In dieser Ausgabe:
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Monika Baer, Ohne Titel (Chantecler Act. 1), 1993
Sammlung Deutsche Bank, © Galerie Barbara Weiss, Berlin


Selbst eine anscheinend völlig altmodische, aus der Zeit gefallene Zeichnung wie etwa Untitled von 1994 birgt beim intensiveren Studium der einzelnen Motive Details, die den ersten Eindruck in einer Art Inversion einmal um 180 Grad drehen. Hier ist es die links im Bild vom Baum hängende, geöffnete Volière, an die eine eigentlich ziemlich nutzlose Leiter gelehnt ist – schon wird mit einem einfachen Kunstgriff aus einer kitschigen ländlichen Idylle ein surrealistisches Rätsel.



Monika Baer, Ohne Titel (10.1.94), 1994
Sammlung Deutsche Bank, © Galerie Barbara Weiss, Berlin


Manchmal wirken Baers Szenerien fast wie Bühnen, auch kommen in ihren Bildern häufig Masken und dergleichen vor. Dies lässt sich inhaltlich in verschiedener Hinsicht deuten: Zum einen ganz nahe liegend als Verweis auf den Bereich des Theaters und damit auf Phänomene wie Rollenverhalten und Rollentausch von Mann und Frau, zwei seit Auftreten der Gender-Diskussion nach wie vor sehr aktuelle Themen in der zeitgenössischen Kunst. Und zum anderen – auf einer zweiten interpretatorischen Ebene – als Signal einer Künstlichkeit, die die Bilder selbst betrifft.



Monika Baer, Ohne Titel (25.12.93/27.12.93), 1993
Sammlung Deutsche Bank, © Galerie Barbara Weiss, Berlin


Baer gehört zu einer Generation von Künstlern, die bereits während des Studiums an den Akademien mit derart vielen Stilen und Stilbrüchen der jüngeren Kunstgeschichte konfrontiert wurden, dass der unreflektierte Umgang mit den malerischen Mitteln als Option quasi zwangsläufig ausscheidet. Die Erkenntnis, dass jede Art von Kunst zu jeder Zeit über den Augenschein hinaus durch einen signifikanten Subtext geprägt ist, der Auskunft darüber gibt, unter welchen Bedingungen und mit welchen verborgenen Zielen das jeweilige Kunstwerk hergestellt wurde – mit dieser Erkenntnis ist Baer sozusagen groß geworden. Als logische Folgerung daraus demonstrieren ihre Gemälde und Zeichnungen, dass sie in ihrer Abbildhaftigkeit nicht eins zu eins dem entsprechen, was der Betrachter auf den ersten Blick in ihnen sieht.

Für Baer ist ein Bild in erster Linie ein gemaltes Bild. Das heißt, dass ihm die bewusste Entscheidung für das Medium der Malerei gegen alle übrigen wie Fotografie, Computeranimation oder Laserprint usw. vorausgegangen ist. Das heißt aber auch, dass die Malerei für eine Künstlerin wie Monika Baer nur eine Möglichkeit unter vielen darstellt.

Monika Baer, Ohne Titel (ham), 2005
Foto: Hans-Georg Gaul
Courtesy Galerie Barbara Weiss


Um dem Ausdruck zu verleihen, wendet sie diverse Strategien an, wobei das Prinzip der Repetition zu den offenkundigsten gehört. Nicht nur, dass Monika Baer in verschiedenen Bildern immer wieder dieselben Motive zeigt. In manchen Arbeiten findet die Wiederholung sogar auf ein und demselben Blatt statt. In diesem Fall weichen die Darstellungen nur ganz leicht voneinander ab – mit dem Effekt, dass die konjunktivische Verfasstheit der einzelnen Bilder noch verstärkt wird. Die Botschaft ist: Es könnte so sein, aber eben auch ein bisschen anders.


Monika Baer, Inhale Exhale, 2006
Foto: Hans-Georg Gaul
Courtesy Galerie Barbara Weiss

In ihren neuesten Werken, die ab April auf der Triennale Beaufort 2006 im Museum für Moderne Kunst im belgischen Oostende zu sehen sind, hat Baer die Ortlosigkeit des Geschehens auf die Spitze getrieben. Die Gemälde der Jahre 2004/2005 bestehen nur noch aus unbestimmten, abstrakten Farbflächen, die sich aus dünnen, wie Schleier übereinander gelegten Schichten zusammensetzen. Aus diesen Farbnebeln stechen dann unvermutet Gegenstände und Körperteile hervor, die man in ihrer Banalität auf Anhieb identifizieren kann: ein Ohr, ein Foto von zwei Mitgliedern einer Blaskapelle, ein 10-Euro-Schein. Inmitten des Unerklärlichen fungieren sie als Ankerhaken der Vernunft, sie blitzen aus dem malerischen Nebel auf wie Katalysatoren von Assoziationen und laden den Betrachter ein, sich darauf seinen eigenen Reim zu machen. Die Bilder, scheint Monika Baer uns zu sagen, hängen an der Wand. Doch die dazugehörigen Geschichten, die entstehen im Kopf.

Monika Baer, 10 Euro, 2005
Foto: Hans-Georg Gaul
Courtesy Galerie Barbara Weiss


Monika Baer - Gemälde und Zeichnungen 1992-2005
3.März - 10. Juni 2006
Pinakothek der Moderne, München

8. Juli - 25. September 2006
Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster

Triennale Beaufort 2006
Museum für Moderne Kunst, Oostende
1. April - 1. Oktober 2006

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