In dieser Ausgabe:
>> Blind Date Seligenstadt / New York: pa.per.ing / Dialog Skulptur Würzburg
>> "Art of Tomorrow" im Deutsche Guggenheim / Anton Stankowski in Stuttgart

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Zeitgenössische Kunst trifft auf barocke Malereien


Für die von Morgan arrangierten Rendevous erweist sich das unweit von Frankfurt gelegene Seligenstadt mit seinen engen Gassen und pittoresken Fachwerkhäusern als ideales Ambiente. Denn das Kloster bildet den Ausgangspunkt für einen Kunstparcours, der durch das historische Stadtzentrum zur Galerie im Alten Haus führt, einem liebevoll restaurierten Fachwerkbau aus dem Jahr 1327, wo bereits 2005 die Ausstellung Dialog Skulptur mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank präsentiert wurde.


Blind Date Seligenstadt: Eine Arbeit von Sharon Lockhard im
ehemaligen kaiserlichen Schlafzimmer in der Prälatur des Klosters


In Blind Date treffen Weltbilder und Lebensentwürfe aufeinander, die sich gegenseitig über zeitliche und räumliche Begrenzungen hinweg durchdringen und befragen: Wie haben wir gelebt? Wie leben wir? Wie wollen wir leben? Das zeigt besonders anschaulich der Beitrag der jungen afroamerikanischen Künstlerin Ellen Gallagher, die im Obergeschoss der Prälatur auf die minimalistischen Arbeiten von Eva Hesse stößt. Vor einem riesigen Wandbild, dass eine Landschaft zeigt, ist Gallaghers in Vitrinen ausgestellte 60-teilige Serie De Luxe zu sehen. Die Bilder basieren auf Werbeanzeigen aus afroamerikanischen Magazinen wie Ebony, einer erfolgreichen Lifestyle-Zeitschrift, die 1945 eigens für den afroamerikanischen Markt entwickelt wurde. Erstmals zeigte Ebony schwarze Models, die sich an Autos schmiegten, spezielle Haarprodukte verwendeten oder Softdrinks schlürften.



Ellen Gallagher, aus der Serie "DeLuxe", 2005,
Sammlung Deutsche Bank,
©Ellen Gallagher, Courtesy the artist and
Hauser & Wirth Zürich London

Gallaghers Arbeiten sind von listigen Eingriffen gekennzeichnet, wie zum Beispiel den Kulleraugen und Perücken aus Knetgummi, mit denen sie die Vorlagen nachträglich ausschmückt. Ihre ornamentalen, visuellen Kommentare hinterfragen die Vergangenheit und unterwandern die Rollenvorbilder, die die Anzeigen propagieren. Die fragwürdigen Klischees afroamerikanischer Kultur spiegeln sich in der idealisiert dargestellten Welt des Barock und verdeutlichen, wie sehr unsere Realität von den jeweils herrschenden Denkmustern geprägt wird.

Wenn dieses Wechselspiel zwischen Werken und Architektur auch zusätzliche Dynamik in die arrangierten Künstlerpaarungen bringt, ist dies ganz im Sinne der Ausstellung. Denn bei Blind Dates handelt es sich um Begegnungen, bei denen es durchaus auch zu Spannungen kommen darf. Etwa wie bei der Gegenüberstellung von Martin Kippenbergers figurativen karikaturhaften Zeichnungen auf Hotelpapier und Hanne Darbovens strengen Rastern auf Millimeterpapier. Eine Künstlerkombination, die bei beiden Eigenschaften hervortreten lässt, die sonst oft übersehen werden: eine systematische Seite bei Kippenberger, expressive Tendenzen bei Darboven.



Eröffnung Blind Date Seligenstadt: links eine Arbeit von Kara Walker

Auch humorvolle Verbindungen gibt es zu entdecken. Etwa wenn Blind Date Aquarellen von Claudia und Julia Müller Papierarbeiten von Sigmar Polke gegenüberstellt. Die beiden Schwestern "samplen" Darstellungen des Heiligen Antonius aus Gemälden altniederländischer Meister, Polke verwendet Motive, die er auf den Witzseiten alter Zeitungen gefunden hat. Die Austauschbarkeit kultureller Zeichen und die daraus resultierenden Begriffsverwirrungen liefern den Künstlern Stoff für ihre humoristischen Improvisationen.


Claudia und Julia Müller, Zwei heilige Antoniusse
(Marten de Voss und Pieter Brueghel der Jüngere), 2004,
Sammlung Deutsche Bank
© Courtesy the artists & Peter Kilchmann Gallery, Zurich


Blind Date ermöglicht aber auch Treffen zwischen Künstlern, die sich aufgrund ihres Alterunterschieds nie hätten begegnen können. So beziehen sich die abstrakten Fotoarbeiten von Markus Amm auf die Fotogramme von László Moholy-Nagy. Von dem Bauhaus-Klassiker sind in Seligenstadt drei Fotografien zu sehen, die seine Vorliebe für ungewöhnliche Bildausschnitte demonstrieren. Aus der Vogelperspektive fotografiert, formen sich seine Stadtansichten mit ihren dominanten Diagonalen zu abstrakten Kompositionen.


Eröffnung Blind Date Seligenstadt:
Blick in einen der Räume der Prälatur

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