In dieser Ausgabe:
>> Blind Date Seligenstadt / New York: pa.per.ing / Dialog Skulptur Würzburg
>> "Art of Tomorrow" im Deutsche Guggenheim / Anton Stankowski in Stuttgart

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Baseball, Jazz, die Erwartung von Glück:
pa.per.ing in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York



In der Lobby Gallery der Deutsche Bank New York ist eine Gruppenausstellung zu erleben, die im wahrsten Sinne Zeichen setzt. Mit zehn unterschiedlichen Positionen dokumentiert pa.per.ing nicht nur, wie aktuell die Zeichnung und die Arbeit mit dem Medium Papier sind. Die Schau beweist auch, dass in New York eine junge, konzeptionell orientierte Künstlergeneration heranwächst, mit der in Zukunft auch international zu rechnen ist, meint Oliver Koerner von Gustorf.



Alejandro Cesarco,
When I am Happy Drawings, seit 2002, Copyright Alejandro Cesarco

Selten war Unglück so fröhlich bunt: "When I am happy I won’t have the time to make these anymore" - "Wenn ich glücklich bin, werde ich keine Zeit mehr haben, das hier zu machen" ist in leuchtenden Buchstaben auf Alejandro Cesarcos "When I am happy drawings" zu lesen. Seit 2002 arbeitet der in Uruguay geborene Künstler an seiner Serie. Hunderte von Zeichnungen sind entstanden, auf denen er die immer gleichen Lettern in unterschiedlichen Farbkombinationen liebevoll und gewissenhaft mit Filzstift ausmalt. Auch wenn in der Lobby Gallery der Deutsche Bank New York nur eine kleine Auswahl seiner Serie gezeigt wird, ist der Eindruck überwältigend. Wie ein flirrendes Muster bedecken seine Sätze die Wand, wobei einzelne Buchstaben oder Worte für Sekunden ins Auge fallen, um genauso schnell wieder im farbigen Gewimmel zu verschwinden. Bei all der kindlich anmutenden Heiterkeit lässt Cesarcos Werk allerdings vermuten, dass er grundsätzlich nicht glücklich ist. Und es deutet an, dass seine Kunstproduktion sinnlos ist, weil auch sie es nicht schafft, ihn glücklich zu machen – eine absurde Sisyphosarbeit, die vielleicht nie zum Ziel führen wird.


Carrie Moyer, For Sister Corita, v. 1, 2004


"Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", schrieb der existenzialistische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus in seinem Mythos von Sisyphos über den antiken Helden, der von den Göttern dazu verdammt wurde, immer wieder einen Felsstein einen steilen Hang hinaufzurollen. Gerade dieses Tun in seiner äußersten und beharrlichen Sinnlosigkeit stellt Camus als ein Zeichen menschlicher Selbstverwirklichung dar. Diese existentielle Haltung drückt sich bei Cesarco nicht durch ein Bild oder eine malerische Geste, sondern durch den mechanischen, zeichnerischen Akt der Wiederholung aus. Während sich seine Serie in all ihren minimalen Abwandlungen mit der Transformation von Worten, Zeichen und Sprache beschäftigt, gleicht sie auch einem Tagebuch seiner Bemühungen. "Ich glaube neo-konzeptionelle Kunst hat eine Menge damit zu tun, dass man die Arbeit mit biografischen Bezügen infiltriert", sagt Cesarco, "Gleichzeitig denke ich nicht, dass ich wirklich etwas Neues mache, oder originelle Statements abliefere. Ich schaffe nur Verbindungen – ein offenes Werk, das eine Menge verspricht, aber keine fertigen Antworten liefert."



Chitra Ganesh, The Question Mark, 2005

"Offenheit" ist ein Begriff, der auch die thematische Ausrichtung von pa.per.ing beschreiben könnte. Die von Holly Block and Sofia Hernandez Chong Cuy kuratierte Ausstellung verzichtet ganz bewusst darauf, ein homogenes Gesamtbild zu entwerfen. Der traditionellen Definition der "Zeichnung" stehen die unterschiedlichsten Herangehensweisen an das Medium Papier gegenüber, die biographische, narrative und konzeptionelle Ansätze ebenso mit einschließen, wie die kritische Hinterfragung von Kunstproduktion und Autorschaft.


Jennie C. Jones, aus der Serie Record & Listen in Yellow and Brown, 2004
© Jennie C. Jones


In Zeiten, in denen junge Malerei Höchstpreise erzielt, und die Frage, wann die "Blase denn nun endlich platzt", die erhitzten Märkte und Kunstszenen erregt, wirkt pa.per.ing erstaunlich unaufgeregt, reduziert und frisch – um nicht zu sagen cool. Dabei spielt sicher auch die Entstehungsgeschichte dieser Ausstellung eine Rolle: pa.per.ing entstand aus der Zusammenarbeit zwischen Deutscher Bank und "Art in General", einer nicht kommerziellen Organisation in Lower Manhattan, die junge, in New York lebende Künstler und die Präsentation ihrer Werke fördert. Um die Ausstellung zu finanzieren, wurden im Sommer 2005 rund 65 Arbeiten aus der Unternehmenssammlung unter den Mitarbeitern des Hauptsitzes in der Wall Street versteigert. Zugleich wird eine Kommission den Erlös nutzen, um eine Auswahl von Arbeiten aus der aktuellen Ausstellung für die Sammlung Deutsche Bank anzukaufen.



Mika Rottenberg, Dough (Videostill), 2005-2006
© courtesy the artist & Nicole Klagsbrun Gallery


Dass sich die Förderung der lokalen Szene unbedingt lohnt, beweist die herausragende Qualität der Schau. Wie Alejandro Cesarco werden auch andere bei pa.per.ing vertretene Künstler sicher bald in der internationalen Szene eine Rolle spielen. Gerade erhielt die junge, aus Israel stammende Künstlerin Mika Rottenberg den Cartier Award 2006, der mit einer Einzelpräsentation auf der kommenden Frieze Art Fair in London verbunden ist. In ihren Videos und Installationsarbeiten zeigt sie Frauen in kastenartigen Bauten, die in einer Art Heimindustrie einfachen und zum Teil auch bizarren Arbeiten nachgehen.

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