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Terra Incognita:
Die Ideenwelten des Charles Avery



Der Zeichner als Philosoph: Für den Schotten Charles Avery verbindet sich die Chance Künstler zu sein nicht nur mit dem Privileg der Einsamkeit. Es geht auch um Verpflichtung – zum Nachdenken. Louise Gray hat sich mit ihm über wirkliche und imaginäre Inselreiche, Platons Höhlengleichnis und professionelle Träumer unterhalten.



Charles Avery, Untitled,
aus der Serie "That that dogs don't know they know", 2000,
Sammlung Deutsche Bank

Wenn Sie das nächste Mal vor einer Bleistiftzeichnung oder einer Installation stehen – wobei es sich nicht unbedingt um ein Werk des schottischen Künstlers Charles Avery handeln muss – tun Sie gut daran, darüber nachzudenken, was Sie sich da eigentlich anschauen. Avery, ein Zeichner von außergewöhnlichem Talent, ist ein präzieser, nachdenklicher Künstler, dessen Arbeiten tiefgründigen Reflektionen entspringen. "Ich bin nicht jemand, der Objekte herstellt, egal ob es sich dabei um Zeichnungen oder Skulpturen handelt", stellt er fest. "Natürlich", so führt er weiter aus, "ist alles ein Objekt – wenn ich diesen Begriff benutze, dann meine ich allerdings etwas, das Bestandteil der physischen Welt ist. Und sei’s nur dadurch, dass es Schwingungen in der Luft verursacht. Aber meine gesamten Arbeiten sind unvollendet."



Charles Avery, Nancy aged 3 and El Presidente,
aus der Serie: The Life and Lineage of Nancy Haselwon, 1999,
Sammlung Deutsche Bank



Wenn das etwas beunruhigend klingt, dann mit Absicht. Nicht weil Avery sich das Recht vorbehält, in das Haus jedes seiner Sammler hineinzuspazieren, um dort nachträglich Änderungen an den erworbenen Arbeiten vorzunehmen. Sondern weil er ihre Imagination dazu auffordert, Einfluss auf die Werke zu nehmen. Und zwar auf eine Art, dass man zu Recht behaupten kann, dass die Arbeiten unvollendet bleiben, dass ihre Interpretationsmöglichkeiten niemals ausgeschöpft sind. Geradezu obsessiv hat Avery diese Idee in seinen Werken herausgearbeitet. Alle seine Zeichnungen und Installationen sind sorgfältig durchdachte Fiktionen. Die Geschichten, die er erfindet und erzählt, könnten fast als Vorlagen für ganz spezielle Seifenopern dienen.

In The Life and Lineage of Nancy Haselwon (1998-99), einer Serie von 30 zu einem Buch zusammengefassten Zeichnungen, entwarf er eine fiktive, 100 Jahre umspannende Familiengeschichte. "Menschen kamen auf die Welt, wurden alt und starben. Alles vollzog sich in einer klaren Dynamik: Sex, Leidenschaft, Freundschaft, Verwandtschaft. Den Protagonisten widerfuhr nichts Außergewöhnliches. Der Stil der Zeichnungen erscheint ziemlich fotografisch – aber keineswegs fotorealistisch – was die Schattierungen und den klaren Ausdruck anbelangt. Sie sind nicht zeitlos, eher zeitgenössisch. Die Arbeit wirkt wie ein Fotoalbum, das einem zufällig in die Hände fällt."


Charles Avery, Untitled,
Studie zu The Life and Lineage of Nancy Haselwon, 1999,
Sammlung Deutsche Bank

In The Creation of the Omniverse (1998,) einer Serie von fünf Zeichnungen, portraitiert der Künstler zwei trinkende alte Männer, eine vorbeilaufende Kellnerin, einen verschütteten Drink und, in den Myriaden Tröpfchen des umherspritzenden Biers, eine unendliche Anzahl von Universen, Möglichkeiten, Wirkungen. "Als Medium meiner Arbeit habe ich die Zeichnung gewählt", sagt Avery. "Ich bin ein Zeichner. Ich zeichne, um meine Ideen zu realisieren. Ich habe immer gezeichnet. Um als Künstler voranzukommen, muss man sich entscheiden, was Kunst eigentlich ist. Durch das Zeichnen kam ich zur Philosophie, und das hat mich wiederum zum Denken gebracht. Zeichnen hat ja etwas mit Bedeutung zu tun. Das Zeichnen bildet die Grundlage, wobei man nicht unbedingt zeichnen können muss. Zu zeichnen ist absolut explizit. Alles wird dabei offen gelegt."

Die Fähigkeit, oder genauer, die Gelegenheit zum Zeichnen bringt laut Avery ganz klare Verpflichtungen mit sich. "Wenn man Künstler ist, besitzt man in dieser Welt ein außergewöhnliches Privileg: das der Einsamkeit, was nur wenigen Menschen vergönnt ist. Sie gibt einem die Gelegenheit zu Träumereien und zum Nachdenken. Ein Künstler, der immer wieder das gleiche Werk produziert, missbraucht dieses Privileg… Alle Verantwortung liegt letztlich immer beim Künstler."



Charles Avery, Uncle Eugene's funeral, 1999, Sammlung Deutsche Bank
Courtesy Doggerfisher, Edinburgh

Seine jüngste Ausstellung in der Edinburgher Doggerfisher Gallery, The Islanders — An Introduction (2005), wandelt spielerisch auf einem schmalen Grat zwischen Realität und Fantasie. Die Insel, um die es hier geht, ist – und ist gleichzeitig auch nicht – seine Heimatinsel Mull vor der Westküste Schottlands. Einige der Ortsnamen kommen aus dem schottischen Gälisch, einer Sprache, die selbst in ihren einstigen Hochburgen auf der Insel massiv vom Aussterben bedroht ist.

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