgarter Ausstellung macht die damalige Aufbruchstimmung spürbar. Zahlreiche Beispiele aus seiner Gestaltungsfibel oder die geometrischen Kompositionen seiner Ölbilder zeigen, wie stark Stankowski von der konstruktivistischen Kunst der russischen Avantgarde beeinflusst war, in der das Quadrat aufgrund seiner Prägnanz, Neutralität und seines Gleichmaßes eine besondere Stellung einnahm.


Anton Stankowski, Geometrisch, 1928,
©Stankowski-Stiftung


Doch während es in Malewitschs suprematistischer Kunst als Formel für die Summe aller reinen Empfindung und Zeichen eines übergeordneten, allumfassenden, geistigen Prinzips diente, fand Stankowski dieses „Urmodell“ schon bald erschöpft und versuchte, ihm alternative, funktionale Formmodelle entgegenzusetzen. Im Zürich der auslaufenden Zwanziger traf er auf eine rege Avantgarde, die von den Ideen neuer Gestaltung und Konkreter Kunst geprägt war. Im umtriebigen und äußerst kommunikativen "Zürcher Kreis", zu dem auch Künstler wie Max Bill und Richard Paul Lohse gehörten, wurden die Ideen des Bauhauses und der holländischen Gruppe "de Stijl" um Mondrian und Theo van Doesburg diskutiert.

Anton Stankowski, Fünf in zwei geteilt, 1936, Tempera auf Millimeterpapier, © Stankowski-Stiftung


Die Folgen dieser kreativen Auseinandersetzung lassen sich in der Stuttgarter Retrospektive an zahlreichen Beispielen ablesen. Bereits in Zürich bringt Stankowski die Schräge ins Spiel – auf Plakaten, Inseraten, Prospekten, in denen sich Typographien, collagierte Fotografie und graphische Elemente quer über das Bild ziehen. Die Modernität seiner Entwürfe wird nicht nur in den dadaistisch anmutenden Fotomontagen wie auf dem Prospekt für „Züricher Brechkoks“ sondern auch in der fotografischen Produktion dieser Zeit deutlich. Hier experimentiert Stankowski mit unterschiedlichen Formen der Ordnung und lichtet alltägliche Dinge ab – von der einfachen Konservendose, neuesten technischen Erfindungen bis hin zu Topf und Fahrrad. Das Selbstportrait von 1930 zeigt einen jungen Mann mit klarem, kühlen Blick, der vom Schnee auf Telegrafendrähten ebenso fasziniert ist wie von den Stahlkonstruktionen der Großbaustellen oder einer vorbeirauschenden Limousine, die er in seiner wohl berühmtesten Fotoarbeit, dem „Zeitprotokoll mit Auto“(1931) festhält.



Anton Stankowski, Schlüssel 1929, Fotografie (Vintage),
©Stankowski-Stiftung

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