In dieser Ausgabe:
>> Hanne Darboven "Hommage a Picasso"
>> Hara Museum: Tokyo Blossoms / Max Beckmann & David Smith: Sponsored by DB

>> Zum Archiv

 

Seifenblasen und Apokalypse
Max Beckmanns farbige Papierarbeiten in der Frankfurter Schirn



Erstmals zeigt eine Ausstellung ausschließlich die Aquarelle und Pastelle von Max Beckmann - Porträts und Strandszenen, aber auch Blätter mit privaten oder mythologischen Motiven. Obwohl Beckmann zu den wichtigsten Künstlern im 20. Jahrhundert zählt, waren viele dieser Arbeiten noch nie öffentlich ausgestellt. Die Schau, die noch bis Ende Mai in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen ist, wird von der Deutsche Bank Stiftung gefördert. Ein Rundgang von Achim Drucks.

Eine mysteriöse Szene vor nachtschwarzen Grund: Kopfüber hängt die junge Frau von der Decke, und das heruntergerutschte Kleid gibt den Blick auf ihren Rücken und die nackten Schenkelfrei. Links neben ihr steht ein Mann im Smoking, von rechts greift eine Hand. Fenster, Stuhl und Lampe werden mit wenigen Strichen angedeutet und signalisieren, dass sich diese unergründliche Begegnung in der Nacht in einem Innenraum, wohl einem Bordell, abspielt. Auffällig an dem hochformatigen Pastell von 1928 ist der Gegensatz zwischen der skizzenhaften Darstellung des Mannes und der plastischen Präsenz des Objekts seiner Begierden. Ihn hat Max Beckmann mit wenigen weißen Kreidestrichen auf dem schwarz aquarellierten Hintergrund umrissen, während er den nackten Körper der Frau sorgfältig herausarbeitet und so zum Zentrum des Bildes macht. Farbig akzentuiert hat er nur wenige Details.



Max Beckmann, Raub der Europa, 1933
©VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Das großformatige Blatt beschwört diese erotisch aufgeladene Situation mit einem absolut ökonomischen Einsatz der künstlerischen Mittel und ist einer der Höhepunkte der Ausstellung Max Beckmann - Die Aquarelle und Pastelle. Die Schirn gibt in dieser umfassenden Schau erstmals die Gelegenheit, Beckmanns farbige Papierarbeiten miteinander zu vergleichen. Dazu wurden über hundert Blätter, die teilweise noch nie öffentlich zu sehen waren, in der Frankfurter Ausstellungshalle versammelt. Die Deutsche Bank Stiftung hat die Ausstellung gefördert, denn die Bank ist dem Künstler auf besondere Weise verbunden: Beckmann war einer der ersten Träger des Preises der Villa Romana, die seit langem von der Deutschen Bank unterstützt wird, und er ist mit 25 Arbeiten in ihrer Sammlung vertreten.


Max Beckmann, Selbstbildnis mit Seifenblasen, um 1900, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006 Max Beckmann, Selbstportrait, aus "Tag und Traum", 1946, Sammlung Deutsche Bank




Beckmann privat: Der Prolog zur Ausstellung präsentiert in kurzen Filmschnipseln den Künstler von seiner sportlichen Seite: beim Baden, auf dem Tennisplatz oder mit seiner zweiten Frau Quappi beim Skifahren. Ein idealer Einstieg für eine Ausstellung, die nicht nur der ernsten Seite des "Mythenmalers" gewidmet ist. Dessen Malerei auf Papier - vor allem bei den Stillleben und Landschaften - spontaner, weicher und entspannter wirkt als die seiner repräsentativen Leinwände. Die chronologisch gehängte Schau beginnt mit einem frühen, um 1900 entstandenen Selbstporträt: Der 16-Jährige sitzt auf einer Bank, lässt Seifenblasen in die Luft steigen und schiebt dabei selbstbewusst sein markantes Kinn nach vorn. Beckmanns erste künstlerische Versuche schwanken noch zwischen Impressionismus und Symbolismus, den psychischen Zusammenbruch als Freiwilliger im ersten Weltkrieg verarbeitet er in expressiven Zeichnungen und Grafiken.

In den zwanziger Jahren etabliert er sich in Frankfurt als Künstler und Professor an der Städelschule. Jetzt beginnt er, sich verstärkt mit Aquarell und Pastell auseinanderzusetzen - Porträts, Stillleben und Akte lösen die düsteren Darstellungen des Krieges ab. Unbeschwert ist sein Stilleben mit Maiglöckchen (1925), eine lockere Komposition aus frühlingshaften Farben, sinnlich seine Liegende, elegant und verletzlich die junge Fänn Schniewind auf ihrem Porträt.


Max Beckmann, Liegende, 1932,
©VG Bild-Kunst, Bonn 2006

1933 wird der Maler von den Nazis als Professor an der Städelschule entlassen. Im selben Jahr entstehen großformatige Aquarelle mit existentieller Thematik, die in ihrer Wirkung nicht hinter den für Beckmann charakteristischen Gemälden zurückbleiben. Melancholisch sitzt ein Holzfäller zwischen drei Baumstümpfen, nur sein Hund leistet ihm Gesellschaft. Mord schildert den Einbruch des Chaos' in die bürgerliche Welt: Im Durcheinander eines total verwüsteten Zimmers ragt ein Paar nackter Füße unter einem blutigen Laken hervor.


Max Beckmann, Odysseus und Sirene, 1933,
©VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Das Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern thematisieren Blätter wie Geschwister und Odysseus und die Sirene, das den Mann als potentielles Opfer zeigt - willenlos dem Gesang eines unheimlichen Mischwesens aus Frau und Raubvogel ausgeliefert, dem er sofort folgen würde, wäre er nicht an den Mast seines Schiffes gefesselt. Was es bedeutet, der Versuchung nachzugeben, signalisieren die Trümmer gestrandeter Schiffe, die die Sirene umgeben.

Max Beckmann, Strandszene mit Sonnenschirm, 1936,
©VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Die dreißiger Jahre sind für Beckmann eine rastlose Zeit, erst ist er mit seiner Frau häufig auf Reisen, dann auf der Flucht vor den Nazis. Vermehrt entstehen in dieser Zeit farbige Papierarbeiten. Im Gegensatz zur Ölmalerei ist das Aquarell das ideale "Medium für unterwegs", mit dem schon Dürer seine Reiseeindrücke festhielt. In Oberbayern entstehen zahlreiche Landschaftsdarstellungen, an der holländischen Küste das Portrait von Quappi in einem Café oder unbeschwerte Strandszenen, die nichts von der angespannten Situation des Künstlers vor seiner Emigration 1937 ahnen lassen. Die letzten Arbeiten, die in Frankfurt zu sehen sind, vollendet er im Exil in den Vereinigten Staaten. Beckmanns Kosmos hat sich verdüstert. Davon zeugen verstörende Szenen wie Die Hunde werden größer , in der Hunde eine schreiende Frau bedrohen, oder Frühe Menschen , ein Blatt, an dem er über Jahre gearbeitet hat. In einer Urlandschaft schlüpfen monströse Wesen aus gigantischen Eiern, während am Himmel riesige Fische schweben. Surreal und rätselhaft geht die Szenerie dieser Komposition über die Bilderfindungen seiner Gemälde hinaus. Am Schluss der Ausstellung nimmt einen wieder der dunkle Beckmann mit seinen apokalyptischen Visionen gefangen. Die Büchse der Pandora steht offen, und grauer Rauch steigt in die Höhe: Das Unheil nimmt seinen Lauf.

[1] [2] [3] [4]