In dieser Ausgabe:
>> Blind Date Seligenstadt / New York: pa.per.ing / Dialog Skulptur Würzburg
>> "Art of Tomorrow" im Deutsche Guggenheim / Anton Stankowski in Stuttgart

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So auch in ihrem Video Dough (2005-2006), in dem eine dicke, an Allergien leidende Frau an Blumen schnüffelt und so Tränen hervorbringt, die an ihrem Bein entlang rinnen und auf einer heißen Kachel zu ihren Füßen verdampfen. Während die Frauen in Rottenbergs Arbeiten wie Arbeiter in einem Sweatshop eingepfercht werden, erscheint die Produktion von Körperflüssigkeiten wie eine Parabel auf kapitalistische Arbeitsbedingungen – als echte Sisyphosarbeit. In der Lobby Gallery sind Zeichnungen zu sehen, die analog zu Rottenbergs Installationen entstehen und diese begleiten – Diagramme die von Pollen, Blumen und Reizstoffen nur so wimmeln.



Mika Rottenberg, e21, 2005
© courtesy the artist & Nicole Klagsbrun Gallery


"Subtil" nannte Holland Cotter, Kunstrezensent der New York Times die Arbeit der 1975 geboren Jennie C. Jones, die in ihrer filigranen Collagenserie Record & Listen in Yellow and Brown (2004) die Formensprache der klassischen Moderne und des Abstrakten Expressionismus mit Elementen der Jazzkultur verbindet. Auf den ersten Blick gleichen ihre kleinformatigen Bilder abstrakten Kompositionen. Doch dann entpuppen sich die Linien, die aus Quadraten und Rechtecken herauswachsen oder sich miteinander verbinden, als mikroskopisch feine Kabel und Mikrophone – das Ganze fügt sich zu einem Soundsystem zusammen. In ihrer Arbeit untersucht Jones, wie afroamerikanische Kultur die Vorstellungen von "Modernität" geprägt hat. "Einige geschichtliche Überschneidungen sind ziemlich deutlich", äußert Jones, "Zum Beispiel ein Gemälde von Jackson Pollock auf dem Cover einer Ornette Coleman -Platte oder der 'Scat-Talk', der die Beatgeneration beeinflusst hat, oder der Austausch von schwarzen 'Expatriates' (wie zum Beispiel James Baldwin) mit Pariser Intellektuellen." Während sie in ihren jüngeren Installationen neben Zeichnungen auch legendäre Jazz-Aufnahmen einsetzt, erforscht ihre Arbeit unterschiedliche schwarze, modernistische Utopien.



Charles LaBelle, Driftworks: London, 2004

Die Frage nach kultureller Verortung nimmt auch bei Teilnehmern der Ausstellung einen hohen Stellenwert ein. Mit seinen psychogeographischen Arbeiten erkundet der vom Situationismus geprägte Charles LaBelle die Schnittstellen zwischen Kunst und Wirklichkeit, wobei er die gesellschaftlichen Konstruktionen von geschlechtlicher, sozialer oder rassischer Identität kritisch untersucht. In der Lobby Gallery ist eine Auswahl seiner zwischen 2005 und 2006 entstandenen Sugar Hill Suite zu sehen, einer Serie von 800 Zeichnungen von Gebäuden, mit denen er seine täglichen Streifzüge durch den Harlemer Bezirk Sugar Hill dokumentiert: die "Brownstone"-Häuser des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Kirchen, Friseurläden, Jazz-Clubs, zerfallende Mietskasernen, Schnapsläden. In Anspielung auf seine eigene körperliche Bewegung und die unzähligen, unsichtbaren "Körper", die die Gebäude auf seinen Zeichnungen bewohnen, stellt er seiner Serie so genannte Bloodmaps zur Seite, auf denen er seine Wege durch das Gebiet mit Diagrammen aus Blut nachzeichnet – als durchquere er ein gigantisches Adernsystem.





Carlos Motta, Traktornaya Street (oben)
Gorky Entertainment Complex (unten),
beide aus der Serie Leningrad, Petrograd, Petersburg, 2006
© Carlos Motta


Urbanen Spuren folgt ebenfalls Carlos Motta, allerdings in St. Petersburg, wo er sich auf die Suche nach Orten und Schauplätzen begibt, die 1954 in Leningrad abgebildet wurden, einem Bildband der in der UDSSR während des kalten Krieges veröffentlicht wurde. In seinen Dyptichen stellt er die Bildtafeln von einst den Aufnahmen der heutigen Orte gegenüber. Historisches Material nutzt Carrie Moyer auf ganz andere Weise. Ihre Drucke beruhen auf Postermotiven der sechziger Jahre, aus denen sie einzelne Elemente isoliert und in abstrakte, rhythmische Formen transformiert. Auch die Brooklyner Künstlerin Chitra Ganesh lässt Images aus der Massenkultur in ihre surreal anmutenden Zeichnungen einfließen: Images von Bollywood-Postern und Comics paaren sich mit Motiven griechischer oder hinduistischer Mythologie, Fernseh- und Internetbildern. Der weibliche Körper erscheint gedoppelt, zerstückelt, fragmentarisiert - als amorpher Schauplatz kultureller Konflikte, auf dem vorgeprägte Geschlechterrollen mit verdrängten Ängsten und Sehnsüchten kollidieren.



Gareth James, An image of something for which a strong social taboo or legislation prohibits actual indexical repredentations, 2005
© Gareth James


Gareth James' aufwendig gefaltete Origami–Arbeiten greifen häufig Motive aus Zeitungen auf. Es sind dreidimensionale Denkmodelle, die sich auf formale Weise mit Abstraktion, Reduktion, zeitlicher und räumlicher Wahrnehmung auseinandersetzen. Gonzalez Langs Nachbildung einer CNN-Webseite thematisiert die Übertragung virtueller Bilder in die "Wirklichkeit" auf verblüffend pragmatische Weise. Die provisorisch "nachgemachte" Abbildung der Internetseite, die über einen Gefängnisausbruch berichtet, ist aus passendem Material gefertigt: Toilettenpapier.



Ignacio Gonzales Lang, Fake, 2004
© Ignacio Lang


pa.per.ing ist eine Ausstellung von Kartographien, Modellen, Methoden der Aneignung – wobei sich ein Großteil der Künstler auf mediale Vorbilder und Images beruft. So auch der Sportfan und bekennende Experimentalist Lee Walton , dessen Arbeiten ganz unterschiedliche Formen annehmen können: Zeichnungen, Video, Performances im Web, öffentliche Aktionen, Theaterstücke. Bei all seinen Projekten geht es Walton darum, neue, bewusstseinserweiternde Erfahrungen zu erzeugen. So auch in den Zeichenserien, die er seit Jahren von im TV übertragenen Baseballspielen anfertigt. Jeder einzelne Spielzug wird auf kleinen Zetteln als Diagramm festgehalten. Die Darstellungen der gesamten Spiele fügen sich zu rhythmischen Bildern, deren modernistische Eleganz an eine Begegnung zwischen Mondrian und de Kooning denken lässt. Die Virtuosität, mit der Walton konzeptionelle Lösungen mit formalen und ästhetischen Ansätzen kombiniert, ist erstaunlich - wie auch diese Ausstellung, die in jeder Beziehung Zeichen setzt.

Lee Walton, Yankees vs Boston, Sept 30, 2005
© Lee Walton, Courtesy Kraushaar Galleries, New York


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