In dieser Ausgabe:
>> Hanne Darboven "Hommage a Picasso"
>> Hara Museum: Tokyo Blossoms / Max Beckmann & David Smith: Sponsored by DB

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Silberne Tore, archaische Wächter
David Smith im New Yorker Guggenheim Museum



Der einflussreiche Kunstkritiker Clement Greenberg betrachtete ihn als den bedeutendsten Bildhauer seiner Generation. Jetzt wird David Smith, ein Wegbereiter der abstrakten Skulptur in Amerika, mit einer großen Ausstellung im New Yorker Guggenheim gefeiert. Achim Drucks stellt die Schau vor, die dieses Jahr auch im Pariser Centre Pompidou und in der Tate Modern in London zu sehen ist.


David Smith mit Australia (1951) vor seinem Haus in Bolton Landing, New York, ca. 1951
Foto: David Smith, © The Estate of David Smith, Licensed by VAGA, New York
David Smith, Cubi XXVII, 1965
Foto: David Heald, © The Estate of David Smith, Licensed by VAGA, New York


Ein monumentales Tor, zusammengesetzt aus silbrig glänzenden Quadern und Zylindern – die Stahl-Skulptur Cubi XXVIII ist seit letztem Herbst das teuerste Werk der Gegenwartskunst. Ganze 21,25 Millionen Dollar war sie dem New Yorker Galleristen Larry Gagosian bei Sotheby's wert. Die Skulptur entstand 1965 als eine der letzten Arbeiten des amerikanischen Bildhauers David Smith, der jetzt anlässlich seines hundertsten Geburtstages mit einer umfangreichen Retrospektive geehrt wird. Gesponsert wird die Schau David Smith: A Centennial, die bis zum 14. Mai im New Yorker Guggenheim Museum zu sehen ist, von der Deutschen Bank.



David Smith, Construction (Lyndhaven), 1932
Foto: David Heald,
©The Estate of David Smith, Licensed by VAGA, New York

Die von Carmen Gimenez kuratierte Ausstellung erweist sich als grandiose Inszenierung: Die sich spiralförmig nach oben schraubenden Ausstellungsräume in der Rotunde des Museums bieten Smiths monumentalen Arbeiten genügend Raum, ihre Kraft zu entfalten. Über 120 Skulpturen sowie Zeichnungen und Skizzenbücher lassen Smiths Entwicklung von seinen kubistisch geprägten Anfängen bis zu den fast minimalistisch wirkenden Cubi lebendig werden. Den Auftakt der Präsentation bilden seinen ersten Skulpturen, die nach einem mehrmonatigen Aufenthalt auf den Jungferninseln in New York entstehen. Für Construction (Lyndhaven) (1932) kombiniert er Bruchstücke verblichener Korallen, zerklüftetes Blei und Eisenstäbe zu einer stehenden Figur – ein archaischer Wächter, der die Besucher der Schau in Empfang nimmt.

Seine frühen Jahre in New York prägen den jungen Künstler aus dem Mittleren Westen. Mit 21 Jahren taucht er 1926 in das Leben der intellektuellen Hauptstadt der USA ein. Zuvor hatte Smith sein Kunststudium an der Ohio University abgebrochen, um in einem Automobilwerk das Nieten, Löten und Schweißen zu erlernen. An der New Yorker Art Students League macht ihn der modernistische Maler Jan Matulka mit der europäischen Avantgarde bekannt. "Matulka war die Art von Lehrer, der dir sagt, dass du abstrakt arbeiten sollst, dass du die Musik von Strawinsky hören musst, dich fragt, ob du Stendhal gelesen hast. Durch ihn habe ich Kubismus und Konstruktivismus kennen gelernt." In New York verliebt er sich auch in die Malerin Dorothy Dehner, die er 1927 heiratet. Das Künstlerpaar bewegt sich im Zirkel der Wegbereiter des Abstrakten Expressionismus Willem de Kooning und Arshile Gorky gehören zu ihren Freunden, sie begeistern sich für Jazz, Modern Dance und afrikanische Stammeskunst.



David Smith, Aerial Construction, 1936
Foto: Lee Stalsworth/Christopher Smith,
©Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution, Washington, D.C.

Die aus Fundstücken zusammengeschweißten Eisen-Assemblagen von Julio González und Pablo Picasso regen Smith zu seinen ersten Metallskulpturen an, eine Serie von Köpfen. Für seinen Saw Head (1933) verwendet er ein kreisförmiges Sägeblatt, darauf geschweißte Metallteile lassen ein Gesicht entstehen. Den gezackten Kopf mit seiner schnabelartigen Nase setzt er mit einem kleinen Körper zu einem grotesk-bedrohlichen Gnom zusammen. Kurz darauf entstehen seine ersten abstrakten Arbeiten. Mit Aerial Construction (1936) wendet er sich gegen die traditionelle Vorstellung von Skulptur als einem massiven Objekt. Sein luftiges Netz aus rostrot bemalten Eisenstäben und -platten, das er um einen leeren Kern arrangiert, transportiert die Formen des Synthetischen Kubismus ins Dreidimensionale.



David Smith Bombing Civilian Populations, 1939
Foto: David Heald,
©The Estate of David Smith, Licensed by VAGA, New York

Konventioneller gestaltet Smith seine Medals for Dishonor (1938-40), die in einer speziellen Vitrine im Thannhauser-Flügel des Guggenheim zu sehen sind. Die 15 Medaillen ehren keine Helden, sondern zeugen in der Tradition Goyas von den Schrecken des Krieges. Bombing Civilian Populations (1939) zeigt eine nackte Frau umgeben von einer Ruinenlandschaft. Der aufgerissene Torso gibt den Blick auf ihr ungeborenes Kind frei, unter dem zerfetzten Fleisch ihrer Beine kommen seltsam mechanisch wirkende Skelettstrukturen zum Vorschein, neben ihr wird ein Kind von einer Bombe aufgespießt.


David Smith The Letter, 1950
Foto: David Revette Photography, Inc., Syracuse, New York
David Smith
Hudson River Landscape,
Foto: David Smith, © The Estate of David Smith, Licensed by VAGA, New York


Nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnen Smiths Skulpturen an Monumentalität und entstehen überwiegend als Serien, in denen er seine Themen variiert. Mit Hudson River Landscape (1951) kehrt er zu den Gestaltungsprinzipien von Aerial Construction zurück. Der Umriss der Skulptur erinnert an einen Rahmen, in dem die dünnen Stäbe und Bänder aus Stahl wie Linien und Kurven wirken. So verbindet Smith die Vitalität des Abstrakten Expressionismus mit Gonzáles Konzept von Skulptur als "Zeichnen im Raum".

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